Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 16
28. März 2002
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Notizen von einem
nächtlichen Schreibtisch
Deutsche Chinatexte
 
         
 

Im Einsatz

Im Jahre 1036 traf es den jungen, doch namhaften Literaten und später bedeutenden Staatsmann Ou-yang Hsiu (1007-1072). Nach einigen Freunden wurde auch er auf einen kleinen Amtsposten in der Provinz versetzt. Derlei galt als "Verbannung" und zählte zu den wenigen Sicherheiten einer Amtslaufbahn im traditionellen China. Verbannungsort des Ou-yang Hsiu war I-ling, im fernen Süden, im heutigen Hupei, gelegen. Dieser Ort hatte, unter anderem Namen, seine besten Zeiten ungefähr 1500 Jahre davor, im Altertum, erlebt. Den lebenslustigen Ou-yang Hsiu mag davor gegraut haben, in solch einem Kaff einige Monate, vielleicht gar Jahre zubringen zu müssen.

Über seine Fahrt nach dort -er zog statt der Landwege den gut dreimal so langen Weg über die Flüsse und Kanäle vor- fertigte er ein Tagebuch an: Yü-i chih, "Denkwürdigkeiten über ein Im-Einsatz- Sein". 92 Notizen über Vorkommnisse an einzelnen Tagen der Reise legt er nieder, schreibt allerdings nicht über jeden Tag. Insgesamt war er gut vier Monate unterwegs - durch die schönsten Landschaften und vorbei an markanten "Sehenswürdigkeiten", auch an berühmten historischen Stätten. Das muß ein Sinnenfest für diesen jungen, sprachmächtigen Literaten gewesen sein, denn Landschaftsschilderungen, auch Aufzeichnungen über Denkmäler der Vergangenheit hatten längst Eingang in die Literatur gefunden. Was aber schreibt Ou-yang Hsiu? Jedem Reisetag gelten nur wenige Worte, und die lesen sich vorzugsweise wie folgt:

"8. Tag: Tzu-ts'ung kam aus Shou-chou, wir tranken nachts im Speicherpavillon; er blieb über Nacht. 9. Tag: Ich fuhr mit dem Boot zu einem Gelage nach Pei-ch'en. 10. Tag: Yin-fu kam auf einen Abschiedstrunk. Wir hatten mit Yüan-chun ein kleines Gelage und übernachteten im Speicherpavillon. 11. Tag: Ch'en-ya kam auf einen kleinen Umtrunk. Im Pavillon des Herzogs von Wei betrachteten wir die Lotosblüten."

Immerhin, die Lotosblüten! Einige Tage zuvor hatte Ou-yang Hsiu notiert, daß er solche an einem anderen Reiseort erstmals gesehen habe. Sonst scheint die Reise aus einer nur selten unterbrochenen Folge von Umtrünken, Gelagen und Banketten bestanden zu haben, die Ou-yang akribisch verzeichnet. Offenbar war das Netz seiner Freunde und Bekannten weit über das Reich gespannt.

Seinen Geburtstag feiert er während der Reise. Also notiert er: "Ich stellte Wein für eine Glückwunschfeier auf dem Boot bereit." Der schließen sich dann die oben zitierten Gelage an. Manchmal spricht Ou-yang Hsiu von den Unbilden der Witterung: gute Gelegenheit für ein erneutes Verweilen in irgendeiner Geselligkeit. Davon abgesehen, das Reisen scheint damals noch recht mühselig gewesen zu sein. Einmal will er in einem Dorf für die eigene Verköstigung ein Schaf kaufen, doch der Bauer läßt es ihm nicht. Also muß sich Ou-yang wenig später mit Fisch bescheiden. Er verzeichnet, er habe im Chiang einen großen gefangen, nach einem Gebet an die Gottheiten des Stromes. Solche Hinweise sind in diesem dürren Reisebericht eines großen Dichters selten. Der Wein und die Geselligkeit bilden das Thema dieser kargen Notizen.

Den Titel für diese Reisenotizen entnahm Ou-yang Hsiu dem Lied 66 im klassischen Buch der Lieder, dessen Titel chün-tzu yü i, "Der Edle im Einsatz/Der Edle begibt sich zum Einsatz", lautet. Es klagt darüber, daß dieser sich im Dienst auf einer weiten Reise befinde und man nicht wisse, wann er zurückkehre. Einen Protest gegen einen bestimmten Herrscher soll es ausdrücken. - Von hierher wird der Sinn des Reiseberichts von Ou-yang Hsiu klar: Auch er protestiert gegen die Entscheidung seines Herrschers, ihn in die Provinz zu schicken, und mit sarkastischen Verweisen auf sein Treiben zeigt er, was er angesichts dessen unter seinem Dienst für einen solchen Herrscher versteht - und gab ein Musterbild für Millionen künftiger Dienstreisen: kollegiale Begegnungen und Saufereien!

