Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 18
4. Juli 2002
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst ChinaS
jetzt und einst
Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
         
 

Der Festakt

Feier Am Freitag, dem 14. Juni 2002, 18 Uhr, wurde der Flügelbau Ost, in welchem das Asien-Afrika-Institut jetzt beheimatet ist, feierlich eröffnet. Universitätspräsident Dr. Jürgen Lüthje, Bürgerschaftspräsidentin Dr. Dorothea Stapelfeldt und Dekan Prof. Dr. Manfred Pohl hielten kurze Ansprachen im großzügigen Foyer des Instituts: alles angemessen und würdevoll.

Unter den zahlreichen Gästen war das Stifterehepaar Greve, auch Vertreter des konsularischen Corps hatten sich nicht nehmen lassen zu kommen.
Um einige Tage vorausgegangen war dieser Feier die ebenso feierlich gedachte Schlüsselübergabe im Rathaus, zu der nur ein kleiner Kreis von Bevorzugten geladen war. Hier hatten sich einige Krawallmacher vom ASTA nicht nehmen lassen, ebenfalls zu erscheinen. Lautstark erhoben sie ihre Stimmlein gegen Stifterförderungen für die Hochschulen. Ihnen genügt die "Staatsknete". In kräftigen Buh-Rufen der Geladenen gingen ihre verqueren Thesen bald unter.

Auch am Freitag, dem 14. Juni, waren allerdings im Foyer des AAI Töne zu hören, die manchem als befremdlich erschienen sein mögen. Ein Kammerensemble intonierte Werke von Klaus-Hinrich Stahmer und Chen Xiaoyong, einem Lehrbeauftragten der ChinA. Beide Komponisten sind Anhänger einer modernen Musikübung, "Neutöner" also. Beide lassen sich bei ihren Kompositionen überdies von asiatischen oder auch afrikanischen musikalischen Traditionen inspirieren. Hierzu wußte K.-H. Stahmer einige erhellende Worte zu sagen.

Zu den dargebotenen Werken gehörte eine Komposition, die das AAI bei Chen Xiaoyong in Auftrag gegeben hatte.

Chen Xiaoyong

Er schrieb ein längeres Stück für chinesische Harfe, chinesische Mundorgel, Klangschalen und menschliche Stimme. Bei dieser Uraufführung hatten die Anwesenden, so sie moderner Musik noch nicht begegnet waren, zumindest die Gelegenheit, ihre Ohren neuen Klängen zu öffnen - oder eben auch zu verschließen. Selbst in diesem, beklagenswerten, Fall, werden sie jedoch bemerkt haben, mit welcher Virtuosität die Künstler ihre Instrumente handhabten. Jedes von ihnen ist ohnehin nicht leicht zu beherrschen, doch die Partituren verlangten ihnen weit mehr ab als Beherrschung, sondern eine außerordentliche Ausdruckskraft, im piano wie im forte.

Würdevoll verlief die Veranstaltung, doch ihr fehlten nicht erheiternde Augenblicke. Kaum hatte die Flötistin ihr Instrument an die Lippen gesetzt, stürmten knapp zehn junge Leute von irgendeinem Party-Service ins Foyer und trugen die Häppchen-Platten für den Empfang nach dem Konzert in den zweiten Stock. Das war ein vergnügliches Bild, wie sie, hübsch gewandet, zu der Weise "Herr der Winde" über die Freitreppen emporeilten. Den Ignorabimus in Sachen Neutöner mag ihr Anblick über manchen Hörschmerz hinweggetröstet und ihn erwartungsvoll gestimmt haben. Zumindest bei einem professoralen Kollegen ist sich der Berichterstatter da ganz sicher. Der ist bei jedem Empfang anzutreffen, ob er nun dahin gehört oder nicht, und findet auch stets einen Platz ganz nahe bei der Kulinarik.
 
 
 

Die Festwoche

aai-festwoche

Das waren auch jetzt ungewohnte Klänge, allerdings ganz anderer Art, und Düfte dazu, die in der Woche vom 10. bis zum 16. Juni durch den Flügelbau Ost wehten! Für die ersten fünf Tage hatten die Studis des AAI ein buntes Programm entworfen und organisiert: kleine Vorträge, Theateraufführungen, Musikdarbietungen, Kurzeinführungen in die Sprachen ihrer Fächer, kleine Ausstellungen usw. usw. Dem Einfallsreichtum waren wenig Grenzen gesetzt. Fünf Fachschaften gestalteten die ersten fünf Tage der Festwoche. Nach dem offiziellen Festakt am Freitag folgte am Sonnabend, dem 15. Juni, ein allgemeines AAI-Programm, das sich eher an Außenstehende und an Absolventen der einzelnen Fächer richtete.

