Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 18
4. Juli 2002
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte Deutsche Chinatexte
 
         
 

Ein Rätsel auch für Sinologen


turandot So ganz hochgestimmt begibt sich ein Sinologe nicht an die Lektüre von Friedrich Schillers "Turandot", obwohl diese als "Prinzessin von China" vorgestellt wird und das ganze Stück als "ein tragikomisches Märchen nach Gozzi" charakterisiert wird.

Turandot ist ein Fräulein Rührmichnichtan, das alle Bewerber um ihre Gunst abweist. Von ihrem Vater "Altoum, fabelhafter Kaiser von China" ertrotzt sie ein Edikt, daß nur der Prinz sie gewinnen könne, der drei Rätsel löse. Sonst verliere er den Kopf. Das Bühnenbild schon der ersten Szene wirkt recht verheißungsvoll:

"Vorstadt von Pekin (!). - Prospekt eines Stadttors. Eiserne Stäbe ragen über demselben empor, worauf mehrere geschorne, mit türkischen Schöpfen versehene Köpfe als Masken und so, daß sie als Zierat erscheinen können, symmetrisch aufgepflanzt sind."

Vor beinahe genau 200 Jahren, am 30. Januar 1802, ließ Schiller dieses Stück in Weimar uraufführen. Sein Gewährsmann, der Stückeschreiber Carlo Gozzi (1720-1806), hatte seine Tragikomödie, die Schiller nur bearbeitete, vor 240 Jahren zur Uraufführung gebracht, am 22. Januar 1762. Das Motiv des Stückes war persischen Ursprungs, und viel China haben beide nicht hineingebracht, als sie die Szenerie nach "Pekin" verlegten. Wenigstens ein Rätsel der Turandot kann jedoch nur ein Sinologe lösen bzw. ein Zeitgenosse Schillers, der ein bestimmtes Detail der Chinaleidenschaft in der Zeit der Aufklärung kennt:

"Wie heißt das Ding, das wen'ge schätzen,
Doch ziert's des größten Kaisers Hand?
Es ist gemacht, um zu verletzen,
Am nächsten ist's dem Schwert verwandt.
Kein Blut vergießt's und macht doch tausend Wunden,
Niemand beraubt's und macht doch reich,
Es hat den Erdkreis überwunden,
Es macht das Leben sanft und gleich.
Die größten Reiche hat's gegründet,
Die ältsten Städte hat's erbaut,
Doch niemals hat es Krieg entzündet,
Und Heil dem Volk, das ihm vertraut!
Fremdling, kannst du das Ding nicht raten,
So weich aus diesen blühenden Staaten!"

Der letzte Vers soll offenbar eine freundliche Umschreibung für die angedrohte Köpfung sein, und auch sonst zeigt sich Schiller bei diesem Rätsel nicht ganz auf der Höhe seiner Dichtkunst. - Der liebentbrannte Prinz hält sich vor Schreck die Augen zu, einer Sklavin der Turandot bebt das Herz, der König fleht zu Gott, ein Minister möchte am liebsten in die Küche gehen, "nach einem Essigglas" - wie für Christus am Kreuz oder mit Spreewaldgurken? Die Spannung steigt ins Unerträgliche, der Prinz indes zeigt sich sogleich gefaßt:

"Nur Eure Schönheit, himmlische Prinzessin,
Die mich auf einmal überraschend, blendend
Umleuchtete, hat mir auf Augenblicke
Den Sinn geraubt. Ich bin nicht überwunden.
Dies Ding von Eisen, das nur wen'ge schätzen,
Das Chinas Kaiser selbst in seiner Hand
Zu Ehren bringt am ersten Tag des Jahrs,
Dies Werkzeug, das, unschuld'ger als das Schwert,
Dem frommen Fleiß den Erdkreis unterworfen -
Wer träte aus den öden wüsten Steppen
Der Tartarei, wo nur der Jäger schwärmt,
Der Hirte weidet, in dies blühende Land
Und sähe rings die Saatgefilde grünen
Und hundert volkbelebte Städte steigen,
Von friedlichen Gesetzen still beglückt,
Und ehrte nicht das köstliche Geräte,
Das allen diesen Segen schuf - den Pflug?"

Der altchinesische Ritus des sogenannten Heiligen Pflügens der Kaiser hatte die europäischen Aufklärer fasziniert, auch die Künstler, die ihn öfter darstellten, wie (siehe die Abbildung) um 1770 Bernhard Rode. Mit dieser Rätsellösung ist das "tragikomische Märchen" allerdings noch längst nicht vorüber.

rode

Wer mag, der sollte Schillers "Turandot" einmal lesen. Heute erscheint es als eine Art Metatext, der eine ganz eigene Komik entfaltet. Wer nicht mag, der sollte ins nahegelegene Schwerin fahren, zu den Schloßfestspielen. F.B. Busoni schrieb nämlich über diesen Stoff eine Oper, 1917 in Zürich uraufgeführt, und der große G. Puccini eine weitere, die am 25. April 1926 in Mailand erstmals gespielt wurde. Letztere wird gerade in Schwerin aufgeführt - als eine Mischung aus Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg und China-Schmonzette mit goldenen Löwen, roten Laternen und viel Schall und Rauch. Auch drei Chineslein, die bei Schiller noch fehlten, treten jetzt auf: Ping, Pang und Pong, und einer von ihnen wird durch einen Koreaner dargestellt und gesungen.
 
 
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