Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 17
13. Juni 2002
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst ChinaS
jetzt und einst
Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
         
 

Tagebuch eines Einzugs

sollte diese Notiz heißen. Nach den Ärgernissen, welche der Auszug der ChinA aus den langvertrauten Räumen im siebten Stock des Philturms aufgrund schlechter Organisation bewirkt hatte, war zu erwarten, daß der Einzug in die neuen Räume im Ostflügel von ESA 1 nicht weniger Mißhelligkeiten bereiten würde.

uni hh hauptgebäude-ostflügel

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So war das tatsächlich, und manche dieser Mißhelligkeiten erschien durchaus als skandalös. Indes, diese Folge der "Hamburger China-Notizen" wird in einer angenehmen Zeit geschrieben, bei größtenteils schönem Wetter, und wie das dann bei Mißhelligkeiten geht: Die einen sind bereits vergessen, und an die anderen gewöhnt man sich. Beides stimmt den Berichterstatter versöhnlich.

Offenbar fühlen sich die Mitarbeiter der ChinA in den neuen Räumen wohl. Angenehmer als die bisherigen sehen sie aus, großzügiger sind sie überdies. Einige Probleme, die durch die Art des Baus angelegt sind, werden sich erst noch zeigen, aber noch niemand hat gemeint, er wäre lieber im Philturm geblieben. Die Räume für die Lehrveranstaltungen nehmen sich im Vergleich mit den früheren besonders angenehm aus, und sie werden sich noch weiter verbessern. Das gilt auch für die individuellen Diensträume. Zwar haben deren Bezieher größtenteils ihre Umzugsmaterialien bereits ausgeräumt, doch für Behaglichkeiten fehlte wegen der Umzugsmalheure meistens noch die freie Zeit, denn viel ist deretwegen aufzuarbeiten.

uni hh hauptgebäude-ostflügel

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Solche freie Zeit nutzt der Berichterstatter, um alte Papiere zu sichten: noch einmal aufbewahren oder beseitigen? Verblüfft wurde er dabei auch eines Papiers über die Errichtung des Uni-Hauptgebäudes, die von 1909 bis 1911 erfolgte, gewahr. Dessen Stifter, Edmund J.A. Siemers, hatte auf einem Platz an der Moorweide bestanden, den die Freie und Hansestadt zur Verfügung zu stellen hatte:

"Die Hergabe dieses Platzes macht der Schenkgeber zur unumstößlichen Bedingung der Schenkung, da ihm der Platz neben seiner hervorragend günstigen zentralen Lage um deswillen für ein derartiges Gebäude ganz besonders geeignet erscheint, weil ein dort errichtetes monumentales Gebäude einen großen Teil der Bevölkerung täglich an die idealen Aufgaben, denen es zu dienen bestimmt ist, erinnern wird."

Über den Entwurf für dieses "monumentale Gebäude" befand ein Preisgericht, das mit ganz herausragenden Architekten besetzt war. Über einen Entwurf des Architektenbüros Distel & Grubitz, der dann auch verwirklicht wurde, befand dieses Kollegium:

"Die verschiedene Höhenentwicklung der einzelnen Gebäudetrakte und die damit verbundene Versetzung der Dachtraufen geben eine wohlgelungene malerische Bauanlage, die bei einem verhältnismäßig bescheidenen Aufwand von architektonischen Mitteln ein charakteristisches und malerisches Äußeres verleiht. Der ganze Baugedanke ist groß und hoheitsvoll gelöst, das Gebäude wird einen mächtigen Eindruck machen."

uni hh hauptgebäude Schon damals hatte der Entwurf von Distel & Grubitz zwei Flügelbauten vorgesehen (siehe Abb.), die nie ausgeführt wurden. - Als dann vor einigen Jahren das Unternehmerehepaar Grewe, ungefähr 80 Jahre später, eben solche Flügelbauten stiftete und dafür ausdrücklich auf einen Architektenwettbewerb verzichtete, erhob sich sogleich Kritik ob der Bescheidenheit von deren architektonischem Einfallsreichtum. Wer allerdings die alten Skizzen mit der neuen Wirklichkeit vergleicht, wird sich den Eindruck nicht versagen wollen, daß ein Ausgleich gefunden wurde - zwischen Alt und Neu und in vielfältiger Hinsicht.

