Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 17
13. Juni 2002
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte Deutsche Chinatexte
 
         
 

Wo war Jiang Zemin?

Als Chinas Staatspräsident Jiang Zemin am Montag, dem 9. April, für eine Woche deutschen Boden betrat, hatte die überregionale Presse durch eine umfangreiche Vorausberichterstattung darauf vorbereitet. Die Themen waren die gewohnten: Wirtschaft und Demokratisierung, Chinas soziale Krise, seine problematische Haltung zur Gentechnologie. Dazu soll jetzt nichts angemerkt werden.

Die Berichterstattung über den Verlauf des Staatsbesuchs (vier solcher Ereignisse leistet sich Bundespräsident Rau gemeinhin jedes Jahr) zeigte dann ungewöhnlich Züge. Der BILD war er ein Bildchen und 14 Zeilen Bildunterschrift wert. Die FAZ vom 9. April nörgelte: "Das übliche Programm" und placierte diesen Vierspalter feinsinnig zwischen zwei weitere längere Beiträge: "Warum schmecken Zitronen so sauer?" und "Ein Elefantenjunges im Leipziger Zoo". Einen Tag danach murrte sie: "Gespräche hinter verschlossenen Türen: Jiang Zemin in Berlin". Irgendwo war zu lesen, daß der hohe Gast auch in Potsdam verweilte, sozusagen bei Preußens Friedrich, dann in Wolfsburg bei VWs Piech und auch bei Goethe, in Weimar. Schon da hatten sich für die überregionale Presse die Spuren Jiangs längst verloren - weitab im Fernen Osten der Bundesrepublik. Irgendwann scheint er abgeflogen zu sein, aber wer weiß? Jedenfalls gab dieser Staatsbesuch nichts für die Berichtertattung her. Jiang reiste konfliktfrei, gleichsam unter einer Käseglocke.

In solchen Fällen lassen sich Journalisten für die Begleitberichterstattung einiges einfallen. Das war oft seltsam zu lesen. WamS vom 14. April und SZ vom 10. kam Feng-shui in den Sinn: "Mit Qi wird das Büro zum Kraft-Ort", "Auf das gute Ch'i kommt es an." Das war nicht sehr sehr einfallsreich, ebensowenig waren das die Berichte über Risse im Yangtse-Damm, die in allen Zeitungen erschienen.

Aus WELT und SZ, auch aus dem HA verschwand China dann ganz, wie auch Jiang untergetaucht war. Immerhin hatte sich die SZ am 11. April noch eine Glosse über "Jing Ma", die Pekinger Fluchlust geleistet, die nicht zu Olympiade-Konzeptionen passe. - Wie konnte sich ein dermaßen unspektakulärer Staatsbesuch auch gegen die wesentlicheren Themen durchsetzen, die sämtlich in langen Artikeln analysiert wurden: Schröders Haare, Putins Staatsbesuch, Kirschs Pleite und ein Botschafter-Quickie.

Allein die Feingeister von der FAZ versuchten, beim Thema China zu bleiben. Schon am 10. April hatten sie die Gedichte des Vorsitzenden Jiang vorgestellt: "Da brach die Sonne durch das Wolkenmeer/ Und machte es rot, zehntausend Meilen weit." Am 12. April berichteten sie über die Festnahme des ZEIT-Korrespondenten Blume in Daqing, obwohl beide Blätter sich sonst nur begiften. Am gleichen Tage reaktivierten sie auch den Konfuzius-Verehrer und Lispelchinesen Li aus vergangenen Tagen der Schmidt-Show in einem Interview: "Die Regierenden sollen Konfuzius lesen und sich dessen Idee des Edlen Herrschers zum Vorbild nehmen", riet er für Chinas Weg in die Zukunft. Jiang würde das voll Entzücken wahrgenommen haben. Am 14. April war dann die FAS unter der Überschrift "Der Teig der Mitte" bei dem Chinathema, das uns alle interessiert, nämlich Schweinefleisch süß-sauer und Dim Sum. Gekonnt schob die FAZ am 17. April noch eine Sottise über das Glutamat nach: "In China essen sie Hüte." Das, wahrhaftig, war eine umwerfend neue Feststellung, was chinesische Verzehrgewohnheiten angeht.