Insgesamt darf diese Festwoche als gelungen angesehen werden. Am lebhaftesten ging es am Tag der "Indonesier" zu, die auch politische und diplomatische Prominenz aus ihrer Bezugsregion ins AAI gelockt hatten. An nächster Stelle folgten die vereinigten Thaiisten/Vietnamisten/Koreanisten, welche die Festwoche am Montag mit ihrem Programm eröffneten. Stiller verlief der Tag, den sich der Vordere Orient reserviert hatte, doch Trubel ist nicht das einzige Kriterium für den Erfolg einer solchen Veranstaltung.

aai-festwoche Sichtbar wurde für den Betrachter allemal, welches Potential an auch außeruniversitärem Talent und Engagement den Studierenden dieser Asien/Afrika-Fächer eignet. Das mag nicht für jede und jeden gelten, aber für überraschend viele. Überdies - bei keinem der zu dieser Jahreszeit beliebten Straßen- und sonstigen Feste in HH lassen sich so viele kulinarische Köstlichkeiten aus Asien und Afrika genießen wie in dieser einen Woche im AAI.

Ein krönender Abschluß hätte der Sonntag Vormittag werden können. Mehrere Musikantengruppen, darunter ein Gamelan-Orchester und eine japanologische Trommel-Band, gaben ein hinreißendes Konzert. Das hätte viele Bürger aus der Stadt ins Foyer des AAI locken können - wenn sie denn davon gewußt hätten. Allem Anschein nach hatte die lokale Presse, aus welchen Gründen auch, auf dieses Konzert, wie auf die ganze Veranstaltungswoche nicht hingewiesen. Lediglich das Anzeigen-"Wochenblatt" brachte einen kurzen und nicht sehr informativen Artikel. Desungeachtet waren an allen Tagen Bürger aus der Stadt ins AAI gekommen: ein erfreuliches Zeichen.

aai-festwoche Auch Feiern will gelernt sein, die öffentlichkeitswirksame Vorbereitung von derlei allemal. Anlaß für eine nächste Feierwoche dieser Art wird das AAI nicht so schnell wieder haben, doch insgesamt waren diese Tage derart gelungen, daß sie eine Feier-Tradition eröffnen sollten. Warum sollte nicht künftig alljährlich eine Abteilung des AAI einmal in jedem Semester einen solchen Feiertag ausrichten, zumindest einmal in jedem Jahr? Der könnte dann zielgerichteter vorbereitet werden, und die Sinologen, die diesmal nur beim allgemeinen AAI-Programm am Sonnabend vertreten waren, sollten den Anfang machen.

Die Chancen, die dieser Flügelbau Ost in vieler Hinsicht bietet, müssen schließlich kontinuierlich genutzt werden. Zu den positiven Überraschungen, welche diese Festwoche brachte, gehört übrigens, daß sich die Akustik im Foyer wider alles Erwarten vortrefflich für musikalische Darbietungen eignet.
 
 
 

Der deutsche Wald und China: ganz anders

In Folge 17 standen ein paar Bemerkungen über unterschiedliche chinesische Interessen am deutschen Wald. Jetzt ist zu vernehmen, daß unsere chinesische Freunde sich gerade für die berühmten Gostorfer Wälder in Nordwestmecklenburg interessierten. Dort haben sie es auf die prachtvollen Kiefern abgesehen, um sie -oh Schreck, oh Graus- zu dem beliebten Laminat zu veredeln. Mit großen TV- und Journalistengefolge waren die chinesischen Forstexperten nach Wismar gereist und zeigten sich bald begeistert. Ungefähr Anfang Juli sollen ihre Bilder von deutschem Wald im Netz stehen: unter www.ynd.com.

Nicht dem gilt jedoch diese Notiz, sondern einer Überraschung, die anläßlich der Einweihung von Flügelbau Ost in Zimmer 134 daselbst eintraf - von Dr. Rose Hempel, der langjährigen Kustodin für den Ostasien-Bereich im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg. Inzwischen lebt sie, hochbetagt, in ihrer Heimatstadt Dresden. Diese Überraschung bestand aus einem unförmigen Karton, aus welchem dann ein längliches Stück Baumholz mit Rinde auftauchte, dem sieben chinesische Schriftzeichen aufgetragen waren - in einer derben, jedoch ausdruckstarken Kalligraphie.