Ob das Hauptgebäude der Uni jemals "einen großen Teil der Bevölkerung täglich an die idealen Aufgaben, denen es zu dienen bestimmt ist" erinnert hat? In den letzten Jahrzehnten hat es das gewiß versäumt. Das werden künftig die Flügelbauten viel besser vermögen, zumal der Flügelbau Ost, in welchem ChinA und Asien-Afrika-Institut ihr Domizil gefunden haben, überaus günstige Voraussetzungen für öffentliche Veranstaltungen bietet. Die ChinA wird diese Möglichkeiten kräftig nutzen. Viele frühere Mißhelligkeiten bei der Beschaffung von Räumen für Veranstaltungen sind jetzt behoben: ein weiterer Grund, über solche Mißhelligkeiten im Zusammenhang mit dem Einzug hinwegzusehen.
 
 
 

Die Magisterarbeiten eines Jahres

Diese Notizen dokumentieren immer wieder einmal, welche Doktorexamen in der ChinA des Asien-Afrika-Instituts (AAI) abgelegt wurden. Diesmal soll ein Rückblick auf die Magisterexamen verzeichnet werden, die in der Zeit vom 1. April 2001 bis zum 30. April 2002 abgeschlossen wurden. Verzeichnet werden die Namen der Absolventen und die Titel ihrer Magisterarbeiten:
  1. Martina-Christiane Güstel: "Chen Wangdao - Vom Propagandisten zum Sprachreformer"
  2. Ruth Cordes: Darstellung der finalen Modalpartikeln (yuqici) in deutschsprachigen Chinesisch-Lehrbüchern: Probleme und Perspektiven"
  3. Christian Weinert: "Das 'Wang Zhennan muzhiming' von Huang Zongxi (1610-1695) als Quelle für die Geschichte der chinesischen Kampfkünste"
  4. Silke Helmholz: "Das Analogieverbot im Strafrecht der VR China: Hintergründe und Entwicklung"
  5. Kerstin Chu: "Naturbeschreibungen im Truyen Kieu"
  6. Leon Hue Luong Diep: "Markteintrittsstrategien ausländischer Unternehmen in Pudong - unter besonderer Berücksichtigung der Direktinvestitionen"
  7. Miriam Friedrichs: "Die Kontroverse um die Errichtung des Denkmals zum 'Zwischenfall vom 28. 2. 1947' in Taibei, Taiwan, in den 1990er Jahren"
  8. Timur Tatlici: "Der deutsche Bundeskanzler in der VR China. - Die Berichterstattung zweier großer chinesischer Tageszeitungen über die Chinabesuche von Gerhard Schröder"
  9. Gundula Zeeck: "Die Erben Lei Fengs - Über den Aufbau von Arbeiterhelden im China der 90er Jahre"
  10. Michael Arri: "Die Entwicklung der Stadt Shanghai in den 1990er Jahren, dargestellt anhand von Wohnbevölkerungsindikatoren"
  11. Nicole Willock: "An Analysis of Jiao Yingqis 'Report on an Expedition to Tibet (zangcheng jilüe)' written in 1721 and the Historical Significance of this Source Material"
  12. Deike Zimmann: "Sun Wens autobiografische Darstellungen"
  13. Bettina Staubwasser: "Möglichkeiten zur Finanzierung von Infrastrukturprojekten in China"
  14. Stefanie Lyngbye: "Das chinesische Konsumentenverhalten und die Marketingstrategien westlicher Unternehmen im Genußlebensmittelbereich"
  15. Tanja Westerhagen: "Der 'Fall' Xu Li und die chinesische Bildungspolitik im Jahr 2000 - Untersuchung einer Debatte in Zeitung und Internet"
  16. Eike Alexander Langenberg: "Die Reform der chinesischen Eisenbahn - Sanierung oder Privatisierung"
  17. Michael Schmiedel: "Das Internet in der VR China - Eine Chance für den Pluralismus?"
Deutlich erkennbar ist hierbei, daß kaum noch Themen zum traditionellen China bearbeitet wurden. Ebenso deutlich ist, daß nicht wenige dieser Examensarbeiten mit beruflichen Orientierungen ihrer Verfasser zusammenhängen, also auf Erfahrungen bei Practica oder anderen außeruniversitären Aktivitäten zurückgehen.
 