Ein Anlaß für die Verbreitung von soliden Chinainformationen war dieser Staatsbesuch den großen deutschen Tageszeitungen gewiß nicht. Im Grunde wäre das einer der wenigen Rechtfertigungsgründe für solche Arten von Politikerreisen. Sonderlich sympathisch ist Jiang Zemin den hiesigen Journalisten nicht erschienen. Vielleicht liegt das daran, daß er nicht ganz so herzwärmend lächelt wie der US-Cowboy Bush und auch weniger gut Deutsch spricht als Rußlands Geheimdienst-Putin.

In allen durchgesehenen Zeitungen war während des Staatsbesuchs die Taiwan-Berichterstattung umfangreicher als gewohnt, und sie erschien deutlich als positiv. Den Vogel an journalistischer Hintergründigkeit schoß hierbei das HA (siehe die Abbildung) ab. - Ach, in Dresden verweilte Jiang ebenfalls, im berühmten "Tal der Ahnungslosen". Dort, zumal unter dem Schutzmantel der Mutter Gottes, käme wohl auch nie das Verlangen nach politischen Informationen auf.
 
 
 

China-Shrimps und deutscher Wald

Politiker reisen gerne und am liebsten weit, und meistens ergeben diese Reisen keinen rechten Sinn. In all ihrer Alltagsferne tun sie auf diesen Reisen dann auch ausgesprochen Widersinniges. Was bewog Anfang Januar 2002 Finanzminister Eichel, seine ersten EURO unbedingt in einem Kaff nahe Shanghai ausgeben zu wollen - als Entgelt für zwei chinesische Billigfächer?

Noch öfter und weiter als Politiker reisen Waren - auch die nicht immer recht mit Sinn. Ihnen aber wird manchmal das Reisen verboten. So erging das in diesen Monaten einer ganzen Reihe von Chinaprodukten. Aufgrund hoher Belastungen durch Umweltgifte und "Schutzmittel" verbot die EU den Import von Hühner- und Kaninchenfleisch aus China, ALDI nahm die Tiefkühlgarnelen von dort aus den Regalen, eine "Würzsauce mit Austerngeschmack" erlitt das gleiche Schicksal - und dann noch der gute "deutsche" Honig! Dessen Billigversion stammt von den Chinesen, die alljährlich 10.000 Tonnen liefern, für das allgegenwärtige gesundheitsfördernde Müsli. Uneigennützig hatten die fernöstlichen Lieferanten noch eine Menge Antibiotica hinzugefügt, und jetzt muß der Müsli-Freund teuren Latino-Honig schlecken, denn die Schlawiner in Lateinamerika erhöhten flugs die Preise. An manchen EURO-Preisteigerungen ist also eindeutig China schuld.

Dann - in noch größerer Heimlichkeit als manche Politiker und manche Waren reisen kleine Tierchen, der Bockkäfer zum Beispiel, genauer: der Asiatische Laubholz-Bockkäfer (anoplophora glabripennis). Der hat sich aus China aufgemacht und inzwischen den deutschen Wald erreicht. Hübsch groß ist er (3.5 cm) und hübsch anzusehen, und mit unterschiedlichen Strategien läßt er hier die Bäume verdorren und vernichtet mit chinesischer List (siehe Harro von Sengers "Strategeme") dieses wichtige deutsche Kulturgut. "Er nutzt auch gesunde und intakte Bäume, um sich fortzupflanzen", klagt ein Experte und weiß nur einen Rat: Zollüberprüfungen! Hamburgs Zoll gibt sich noch zurückhaltend. Schon 1998 war dieses Vieh im HH Hafen entdeckt worden, doch ein Käferkundiger hofft, "daß ihm das maritime Klima in Hamburg nicht gefällt."