Einmal in I-ling eingetroffen, befand Ou-yang Hsiu sich dort wohl. Nach Aufzeichnungen darüber, als wie erbärmlich der Ort ihm geschildert worden war, schreibt er in einem anderen Text:

desk16_1 "Ich esse Reis und Fische, dazu gibt es Orangen, Zitronen, Tee und Bambussprossen und alle Köstlichkeiten der vier Jahreszeiten. Flüsse und Berge sind schön und von Düften angefüllt (...) und es gibt nichts, das man nicht lieben müßte. (...) Wer immer als Beamter hierher muß, ist unglücklich, doch sobald er eingetroffen ist, wird er froh."

Ou-yang Hsiu nutzte die Monate in I-ling, um dort ein Geschichtswerk zu verfassen, das seinen Ruhm auch als Geschichtsschreiber begründete und das bis heute eine unersetzliche historiographische Quelle blieb. Auch für den Weingenuß fand Ou-yang Hsiu dort seine Gelegenheiten, das alles im Alter von knapp 30 Jahren. Einige Jahre danach wird er sich den Beinamen "Der Trunkene Alte" zulegen und eine später berühmte "Notiz über den Pavillon des Trunkenen Alten" schreiben. Die Abbildung zeigt ein historisches Foto dieses Pavillons, natürlich in einer Rekonstruktion.
 
 
 

Annäherungen an Konfuzius

« Teil 4, HCN 15
 
 

In dieser Folge sollen die "Annäherungen an K." aus gegebenen Anlässen eine andere Form erhalten als gewohnt. Sie werden, ohne explizite Numerierung, als deren Nummern 24 bis 25 gezählt und dann demnächst, wohl Anfang Mai, mit Nummer 26 fortgesetzt.

 
 



» Teil 6, HCN 17

 
 
 

Tabellenlektüre

Für Professor Dr. Hans van Ess
zum 2. März 2002

 
 

Einleitung

Am 8. Juli 1967 hielt Ulrich Unger seine Antrittsvorlesung als Professor für Sinologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität. Er gab dieser Vorlesung das Thema "Das konfuzianische Weltgericht". So nannte er eines der seltsamsten Dokumente der chinesischen Geistesgeschichte, die an Seltsamkeiten wahrlich nicht arm ist: das Ku-chin jen piao, "Tabelle über Menschen aus Altertum und Gegenwart", das heute das Kapitel 20 des Han-shu, "Buch der Han", des großen Geschichtsschreibers Pan Ku (32-92) bildet. - Die "Jahresschrift 1969 der Gesellschaft zur Förderung der Westfälischen Wilhelms-Universität zu Münster", S. 64-77, bietet eine Druckfassung dieser Vorlesung.

Das Ku-chin jen piao (fortan: KCJP) listet in neun Kategorien die Namen von, wie Unger schätzte, "rund 2000 Personen" aus dem chinesischen Altertum auf, von den mythischen Herrschern der Urzeit bis zur Dynastie Ch'in (221-207). Es beendet seine Auflistungen just zu der Zeit, als die Dynastie Han (206 v. Chr. bis 220 n. Chr.) beginnt, von der die erste Hälfte, die Frühere Han, den Bezugsrahmen des Han-shu abgibt. Auch in dieser Hinsicht ist die Tabelle des KCJP in diesem Werk ein Fremdkörper. Was soll das "Gegenwart" in diesem Titel? Was hat sie mit der Han-Zeit zu tun?

Pan Ku verfaßte sein Werk wenigstens 250 Jahre nach dem Tod der in der Tabelle zuletzt genannten Personen. Vielleicht sollte der Titel als "Vom Altertum bis zur Gegenwart" verstanden werden. Auch dann wäre allerdings der Begriff "Gegenwart", was diese im Verhältnis zur Lebenszeit des Pan Ku angeht, sehr großzügig gefaßt. In den hanzeitlichen Schriften läßt sich eine Fülle von Begriffen für historische und gegenwärtige Zeiträume entdecken. Die Ermittlung ihrer Bedeutungen bedarf noch einigen Nachdenkens.

Die Tabelle des KCJP rubriziert, anscheinend chronologisch, diese rund 2000 Personen in neun Kategorien. Von diesen werden die drei ersten bezeichnet: "weise" (sheng), "menschlich" (jen), "klug" (chih); auch die unterste, die neunte, wird benannt: "dumm" (yü). Die zwischenliegenden Positionen werden gleichsam nur numeriert, doch versteht sich, daß von oben nach unten die Abwertung größer wird, und anzunehmen ist, wiewohl nicht ohne weiteres sicher, daß für diese Kategorisierungen von Personen moralische Wertungen verantwortlich sind. Am Ende seiner Ausführungen resümiert Unger: "Ein (scil. konfuzianisches) Weltgericht kann es also, wenn überhaupt, nur in der Geschichte geben, und nur als ein von Menschen vollzogenes." Dann müsse es so aussehen wie diese Tabelle oder das Ch'un-ch'iu, "Frühling und Herbst", jenen staubtrockenen annalistischen Text, der dem Konfuzius zugeschrieben wird.

Ulrich Unger nutzte das Ku-chin jen piao nur als Ausgangspunkt für tiefergehende Überlegungen. Beinahe 35 Jahre später sehe ich mich am nächtlichen Schreibtisch jedoch oft genötigt, ebenfalls einen Blick in diese merkwürdige Tabelle zu werfen. Allmählich dünkte mich, daß dieses Dokument genauerer Betrachtung würdig sei.