 
 

Jahresversammlung und Jahresbericht

Am 26. April 2002 fand die Jahresversammlung der » Hamburger Sinologischen Gesellschaft (HSG) statt, erstmals in den neuen Räumen des AAI im Flügelbau Ost. Sechzig Mitglieder hatten sich angemeldet, und 48 waren dann tatsächlich erschienen. Das waren erheblich mehr, als vergleichbare Hamburger China-Gesellschaften -und wohl viele andere Vereine ebenfalls- bei ihren nach dem Vereinsrecht notwendigen Jahresversammlungen aufweisen können.

Neben den erschienenen Mitgliedern hatten 35 weitere Stimmrechtsübertragungen vorgenommen. Auch das ist eine erfreuliche Quote. Dabei hatte die Tagesordnung nicht den Eindruck erweckt, daß es zu kontroversen Diskussionen kommen könnte, doch eine solche Jahresversammlung ist stets ein "eigen Ding". Die berühmt-berüchtigte Vereinslust der Deutschen führte in dieser Hinsicht schon zu den seltsamsten Blüten. Ihr steht, übrigens, chinesische "Vereinsmeierei" in nichts nach. Deshalb sollen in diesen Notizen demnächst Vereine der Chinesen in HH vorgestellt werden.

Am 26. April ging es hingegen friedvoll zu. Nachdem in 25 Minuten alle Formalia der Jahresversammlung abgearbeitet waren, konnte zu dem vorbereiteten Imbiß und den Getränken geschritten werden - und angeregte Gespräche in kleineren Kreisen hoben an.

HSG Jahresbericht 2001 Insgesamt verschlang die Jahresversammlung 311.17 EURO. Den größten Anteil beanspruchte das Buffet, für welches das "Suzy Wong" gesorgt hatte. Überraschend war, daß für Sekt nur 35.77 EURO aufgewendet werden mußten, für sonstige Getränke hingegen 57.00 EURO, und das waren nichtalkoholische.

Anläßlich der Jahresversammlung erschien auch der HSG-Jahresbericht. Auf über dreißig Seiten und mit zahlreichen Abbildungen dokumentiert er das Berichtsjahr und zugleich wichtige Vorgänge in der China-Abteilung (ChinA) des Asien-Afrika-Instituts (AAI), der die HSG eng verbunden ist. Er kann über die » ChinA bezogen werden.
 
 
 

ChinA ganz vorn und ganz hinten

aai-festwoche Vom 10. bis 16. Juni veranstaltet das Asien-Afrika-Institut (AAI) anläßlich des Umzugs in den neuen Flügelbau eine Festwoche. Diese soll Studierende und Lehrende aus den sechs Abteilungen, die sich bisher eher selten begegnet waren, über die Fachgrenzen und die Grenzen der Bezugsregionen hinweg zusammenführen. Auch die Absolventen der Fächer sollen bei dieser Gelegenheit durch interessante Programme in die neuen Räume gelockt und Schüler für diese fernen Fächer interessiert werden, ebenso eine breitere Öffentlichkeit. Das Programm sollte hauptsächlich durch die Studierenden gestaltet werden. So weit, so gut.