Ein echter Wissenschaftler kann auch im Alter das Forschen nicht lassen, und ein wahrer Kunstkenner hält sich stets die Augen offen für neue, ihm unbekannte Kunst. Beides gilt für Rose Hempel in besonderem Maße. In Dresden entdeckte sie einen Künstler, der als Autodidakt begonnen hatte, sich für chinesische Schriftzeichen und Kalligraphie zu interessieren: Thomas Baumhekel. Für deren "profundes Studium" lasse er sich, meint sie, nicht anspornen, "doch irgendwie überzeugt er". Diese Baumholz-Kalligraphie ziert jetzt eine kahle Nische in Flügelbau Ost 134 und wird in den Besitz der ChinA übergehen, die bereits über eine kleine Kunstsammlung verfügt, und die Bescheidenheit der Stifterin zeigt sich in der folgenden Bemerkung: Wenn dem Berichterstatter die Bedeutung der Aufschrift nicht gefalle, "drehen Sie das Holz einfach um, denn dann erscheint ein ganz besonderes wunderliches Holz, dessen ästhetische Qualität fasziniert." Wenn ich Genaueres über Thomas Baumhekel weiß, widme ich ihm hier noch einmal eine Notiz.

Heute erzähle ich lieber eine Anekdote über Rose Hempel. Vor ungefähr fünfzehn Jahren kam ein Hamburger Bürger ins ChinS. Er trug eine großes Tuschbild bei sich, eine Querrolle, mit Beischrift und Kolophon usw. Alles an diesem Werk schien zu stimmen: Bildanlage, Signatur, Kalligraphie, Künstlerstempel usw. Es konnte nur von dem großen Tung Ch'i-ch'ang stammen, und ich sollte nur die Texte darauf übersetzen. Ich rief Rose Hempel an, die das Bild zuvor begutachtet hatte. Sie hatte in allem die gleichen Eindrücke gesammelt, doch: "Aber ... aber, die Tusche (bei den kalligraphischen Teilen) ist so fahl." Der Zufall wollte, daß bald danach chinesische Museumsleute für eine Ausstellung in HH ein zweifelsfreies Werk von Tung Ch'i-ch'ang mitbrachten. Behutsam, mit feinen Handschuhen entrollten sie es in kleinstem Kreise - und wie auf diesem die Tusche glänzte! Dann zeigten weitere Einzelheiten, daß das Hamburger Werk eine vortreffliche Nachschöpfung war, in Teilen eine Kopie und in anderen Teilen eine, allerdings sinnvolle, Montage. Gewiß war es nicht aus schnödem Täuschungs- und Gewinnstreben entstanden, sondern vor einem persönlichen Hintergrund, irgendwann im 19. Jahrhundert.

Solche Kennerschaft in Details zeichnet den wahren Kunstliebhaber aus, und wer dann auch noch das Vergnügen hatte, mit Rose Hempel an der Alster die eine oder andere Flasche Champagner leeren zu dürfen, der vermißt sie in Hamburg.
 
 
 

Eine Berichtigung und ein Nachtrag

Mit e-mail vom 15. Juni teilt Herr Christian Weinert, M.A., mit, daß in HCN 17 der Titel seiner Magisterarbeit falsch wiedergegeben wurde. Statt "Wang Zhennan muzhiming" muß es in deren Titel heißen: "Wang Zhengnan muzhiming". Die "Hamburger China-Notizen" bedauern diesen schwerwiegenden Fehler außerordentlich.

chinas18_6.jpg Da den "Hamburger China-Notizen" bekannt ist, daß der Schreiber dieses Eingesandten gelegentlich den Freuden der Kochkunst frönt, dokumentieren sie ihm zum Ausgleich und als Nachtrag zu einem Bericht in HCN 17 das Staatsmenü, daß China-Präsident Jiang Zemin auf Einladung von Bundespräsident Rau am 9. April 2002 zu sich zu nehmen hatte:
- Terrine von Flußkrebsen und Forelle
- Essenz von der Ente mit Kräuercrepe
- Gebratenes Rinderfilet mit gefülltem Minikohlrabi, Spitzmorcheln und Sherryrahm
- Kafferoulade und weißes Mokkahalbgefrorenes

Dann war Jiang Zemin erlöst. - Wenn Chr. W. das nachvollziehen möchte, dann sollte er allerdings vorsehen, daß nach dem ersten oder zweiten Gang zwei längere Reden vorzusehen sind. Die "Hamburger China-Notizen" könnten auch hierfür einige treffliche Vorschläge unterbreiten.
 
 
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