Als mich die telefonische Anfrage erreichte, ob ich an einer kleinen internen "Festschrift" für Hans van Ess mitwirken würde, durch einen Beitrag von drei, vier Seiten - was lag da näher, als an dieses "Weltgericht" zu denken? Den Schüler von Ulrich Unger hatte damals diese Antrittsvorlesung beeindruckt, jetzt mochte angemessen erscheinen, den eigenen Schüler mit ersten weiteren Betrachtungen zu diesem merkwürdigen Dokument zu erfreuen. Schließlich sagte Hans van Ess bei unserem letzten Telefonat, er arbeite weiter vor allem an dem Verhältnis des Han-shu von Pan Ku zum Shih-chi, "Aufzeichnungen des Historiographen", des Ssu-ma Ch'ien (um 100 v. Chr.), des großen Vorgängers von Pan Ku. Der hatte mit seinem Shih-chi eine Art Universalgeschichte von den Anfängen bis zu seiner Gegenwart aus chinesischer Perspektive geschaffen.

In das Shih-chi hätte die Tabelle des Ku-chin jen piao auf den ersten Blick weit besser gepaßt als in das Han-shu, auf den zweiten wohl nicht! Auch sonst könnte diese Tabelle für die Beurteilung des Verhältnisses von Han-shu und Shih-chi zueinander aufschlußreich sein. Woher sonst als aus dem Shih-chi hätte der Kompilator der Tabelle derart umfassende Kenntnisse über historische Personen gewinnen können, daß sie ihn in die Lage versetzt hätten, eine solche Kategorisierung in verantwortungsvoller Weise vorzunehmen?

Erste Eindrücke als Überblick

Zunächst erscheint als interessant, überhaupt einmal festzustellen, wieviele Personen der Kompilator dieser Tabelle den einzelnen Kategorien zugerechnet hat. Um eine vorläufige Spezifizierung zu ermöglichen, erschien weiter als sinnvoll, den zeitlichen Rahmen, der sich über mehr als zweitausend Jahre spannt, ein wenig zu differenzieren: Frühzeit (bis ca. 1050), Frühe Chou (bis ca. 720), Ch'un-ch'iu (bis ca. 480), Chan-kuo/Ch'in (bis ca. 215). Es versteht sich, daß es bei der Zuweisung von Personen in diese vier Zeiträume zu Überschneidungen kommen kann.

Überblick über die Kategorisierungen
Kategorie Frühzeit Frühe Chou Ch'un-ch'iu Chan-kuo Addition
           
1 10 3 1 - 14
2 130 17 15 10 172
3 41 44 80 37 202
           
4 28 45 147 92 312
5 15 49 160 104 328
6 16 36 158 88 298
           
7 9 24 130 75 238
8 21 20 134 57 232
9 11 28 70 23 132
           
Addition 281 266 895 486 1928

Mehrere von diesen Zahlen verdienen Beachtung:

1928 Personen rubriziert also diese Tabelle? Weit gefehlt. Wie alle Zahlen in dieser Notiz ist das nur eine vorläufige, denn, wie bald zu sehen sein wird, birgt das KCJP einige Überraschungen, die eine endgültige Zählung erst zu dem Zeitpunkt möglich machen, an welchem jede einzelne aufgeführte Person genauer betrachtet worden ist.

895 Personen für die doch verhältnismäßig kurze Zeit des Ch'un-ch'iu? Das dürfte sich durch die Hauptquelle für diese Zeit, das Tso-chuan mit seiner Personenfülle, erklären lassen, wenigstens auf den ersten Blick. Dieser Befund überrascht zumindest nicht. Überraschend ist schon eher, daß aus den früheren Perioden so viele Personen bekannt sind und dann offenbar auch noch Einzelheiten über sie, die eine solche Kategorisierung ermöglichen.

Inhaltlich fällt zunächst ins Auge, daß in den frühen Phasen die Nennungen von Personen in den höchsten drei Kategorien (weise, menschlich, klug) absolut und relativ gesehen weitaus höher sind als in den späteren Zeiten: 130 "Menschliche", neben 41 "Klugen" und gar noch zehn "Weisen"! Ein Erklärungsmuster liegt nahe: die verklärte Urzeit und der auf sie folgende beständige Abstieg in der moralischen Geschichte des Menschengeschlechts. - Indes, wer könnten die 130 "Menschlichen" sein, mag der Leser rätseln, der die Tabelle nicht gelesen hat und in seinem Wissen über die Shang-Zeit, die Hsia-Zeit und die davorliegende Urzeit mit ihren mythischen Herrschergestalten kramt. Dermaßen viele Heroen der Geistigkeit und Moral, der Menschlichkeit und Klugheit kommen ihm gewiß nicht in den Sinn.

