Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 17
13. Juni 2002
China-Hamburg jetzt und einst China-Hamburg
jetzt und einst
ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
         
 

Ole auf Reisen: der Bürgermeister in China

Pfingstsonntag brach Hamburgs Erster Bürgermeister Ole von Beust zu seiner ersten dienstlichen Auslandsreise auf. Peking und Shanghai waren seine Ziele, einige zehn Vertreter der Hamburger Wirtschaft bildeten sein Gefolge. Zielorte und Wirtschaftsgefolge waren nicht ohne Absicht geplant, doch auch die Hamburger Hochschul-Szene war in dieser Delegation vertreten, einschließlich des Hochschulsenators und des Uni-Präsidenten.

Ole von Beust in Beijing "Ketchup für China" titelte das "Hamburger Abendblatt" seinen Bericht über den ersten Tag des Bürgermeisters in Peking (siehe Abb.). Er eröffnete den Currywurst- und Biergarten eines Unternehmens in Ahrensburg, das zwar nicht zu Hamburg gehört, doch immerhin in dessen Nähe liegt. "Wurst wird überall gegessen", wußte das Stadtoberhaupt und steuerte ein Buddelschiff bei. Davor war er bei Ameco gewesen, einem Gemeinschaftsunternehmen mit der Hamburger Lufthansa Technik. Zeit für die Currywurst hatte von Beust gewonnen, weil ein politischer Besuch abgesagt worden war und er offenbar keine Laune hatte, wie die Leute von der Wirtschaft einem Fensterproduktions-Joint Venture einen Besuch abzustatten.

Der nächste Tag schon bildete den Höhepunkt der Bürgermeisterfahrt. Ministerpräsident Zhu Rongji empfing ihn und nannte ihn gar noch einen "aufgehenden Stern". Unter vergleichbaren Komplimenten überreichte Handelskammer Vize-Präses Nikolaus Schües dem Ministerpräsidenten die Ehrenmedaille der Handelskammer, für Verdienste um Hamburg. Auch COSCO-Chef Wei Jiafu erhielt eine solche, denn diese Reederei unterhält in HH ihre Europazentrale, mit 130 Mitarbeitern.

In Shanghai dann mußte sich von Beust vorführen lassen, was Hamburg nicht geschafft hat: die Transrapid-Baustelle. An diesem Milliarden-Projekt ist eine einzige Hamburger Firma beteiligt. Die Hamburg Consult darf für 1.3 Millionen Euro Personaleinsatz und -schulung planen. Wer dem Bürgermeister diesen Besuch wohl eingeredet hat? Die Shanghaier Partnerschaftsfreunde hatten ihn gewiß mit sanfter Ironie konzipiert, und von Beust hatte ohnehin schon genug zu staunen - angesichts der Zügigkeit, mit der in Shanghai Großprojekte abgewickelt werden. Ob er daran gedacht hat, wieviele Jahre der Umbau des kleinen Bahnhofs Hamburg-Dammtor währte?

Wichtigster Hochschultermin in Shanghai war die Unterzeichnung eines Partnerschaftsabkommens der HH Hochschule für Angewandte Wissenschaften mit der University for Science and Technology von Shanghai. Das dient der Ausbildung dortiger Studenten der Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Außenhandel - in einem deutschsprachigen Studiengang für fünfzig Teilnehmer. Würden deutsche Politiker doch die deutsche Chinakompetenz vergleichbar kräftig fördern wie die chinesische Deutschlandkompetenz!

In Shanghai hatte auch Nikolaus Schües von der Handelskammer wieder einen großen Auftritt. Er kündigte für die nächste Zeit in HH den Auftakt zu einem regelmäßigen "China-Forum" an. Helmut Schmidt, Zhu Rongji, Valéry Giscard d'Estaing und Henry Kissinger haben bereits zugesagt. Das verspricht, ein Rentner-Treffen auf hohem Niveau zu werden.