Nicht durchaus freudvoll sieht der Berichterstatter dieser Festwoche entgegen, sondern überaus verärgert. Am Mittwoch, dem 5. Juni, verfügte das Geschäftszimmer der ChinA noch nicht über das Programmheft. Die ChinA und die HSG können ihre reichgefüllten Adressendateien also nicht nutzen, um Gäste einzuladen und damit zu den Zielen dieser Festwoche beizutragen. Auch in der Institutsbibliothek liegt das Programm an diesem Tage allein in einem einzigen "Ansichtsexemplar" aus. Also ist anzunehmen, daß auch die anderen Abteilungen keine Programmhefte für ihre Werbemaßnahmen zur Verfügung haben. Wer mag dafür verantwortlich sein?

Auf geheimnisvollem Wege erreichte den Berichtererstatter frühzeitig ein Exemplar dieses bescheiden gestalteten Heftes. Es besteht aus zwei Teilen. Von Montag bis Freitag bieten die Abteilungen des AAI an jeweils einem Tag ein Programm aus ihrem Fach bzw. ihren Fächern und den Bezugsregionen. Am Sonnabend, dem 15. Juni, gibt es dann ein buntgemischtes gemeinsames Programm in mehreren Räumen und am Sonntag noch eine Trommelmatinee. Bei der Wahrnehmung mancher Programmpunkte verweilt der Berichterstatter rätselnd: Was, beispielsweise, ist eine "Institutsgeschichte der Afrikanistik"? Möglicherweise ist eine Geschichte des Instituts für Afrikanistik gemeint. Als noch anregender erscheint das Thema "Demonstrationen verschiedener Schriftbilder Afrikas (ganztägig)". Das wird sich der Berichterstatter nicht entgehen lassen.

Insgesamt ist ein prallbuntes und interessantes Programm zustandegekommen, das tatsächlich Schüler und Öffentlichkeit in den Flügelbau Ost hätte locken können. - In beiden Teilen des Programms werden die Abteilungen des AAI unterschiedlich oft genannt:

Abteilung für Kultur und Geschichte Indiens und Tibets   12 mal
Abteilung für Geschichte und Kultur des Vorderen Orients   12 mal
Abteilung für Sprache und Kultur Chinas   47 mal
Abteilung für Sprache und Kultur Japans   25 mal
Abteilung für Afrikanistik und Äthiopistik   20 mal
Abteilung für Indonesische und Südsee-Sprachen   11 mal

Das Engagement darf als unterschiedlich, aber beachtlich gelten. Erfreulicherweise nimmt die ChinA hierbei den ersten Platz ein.

Zur ChinA gehören als Untergliederung zwei Arbeitsbereiche - der für Koreanistik und der für Thaiistik- und Vietnam-Studien, mit eben den Studienfächern Koreanistik, Thaiistik und Vietnamistik. Von den 47 Programmpunkt-Nennungen der ChinA entfallen auf diese Fächer mit vergleichsweise geringen Studierendenzahlen 37 Nennungen, auf die eigentliche ChinA mit den Studiengängen Sinologie I und II hingegen nur 10. Ein Engagement der Sinologen für diese Festwoche des AAI ist also kaum wahrnehmbar. Worauf das wohl zurückzuführen ist?

Hierüber sei hier weder gerätselt, noch sei dieser unerfreuliche Befund kommentiert. Rundum erfreulich ist die Bilanz der Vietnamistik, nämlich der Studierenden dieses Faches. Die Professur für dieses Fach ist seit langem vakant, andere Formen der Fachvertretung, von Lehraufträgen abgesehen, gibt es nicht. Angesichts dieser Umstände und der kleinen Studierendenzahl ist schon erstaunlich, daß dieses Fach mit 20 Programmnennungen die meisten anderen Fächer mit viel größeren Kapazitäten jedweder Art weit übertrifft. Das dürfte ein zusätzlicher Anreiz für den auf die Vietnamistik-Professur berufenen Wissenschaftler sein, tatsächlich aus den USA nach HH zu kommen. Offensichtlich würde er für ihr Fach engagierte Studenten haben.
 
 
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