Dieses Erklärungsmuster verfängt auch sonst nicht recht. In der Chan-kuo-Zeit sind dafür viel zu viele Personen der Kategorien 2 und 3 genannt, auch viel zu wenige in den Kategorien 8 und 9, zumindest im Vergleich zur voranliegenden Ch'un-ch'iu-Zeit. Die Prozentzahlen erspare ich mir an dieser Stelle, denn mir kommt es hier nur darauf an, einen allgemeinen Bezugsrahmen für genauere Betrachtungen festzuzuhalten.

Festhalten möchte ich an dieser Stelle, daß sich ein auf den ersten Blick sinnfälliges Erklärungsmuster für diese Personenkategorisierungen nicht erkennen läßt. Augenscheinlich steckt mehr hinter der Tabelle, als der erste Blick vermuten ließ - und vielleicht läßt sich sogar etwas ahnen, das die augenscheinliche Absurdität oder Montrosität dieses Dokuments in ein milderes Licht rücken könnte: kein "konfuzianisches Weltgericht"!

Die Fürsten der Chou-Zeit: Mittelmaß und schlimmer

Ein erster Weg in die Geheimnisse des KCJP mag sein, die Fülle der mehr als 1900 genannten Personen in Gruppen zusammenzufassen und diese dann gesondert zu untersuchen. Viele solcher Gruppen wären aufgrund von Lektüreeindrücken denkbar: Männer/Frauen, Würdenträger/Einsiedler, regionale Verteilungen usw. Die Crux wäre lediglich, daß diese Gruppen sekundär durch den Betrachter gebildet würden, ohne daß der Kompilator der Tabelle sie seinerseits als Gruppe verstanden hätte. Vorteilhaft wäre deshalb, wenn eine solche Gruppe bereits durch den Kompilator auf formale Weise als solche gekennzeichnet worden wäre.

Das trifft nach den ersten (!) Eindrücken nur für eine einzige Personengruppe zu: die Herrscher der Königs- und Fürstenhäuser der Chou-Zeit, von der Frühen Chou bis zu den Chan-kuo. Anscheinend führt das KCJP für eine ganze Reihe solcher Herrscherhäuser sämtliche Throninhaber auf. Das gilt für die Herrscherhäuser Chou, Ch'in, Ch'i (Lü), Lu, Yen, Ts'ai, Ch'en, Ch'i (Yü), Wei, Sung, Ts'ao, Chin, Ch'u, Cheng, Chao, Wei, Han, Ch'i (T'ien). - Das sind überwiegend die gleichen Herrscherhäuser, denen das Shih-chi eigene Kapitel oder Teile davon, zumeist in dem mit shih-chia, "Erbliche Häuser", überschriebenen Teil seines Werkes gewidmet hatte. Von den bedeutenden Staaten der Chou-Zeit sind nur die Südoststaaten Wu und Yüeh zu vermissen. Beide Herrscherhäuser sind im KCJP in unzulänglicher Weise, durch nur wenige Personen, repräsentiert.

Man mag darüber nachdenken, warum beide, Ssu-ma Ch'ien und der Kompilator der Tabelle, eben diese achtzehn Staaten für eine Darstellung in der "Universalgeschichte" einerseits und dem "Weltgericht" andererseits ausgewählt haben. Andere Staaten könnten als politisch bedeutender erscheinen als beispielsweise das kleine Ch'i, das in der Nachfolge des Urkaisers Yü gestanden haben soll, und eher eine Berücksichtigung verdient haben. Das ältere, leider nur fragmentarisch erhaltene Shih-pen, führt mehr Genealogien von Fürstenhäusern auf. Vielleicht ist der Kompilator der Tabelle einfach dem Shih-chi gefolgt, ohne daß ein eigenes Konzept dahinter stünde. - Das freilich paßte nicht gut dazu, daß Pan Ku und sein Vater Pan Piao, sein Vorgänger in der Abfassung des Han-shu, deutliche Vorbehalte gegen das Werk des Ssu-ma Ch'ien geäußert haben - und zwar grundsätzliche. Natürlich führen beide Werke, Shih-chi und KCJP, auch Fürsten anderer Staaten auf, dem Lektüreanschein nach jedoch nicht in vergleichbar systematischer Weise. Deshalb verzichte ich einstweilen auf deren Betrachtung.

Für die genannten achtzehn Staaten rubriziert das KCJP offenbar alle Herrscher seit Gründung des Staates durch einen Akt der "Belehnung" oder sonstwie seit den Anfängen der Chou-Zeit bis zum Ende des jeweiligen Staates. "Alle Herrscher" - dieser Ausdruck muß mit Vorsicht gebraucht werden, denn mit solcher Formulierung sind Legitimitätsprobleme verbunden. Mancher Herrscher, der nur einige Monate auf dem Thron war, wird gemeinhin in solche Herrscherfolgen nicht aufgenommen, auch mancher mehrjährige Inhaber gilt nicht als legitim. Da mag der heutige Leser der Tabelle anderen Auffasssungen nachhängen als der Kompilator der Tabelle, also sind auch die Zahlen der nachfolgenden Tabelle cum grano salis zu verstehen, bis das ganze KCJP analysiert ist. - Die nachfolgende Übersicht führt auf, in welche Kategorien es die Herrscher der genannten achtzehn Staaten einordnet.