Alle führenden Teilnehmer der Hamburger Abordnung zeigten sich von dem Erfolg der Reise angetan. Von Beust will künftig öfter nach China aufbrechen, nicht bloß alle drei, vier Jahre wie seine Vorgänger, und Handelskammer-Schües lobte ihn: er habe "mit seiner milden Stimme und intelligenten Fragen (...) sein Auftaktspiel gut gemacht". Gewiß war er mit seinen Gedanken schon längst bei der Fußballweltmeisterschaft und den Hamburger Olympia-Plänen für 2012, für die ihm in Peking und Shanghai Unterstützung zugesagt worden war - was immer das besage. Der Bürgermeister will sich jetzt intensiv der Vorbereitung der HH China-Wochen im September widmen, welche die HH Chinakompetenz dokumentieren sollen.

In der Hinsicht besteht freilich noch Nachholbedarf, vor allem bei einigen Delegationsjournalisten. "Beust bei Rongji" titelte die WELT am 22. Mai, und auch sonst wurden hartnäckig chinesische Persönlichkeiten allein mit ihren Rufnamen bezeichnet, weil die Journalisten nicht einmal solch elementare Dinge wie die Formen chinesischer Namensgebung kennen. Derlei klingt, als hätte eine Shanghaier Zeitung einen Artikel mit "Ole in Shanghai" überschrieben.

Nebenbei, auch Unipräsident Jürgen Lüthje gehörte zur Delegation, und auch er hatte sich ein paar Verdienstmedaillen der Uni ins Reisegepäck gesteckt. Über ihn und Peking/Shanghai wird bei anderer Gelegenheit zu berichten sein.

Am 13. Juni eröffnet die Landesvertretung der Freien und Hansestadt Hamburg in der Bundeshauptstadt Berlin eine ständige Ausstellung mit Werken zeitgenössischer chinesischer Künstler, die in Hamburg oder in der Partnerstadt Shanghai wirken - wohlgemerkt, eine ständige Ausstellung, die auch kontinuierlich ergänzt werden soll. Sie soll Hamburgs "Rolle als Chinas Brückenkopf in Europa" betonen. Die maritime Selbstdarstellung HHs gewinnt auf diese Weise eine ganz eigene Notion.
 
 
 

Was Hamburg gerade noch fehlt

Berlin versucht, so etwas wie eine Hauptstadt zu werden. So gut es kann. Hierzu gehört, daß es eine gewisse China-Kompetenz darzustellen versucht, und hierzu gehört ferner, daß es so etwas wie "gesellschaftliches Leben" zu inszenieren sich anstrengt. Am besten ist dann, wenn zwei solcher Leitbegriffe zusammengewürfelt werden. Wie sagte doch Frau Feldbusch? Blupp - und so wurde in Berlin der "China Klub" geboren, von dem Society-Ehepaar Jagdfeld.

Ganz geboren ist der Klub freilich noch nicht, sondern wurde unlängst erst gezeugt. Erst Anfang nächsten Jahres soll es dann ernst werden, doch bis dahin werden fleißig Paten gesucht: 10.000 EURO Aufnahmegebühr, Jahresmitgliedschaft mindestens 1.500 EURO, Familienmitglieder jeweils extra, ein Bürge ist notwendig. "Es ist ein Klub für Menschen, die sich was gönnen. Sparsame sind dort allerdings nicht richtig." So sagt Initiator Jagdfeld in rüdem Kurzdeutsch.

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Dafür kann das "member" dann auch chinesische Kost zu sich nehmen, sich in den Stilmöbeln der kleinen Bibliothek räkeln, ein paar Bilder eines sonst unbekannten chinesischen Gegenwartskünstlers betrachten. Es soll sich in das Shanghai der 30er Jahre versetzt fühlen, gleichzeitig aber auch in den China-Klub in Hongkong, der immerhin schon 12 Jahre existiert. Vor allem aber soll es mit seinesgleichen unter sich sein, unter "einflußreichen und wohlhabenden Menschen", unter "Topleuten" mit einer "hedonistischen Lebensauffassung", die nach einem "Lifestyle und Social Club" zur Gestaltung ihrer Abende gebieterisch verlangen. So träumt der Klub-Prospekt und macht sich gerne solche Visionen zu eigen: Kanzler Schröder begegnet dort der Scharping-Gräfin Pilati, Harrison Ford der Spendensammlerin Ute Ohoven usw. - und das alles in den beiden Obergeschossen des Adlon-Hauses neben der gleichnamigen Herberge.