Überhaupt scheint es um China und den deutschen Wald nicht zum besten bestellt zu sein. "Früher", berichtet ein nächster Experte, aus der Schwäbischen Alb, aus Bopfingen, "erwarben Käufer aus China Buchenstämme aus Schwaben." Möbel, daraus gefertigt, kehrten auf dem Seewege nach Deutschland zurück, aber "jetzt läuft das Geschäft mit den Chinesen nicht mehr so gut." Ein Förster im Saarland sieht die Situation besser: "Heute verkaufen wir die Buchen alle nach China. Gutes Geschäft, wir sprechen von der China-Buche." Auch als Holzspielzeug kämen die dann wieder. Der deutsche Wald, dieser Gemütsträger erster Ordnung, wird durch die emotionslosen Chinesen nicht nur bedroht, sondern auch verarbeitet. Dortige, auch von Deutschland geförderte Aufforstungsprojekte scheiterten indes kläglich.

Noch geheimer reisen andere Wesen und Dinge von Fernost nach hier. Da war doch dieser Papageienschnabel-Saurier, den das hochberühmte Senckenberg-Museum in Frankfurt/Main, für 150.000 Mark und "mit ordentlichen Papieren" erwarb. Er stammte aus der Provinz Liaoning und wurde auf dunklen Wegen illegal außer Landes geschafft. Der Ärger hierum hat sich noch immer nicht gelegt. - Im Augenblick halten verschwiegene Händler eine ganze Menge hochwertiger chinesischer Fundstücke feil, auch Archäologica. Hinzukommen, wie der Berichterstatter aus Augenschein weiß, hervorragende Fälschungen, die mit einem Augenzwinkern angeboten werden. Man wisse ja: Chinas Reichtum an ärchäologischen Funden, und diese Stücke könnten dort gar nicht alle angemessen bearbeitet werden. Abermals solch eine Sengersche List!

Diese China-Unerfreulichkeiten bestimmten in den drei ersten Monaten des Jahres 2002 die Chinaberichte der deutschen Tagespresse, wirkten aber auch auf einige Alltage des Berichterstatters ein. Da erfreut, daß in umgekehrter Richtung, von Deutschland nach China, in uneigennützigster Weise ein weiteres hohes deutsches Kulturgut nach China wandern soll: das Bausparen. Schwäbisch Hall will 2003 damit beginnen und 25 Millionen EURO investieren, vor allem in der Region Tianjin. In den ersten drei Jahren erwartet das Unternehmen ein chinesisches Bausparvolumen von einer Milliarde EURO.

Na denn! Vielleicht hätte Ole von Beust sich dafür interessieren sollen statt für Ketchup aus Ahrensburg. Zumindest durch den alljährlichen Schwäbischen Weinmarkt vor dem Rathaus ist ihm das Schwabenland doch ganz nahe.
 
 
 

Unvergeßlich

Wer ist der "Werner-Comic-Zeichner"? fragt sich der Berichterstatter. Jedenfalls ist er prominent, heißt Rötger Feldmann und nennt sich "Brösel". Die populärste Comic-Figur Deutschlands schuf er, ist 51 Jahre alt und zeigt sich auf einem Foto wie ein schnorchelnder Wikinger.

Die überaus aufschlußreiche Wochenendzeitung "Welt am Sonntag" ließ sich vor einigen Monaten eine noch aufschlußreichere Rubrik einfallen: "Dicht(er) am Leben". In der Regel muß die jeweils ausgewählte Prominenz vier bescheuerte Fragen beantworten, tut das auf ebensolche Weise, und dann gehört zu den Regeln dieser Rubrik, daß diese Prominenz auch noch ein "Gedicht" zu verfassen hat. Natürlich ahnen die meisten der derart Malträtierten nicht, was ein Gedicht ist, doch manche haben gehört, daß ein Reim dazu gehört.

Endlich kam jetzt einem dieser Dichter auch Chinesisches in den Sinn. Für die WamS am 12. Mai 2002 gelangen Brösel-Feldmann die unsterblichen Verse:
Bölkstoff und Moderratt faahn
is Kult!
Von Kiel bis Taiwan
Sech wattu wullt!
Irgendwie, meint der Berichterstatter zögernd, sollte er sich vielleicht für Werner-Comics interessieren.
 
 
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