Kategorisierung der Fürsten der Chou-Zeit
Kategorie Personen
   
1 3
2 4
3 5
   
4 11
5 55
6 123
   
7 130
8 82
9 53
   
Addition 466

466 Fürsten. Diese bilden ungefähr ein Viertel aller in der Tabelle erwähnten Personen, die aus der Frühzeit außer Acht gelassen. Das Bild ist ganz klar: nur wenige vortreffliche Gestalten in den drei ersten Kategorien, Schwerpunkte im unteren Mittelfeld, eine stattliche Zahl von Schurken ganz unten: "Toren". - Zwei Fragen drängen sich bei diesem erstaunlich abwertenden Befund auf:
  • Auf welche Weise gelangte der Kompilator zu seiner Einstufung? Über die meisten dieser Fürsten ist heute wenig oder nicht mehr als die ungefähre oder genauere Regierungszeit, ein persönlicher Name und ein Rufname bekannt. Viel mehr dürfte auch der Kompilator nicht über sie gewußt haben. Hat er vielleicht die posthumen Namen, denen allemal ja auch ein "historisches" Urteil innewohnt, zu seiner Urteilsfindung herangezogen?
  • Drückt sich in dieser überwiegend schlechten Einstufung der Fürsten der Chou-Zeit eine allgemeine Ablehnung eines Lehnsfürsten- oder - und vielleicht besser!- Reichsfürstensystems aus? Natürlich sind nicht wenige dieser Fürsten tatsächlich für Ruchlosigkeiten bekannt, aber doch nicht in dieser Fülle - und vor allem, wenn gar nichts über sie überliefert ist und wohl auch war! Da wäre ein guter Mittelplatz, sagen wir Rang 5, doch wohl angemessener gewesen.
Eine generelle Ablehnung aller Fürstenherrlichkeit scheint sich dadurch zu bestätigen, daß selbst ein herausragender und um das Gesamtwohl der Staatenwelt des chouzeitlichen China besorgter Fürst wie Herzog Huan von Ch'i (685-643) nur des Ranges 5 für wichtig erachtet wird, und auch Herzog Wen von Chin (636-628), nur Rang 4 schafft. Als die beiden ersten der sogenannten "Hegemonen" kommt ihnen für die politische Ordnung in dieser frühen Staatenwelt eine überragende Bedeutung zu.

Ein noch erstaunlicherer Eindruck ergibt sich, wenn für sämtliche im KCJP aufgeführten Fürsten eines Staates der Mittelwert ihrer Rangstufen ermittelt wird - also ein Durchschnittswert für die "Würdigkeit" eines Staates.

Die Mittelwerte der Kategorisierungen der Fürsten einzelner Staaten
Staat Mittelwert der Kategorisierungen seiner Fürsten
   
Ch'in 5.83
   
Wei (San-Chin) 6.10
Han 6.18
Yen 6.19
Chao 6.43
   
Ch'u 6.55
Ch'i (T'ien) 6.56
Lu 6.62
Chou 6.67
Wei 6.78
Ch'en 6.95
Cheng 6.95
Sung 6.97
Chin 6.97
   
Ch'i (Lü) 7.10
Ts'ao 7.17
Ts'ai 7.27
Ch'i (Yü) 7.86

Auch hier ist das Bild von wünschenswerter und abermals erstaunlicher Klarheit. Diejenigen Staaten bzw. Fürstenhäuser, welche die Staatenwelt der Ch'un-ch'iu-Zeit geprägt hatten, einschließlich des Chou-Königshauses, rangieren im unteren Teil der Tabelle. Die sonst oft als "usurpatorisch" eingeschätzten Staaten der "Zeit der kämpfenden Staaten" (Chan-kuo) weisen deutlich bessere "moralische" Durchschnittsnoten auf. Am verblüffendsten ist, daß das sonst geschmähte Ch'in, dieser "Staat von Tigern und Wölfen", mit deutlichem Abstand dieses Würdigkeits-"Ranking" anführt - allerdings trotzdem in der unteren Hälfte der Wertschätzung, doch immerhin. Dieser Staat, der in all seinen Zügen allem "Konfuzianischen" abhold war, der ausgezeichnetste von allen bedeutenden Staaten des frühen China? Das verstehe, wer kann, doch auf einen Zufall dürfte sich dieser Befund nicht leicht zurückführen lassen.

Eine Erklärung könnte sein, daß das KCJP durch seine Kategorisierungen so etwas wie den historischen Erfolg der einzelnen Fürstenhäuser bewerten will. Das läßt sich dadurch bestätigen, daß die insgesamt schlechter bewerteten Staaten allesamt auch früher untergegangen sind als die besser bewerteten. Eine andere Erklärung könnte meinen, daß das Fürstenhaus und dann die kurzlebige Kaiserdynastie Ch'in durch allmählichen Aufstieg zur Macht und dann die Einverleibung des "Reiches" die Voraussetzung für die Herrscherdynastie Han geschaffen hatte. Ihr historisches Verdienst wäre demnach gewesen, der Dynastie Han den Boden bereitet, sie überhaupt erst ermöglicht zu haben.