Vielleicht kommt es jedoch nicht so weit. Höchstens 2000 Mitglieder soll der Klub aufweisen, bei 800 schon rechnet er sich offenbar, doch bisher haben sich erst 450 interessiert gezeigt. Da fiel den Berlinern Hamburg ein, was bei Deutschland und China recht nahe liegt. Mitte April lud die jagdfeldische PR-Dame Alexandra Freifrau von Rehlingen in ihre Villa in der Johnsallee ein - potentielle Klubmitglieder aus HH, "hochkarätige" zumal. Ungefähr 60 Gäste kamen, doch ob gerade die, die sich zeigten, auch dem Klub beitreten können oder mögen? - Hamburg besitzt seine eigenen Klubs, öffentlich renommierte und eher verschwiegene, in einem weiten Spektrum, das alle Erfordernisse gesellschaftlichen Lebens abzudecken vermag. Ein Vorzug ist den meisten eigen: ihre Diskretion und Unaufdringlichkeit. Ein Hamburger, der sich auf sich hält, wird nur zögernd in solche Möchtegern-Gesellschaft aufbrechen.

"Im 18. Jahrhundert", weiß Anne-Marie Jagdfeld (ihr Gespons heißt Anno August), "gab es ja schon einmal eine große China-Begeisterung in Europa. Im Grunde beleben wir eine alte Tradition." Irgendetwas muß sie mißverstanden haben bei ihrer Art Traditionsbelebung, und die Baronin Rehlingen hebt gerne hervor, dereinst Sinologie studiert zu haben.
 
 
 

Unterwegs zu Chinesischem

In Erwartung der China-Wochen im Herbst hält sich die Freie und Hansestadt gegenwärtig zurück, was Chinaausstellungen und -programme angeht. Für den Müßiggänger, den frühlingshafte Ausfluglust in die Umgebung treibt, bieten sich an nahegelegenen Orten entsprechende Angebote.

Zunächst war eine Reise nach Lüneburg angesagt: Was keinem der Hamburger Museen eine Betrachtung wert gewesen war, nämlich die zahlreichen "Jubiläen" in der Geschichte der deutsch- und hamburgisch-chinesischen Beziehungen in den letzten Jahren, was also das Museum für Hamburgische Geschichte versäumt hatte, das interessierte immerhin das nahegelegene "Museum für das Fürstentum Lüneburg".

"Tsingtau. Deutsche Stadt am Gelben Meer 1897-1914. Ein Kapitel deutscher Kolonialgeschichte in China" lautete der Titel einer Ausstellung", die bis Ostern zu besichtigen war. Als liebevoll zusammengestellt erschien sie dem müßigen Flaneur: viele Tafeln mit alten Fotos und Postkarten, überreichlich erklärende Texte dazu, wenige Mitbringsel aus jenen Zeiten in den paar Vitrinen, viele sachliche Fehler auf den erklärenden Tafeln, manche grotesk. Ein Glanzsstück an Ausstellung war das gewiß nicht, doch es war ein Versuch der Auseinandersetzung mit einem interessanten Thema, und auch die Broschüre zur Ausstellung war einfallsreich und liebevoll gestaltet.

Ein Besuch in diesem Museum lohnt sich stets für einen Chinaliebhaber: In die Frühgeschichte deutscher China-Wahrnehmungen führt in in diesem Hause, in der Dauerausstellung, die berühmte Ebstorfer Weltkarte. Diese war, wohl um 1250, auf dreißig Blätter mit einer Gesamtfläche von knapp 13 Quadratmetern gezeichnet worden. Jahrhundertelang war sie vergessen, bis sie 1830 zufällig wiederentdeckt wurde. Nachdem sie 1943 einem Bombenangriff zum Opfer gefallen war, konnte sie originalgetreu auf Pergament rekonstruiert werden. Mit ihren zahlreichen Abbildungen kann allein ihr Asienteil einem Müßiggänger einige Zeit vertreiben.