Vielleicht liegen noch weitere Erklärungen nahe. Sicherheit wird sich in dieser Angelegenheit erst erzielen lassen, wenn auch die Kategorisierungen aller anderen Personen einer systematischen zusammenfassenden Untersuchung unterzogen und die oben aufgeführten 466 Fürsten genauer betrachtet wurden. Aufschluß versprechen auch Analysen zu den Kategorisierungen von einzelnen Fürsten kleinerer Staaten, bei denen nicht deren ganze Herrscherfolge in das KCJP Eingang fand.

Schlamperei oder Methode?

Das vollständige Muster der Bezeichnung eines Fürsten im KCJP besteht aus dem Namen des Fürstentums, dem posthumen Namen des Fürsten, einschließlich des Titels, und dem persönlichen Namen. Es folgt eine Notiz über die verwandtschaftliche Beziehung zu seinem Vorgänger, meist "Sohn des Soundso" oder "jüngerer Bruder des Soundso". Da das KCJP augenscheinlich nebenbei die Genealogie der Fürstenhäuser dokumentieren will, ist das auch unerläßlich.

Von dieser Art der Bezeichnung weicht das KCJP in nachvollziehbaren Fällen ab. Bei den frühen Fürsten des Südstaates Ch'u werden die dort üblichen, im Vergleich mit den Nordstaaten andersartigen Namensformen gegeben. Bei den Fürsten von Yen, der am weitesten nördlich gelegenen und sonst weitgehend unbekannten Herrschaft, sind auch in anderen Überrlieferungen die persönlichen Namen der Fürsten und deren verwandtschaftliche Verhältnisse zueinander weitgehend unbekannt. KCJP behilft sich hier damit, daß es die Generationen zählt.

Eine weitere, ebenfalls nachvollziehbare Abkehr von diesem Bezeichnungsschema nimmt das KCJP bei den Herrschers des Chou-Königshauses vor. Es verzichtet bei den einzelnen Namen auf die wiederholte Nennung der dynastischen Bezeichnung Chou und spricht beispielsweise einfach von "König Mu, (persönlicher Name:) Man, Sohn von König Chao". Das ist sinnvoll, denn zumindest in den Anfängen trugen allein die Chou den Königstitel wang. Bald aber ändert das KCJP seine Bennenungsweise und spricht ausdrücklich von König Ch'ing von Chou (618-613). Auch das erscheint als sinnvoll, denn zu dessen Zeit hatten sich auch andere Fürstenhäuser den Königstitel angemaßt. Das hinzugefügte Chou diente also der zweifelsfreien Identifizierung. So bleibt das dann bei einigen von dessen Nachfolgern, aber plötzlich fehlt das Chou in der Bezeichnung wieder, taucht bald erneut auf, und so geht das hin und her. Bei den letzen, kläglichen Inhabern des Chou-Thrones fehlt das Chou abermals. Was das wohl soll?

Als nächstes fällt auf, daß das KCJP in aberdutzenden Fällen bei den übrigen Fürstenhäusern von dem vollständigen Bezeichnungsschema abweicht. Hier fehlt es an der Angabe des persönlichen Namens des jeweiligen Fürsten, dort fehlt der Hinweis auf die Art der verwandtschaftlichen Beziehung zu seinem Vorgänger. In zahlreichen Fällen fehlen gar beide Angaben. Dabei hätte der Kompilator der Tabelle nur in die entsprechenden Kapitel des Shih-chi oder auch des noch älteren Shih-pen zu blicken brauchen, um in den meisten Fällen schnell die Lücke füllen zu können. Offenbar hat er diese geringe Mühe gescheut oder aber -argwöhnt der neugierige Betrachter dieser Tabelle- er will auf diese Weise, durch das "Lassen einer Lücke" nach der bekannten "Lob- und Tadel"-Praxis der "konfuzianischen" Geschichtsschreibung, einen besonderen Hinweis verbinden. Für eine solche Möglichkeit ließen sich allerdings bei einiger Prüfung bestätigende Hinweise nicht erblicken. Außerdem wäre beinahe widersinnig, wenn einer Tabelle, die schon per se ganz auf Lob und Tadel angelegt ist, noch ein zweites, "verborgenes" Kategorisierungsmuster unterläge. - Bereits Yen Shih-ku (581-645) erschien das KCJP als nicht ganz ausgearbeitet. Das mag so sein, und dann hätte dessen Kompilator über all der Mühewaltung, die ihm die Zuweisung der mehr als 1900 Personen in seine neun Kategorien abverlangt haben sollte, wohl die kleinere Mühsal des Nachschlagens persönlicher Daten für zahlreiche Fürsten gescheut.

In ebenfalls aberdutzenden Fällen weisen die Fürstennamen des KCJP Abweichungen von den Namensformen im Shih-chi auf. Auch diese sind so zahlreich, daß sie nicht der Dokumentierung bedürfen. Sie betreffen vor allem die persönlichen Namen der Herrscher, ebenso oft die Angaben über die Verwandtschaftsgrade, gelegentlich auch die posthumen Namen jenseits der bekannten Tabuvarianten. Von hierher verfestigt sich der Eindruck, daß der Kompilator des KCJP das Shih-chi bei der Arbeit an seinem "Weltgericht" jedenfalls nicht herangezogen habe.

Angesichts dessen fällt nicht weiter ins Gewicht, daß nicht wenige Fürsten, die Shih-chi und Shih-pen aufführen, bei den jeweiligen Fürstenhäusern vergessen wurden. In dem einen oder anderen Falle mag die bestreffende Person dem Kompilator des KCJP nicht als legitim gegolten haben, das kann aber nicht für alle gelten. In manchem Falle mag auch die spätere Überlieferung für solch einen Lapsus verantwortlich sein, aber eine solche Erwägung verhindert nicht den Eindruck, daß allenthalben bei den Anführungen der Fürsten schlichte Schlamperei gewaltet habe.

Nicht gar zu schnell dürfte sich freilich dieser Eindruck verfestigen, denn vielleicht fußt das KCJP auf anderen Genealogien als denen, welche durch Shih-chi und Shih-pen, das ja als Quelle des erstgenannten Textes gilt, gleichsam kanonisiert wurden. Möglicherweise dokumentiert die Tabelle bei der Nennung der chouzeitlichen Fürsten einfach eine andere, vielleicht sogar bessere Überlieferungstradition. Das mag sein, aber was ist dann von Fällen wie den nachstehend aufgeführten zu halten:

- Einen Herzog Hsiang von Sung führt das KCJP einmal (ed. Chung-hua S. 911) in der Kategorie 6 auf, ein weiteres Mal (S. 912) in Kategorie 7.
- Herzog Kung von Ts'ao nennt das KCJP ebenfalls zweimal (S. 911 und 913), aber wenigstens in der gleichen Kategorie 8.
- Herzog Mu von Wei findet sich einmal (S. 915) in Kategorie 6, dann (S. 917) in der Tabuschreibung Mou wieder in Kategorie 7.
- Herzog Ting von Chin gehört einmal (S.931) in Kategorie 8, später (S. 937) ist er immerhin schon in Kategorie 6 befördert.
- Herzog Hsi von Ch'i läßt sich ebenfalls zweimal entdecken (S. 932 und 937): Kategorien 9 und 8, und bei den Fürsten dieses Kleinstaates weicht KCJP besonders stark von den sonstigen Überlieferungen ab.
- Den berüchtigten K'uai-wai führt das KCJP zunächst (S. 929) in der angemessenen Kategorie 9. Wenig später (S. 935) hat er es als Herzog Chien von Wei, bei dem jedoch der persönliche Name K'uai-wai verzeichnet ist, immerhin in die Kategorie 8 gebracht. Tso-chuan und Shih-chi nennen für ihn überdies einen anderen posthumen Namen: Herzog Chuang.

Diese Reihe von Doppelnennungen ließe sich noch fortführen. Was immer es damit im Einzelfall auf sich habe, In beinahe allen dieser Fälle ist wohl auszuschließen, daß eine Verwechslung mit einem anderen Fürsten vorliegen könnte. - Derlei hat wohl schwerlich mit irgendeiner "Methode" historiographischen Urteils zu tun, das ist schlichte historiographische Schlamperei, alles zusammengenommen.

Schluß

Einerseits ein offenbar wohlabgewogenes Bewertungssystem, andererseits gröbste Unzulänglichkei-ten, vielleicht Fehler in Hülle und Fülle bei der Benennung von Fürstenpersönlichkeiten, Schlampereien dazu - und das bei Pan Ku, einem der größten Geschichtsschreiber der chinesischen Tradition, oder seiner gelehrten Schwester Pan Chao, welcher die Kompilation dieser Tabelle ebenfalls zugeschrieben wurde? Da zögert der Student dieser Tabelle bei seinem eigenen Urteil. Kannten sie sich in der Geschichte der Chou-Zeit dermaßen schlecht aus? Warum haben sie dann nicht das Shih-chi neben sich gelegt? Selbst wenn eine gewisse Unhandlichkeit bei der Lektüre des damaligen Textes unterstellt werden kann - länger als zwei Tage wären auch damals nicht erforderlich gewesen, die notwendigen Daten abzugleichen. Verfügten die Pan etwa gar nicht über das Shih-chi, jedenfalls nicht über alle Kapitel?

Soll, ganz anders, der Student dieser Tabelle viel kühner nachdenken? Stammt das KCJP gar nicht aus der Feder von Pan Ku oder Pan Chao, obwohl die Vorbemerkung zu ihm das nicht nahelegt? Entstand es möglicherweise vor dem Shih-chi des Ssu-ma Ch'ien, ganz am Anfang der Han-Zeit, als wichtige historiographische Materialien über das Altertum nicht leicht zugänglich waren? Dann wären seine Schwächen, aber auch das "Gegenwart" in seinem Titel viel leichter verständlich als bei der behaupteten Abfassung ungefähr 250 Jahre später. Dann auch erhielte seine Plazierung am Ende der piao, "Tabellen", im Han-shu seine besondere Notion, und zwar eine boshafte, denn der vergnügt-gründliche Leser der voranstehenden Tabellen, Han-shu 13 bis 19, entdeckt auch an ihnen einige Eigenheiten.