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Seit dem 15. Mai gibt es in Braunschweig Chinesisches zu besichtigen: "made in China. Ostasiatika im Herzog Anton-Ulrich-Museum". Bibliothekar dieses Herzogs war bekanntlich Gottfried Wilhelm Leibniz, einer der Hauptvertreter aufklärerischer China-Neugier. Nicht zuletzt ihm ist wohl zu verdanken, das die herzoglichen Sammlungen mehr als tausend Ostasiatica umfaßten. Ein Teil von ihnen wird jetzt durch die Ausstellung bekannt gemacht: Porzellane natürlich, aber auch die interessanteren Tapetenbilder, allerlei Kunsthandwerk, darunter ein paar Erotica, auch die Nachbildung einer chinesischen Dschunke als "Tafelautomat". Ein kleines Vortragsprogramm begleitet die Ausstellung.

Apropos Vorträge! Man muß ja nicht schon wieder nach Hofgeismar fahren (siehe » Folge 9), um dort jetzt vom 31. Mai an in der Evangelischen Akademie einer Tagung "Feng Shui - Spiritualität als Wissenschaft beizuwohnen". Erfreut nimmt der Berichterstatter allerdings wahr, daß "Feng Shui" jetzt auch Hofgeismar erreichte, doch darüber könnte er sich in Hamburg viel leichter ärgern oder informieren, je nach Laune. Allein ein Vortrag könnte ihn nach Hofgeismar zu dieser Wochenendtagung locken: Die Kollegin Gudula Linck, Kiel, referiert über "Schöner wohnen à la Chinois" (sic). Den würde er zu gerne genießen.

celle_hölty Wer bei solcherlei Unternehmungen unterwegs Lust auf eine Tasse Kaffee verspürt, wird in jeder deutschen Kleinstadt eine kleine China-Besonderheit erleben, in Celle beispielsweise. Dieses Fachwerkparadies lädt zum Flanieren ein, und die Ergötzlichkeiten stehen dann nebenbei. An einem Fachwerkbau waren China und deutsche Dichtkunst wieder einmal eine seltsame Verbindung eingegangen. In diesem hatte sich ein China-Restaurant "Bambusgarten" niedergelassen. Zum Bambus fällt einem Chinaflaneur gewiß eine Menge ein, doch wenn er dann am gleichen Haus eine Gedenktafel für den deutschen Dichter Ludwig Christoph Heinrich Hölty (1748-1776) entdeckt, dann rätselt er, ob nicht zwischen China und diesem Dichter eine geheime Verbindung bestehe.

"Wenn mit leisen Hutfilzsöckchen/ meine braune Trutschel geht,/ und ihr rotes Büffelröckchen / um die dicken Schinken weht" - nein, das klingt nicht nach China und sieht sehr nach Celle aus! Zwei andere Verse allerdings -"Üb immer Treu und Redlichkeit/bis an dein kühles Grab (...)"- könnte sogar Konfuzius gedichtet haben.

Berühmt wurde der frühvollendete und -gestorbene Hölty für andere Formen seiner Ausdruckskraft, darunter seine "süße Wehmut", die manchmal ganz schlicht daherkam, wie in seinem "Frühlingslied":

Die Luft ist blau, das Tal ist grün,
die kleinen Maienglocken blühn
und Schlüsselblumen drunter;
der Wiesengrund
ist schon so bunt
und malt sich täglich bunter.

Etwas Geheimnisvolles muß sich in manchen seiner Gedichte andeuten. Warum sonst hätte er Rainer Maria Rilke den unvergeßlichen Vers "Mund, von Hölty erdacht" eingegeben, der ebenfalls sehr frühlingshaft klingt? - Da denkt der Müßiggänger, er sollte an einem nächsten Regenwochenende Höltys "Sämtliche Werke" durchsehen, ob dem nicht auch China in den Sinn gekommen sei, nicht bloß Celler Trutscheln.
 
 
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