Was alles es mit dem KCJP auf sich haben mag, Genaueres wird sich erst nach einer Analyse aller seiner Einzelheiten sagen lassen. Der angedeutete Anfang zeigt, daß sich eine solche Analyse lohnen dürfte. Ebenfalls hat sich wieder einmal herausgestellt, daß die bloße Außenwahrnehmung der Schriften der frühen Geschichtsschreiber oder die Zusammenschau einzelner Stellen in ihren Werken zu einem gerade interessierenden Thema meistens in die Irre führt. Die nur allmählich enträtselbare Binnenstruktur ihrer Werke, die sich erst durch die genaueste Analyse der einzelnen Kapitel erschließen kann, verhinderte mit allem Bedacht dieser "Schreiber", daß das tatsächlich Gemeinte für den Nichtliteraten, der sich in ihren Künsten nicht gut auskannte, gar zu offensichtlich werde.

Hans van Ess braucht an dergleichen nicht erinnert zu werden, wie er oft genug gezeigt hat, und das "Weltgericht" wird ein solches bleiben, auch wohl ein "konfuzianisches", als welches Ulrich Unger es deklarierte, jedenfalls nach meinen bisherigen Eindrücken. Vielleicht könnte, wenn ich bisherigen oberflächlichen Untersuchungen trauen darf, der Untertitel "ein politisches Pamphlet" hinzukommen. Nebenbei bemerkt, auch weitere hanzeitliche Literaten zeigen in ihren Werken eine der des KCJP vergleichbare anspruchsvolle Vermessenheit. Das aber wäre eine weitere Geschichte.
 
 
hans & birgit van ess
 
 

Zürnende Frauen und ein Problem

Für Birgit van Ess
zum 5. März 2002

 
 

Vorbemerkung

Natürlich hat Konfuzius auch über Frauen gesprochen (» vgl. Folge 14). Vor allem werden ihm rühmende Äußerungen über mustergültige Frauen zugeschrieben. Er und die gesamte konfuzianische Überlieferung schätzten sie - nicht nur, wenn sie vorbildhaft hinter, vor und neben ihren Männern standen, sondern vor allem deswegen, weil sie ganz offensichtlich auch der früheren und schnelleren Wahrnehmung fähig waren.

Auch Birgit van Ess feiert jetzt ihren Geburtstag. Wie mit Hans van Ess verbinden sich auch mit ihr zahlreiche Erinnerungen an ihre sinologischen Studien in Hamburg, die sie im Jahre 1986 abschloß. Ihren Interessen für die schönen Künste entsprach das Thema ihrer Examensarbeit: "Zur Kunstgeschichte von Ssu-ch'uan. Das I-chou ming-hua lu des Huang Hsiu-fu". In der frühen Sung-Zeit war dieser Text entstanden.

Ein Glückwunsch an Hans van Ess kann nicht vollständig sein ohne einen solchen an sie. Diese Notiz ist also ihr gewidmet. Niemand soll jedoch hinter den "zürnenden Frauen", auch den "vernachlässigten Männern", irgendeine Arglist vermuten! Mir kommt es nur auf das Problem danach an.

Einleitung

Der Text Meng-tzu, der die wichtigsten Überlieferungen über den großen konfuzianischen Denker Meng K'o (390-305) enthält, beginnt fulminant - mit den Gesprächen welche Meng mit dem König Hui von Liang geführt (370-335) haben soll: Meng 1A1 bis 1A5. Unverblümt, beinahe rüde, weist er den Herrscher darauf hin, daß es ohne Beachtung konfuzianischer Grundsätze seinem Staat schlecht ergehen werde, was bedeutet: noch schlechter als zuletzt. Die fünf Abschnitte, in welcher der überlieferte Text des Meng-tzu dieses Gespräch unterteilt, erscheinen trotz dieser Unterteilung als ein mehr oder minder geschlossener Textzusammenhang.

Kaum weniger aufschlußreich sind die Gespräche, welche Meng K'o mit König Hsüan von Ch'i (342-324) geführt haben soll: Meng 1A7, 1B2 bis 1B10, einige weitere Notizen im späteren Teil des Textes. Interessant wäre zu wissen, wie man sich solche Gespräche vorstellen soll, wenn sie denn tatsächlich stattgefunden haben. Noch interessanter wäre zu erfahren, welches die Umstände der Niederschrift solcher Gespäche gewesen sein könnten. So, wie sie sich darbieten, erscheinen sie als verkürzt, aber protokollhaft, könnten also unvermittelt Einblick in die Meinungen dieses "Meister Meng" geben. - Die Abbildung gibt eine alte Aufnahme des ihm gewidmeten Tempels wieder.

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Während ich, wenigstens bei Meng K'o, nicht von vorneherein in Abrede stellen möchte, daß solche Gespräche zwischen diesen beiden, und auch anderen, Herrschern und dem Denker tatsächlich stattfanden, wollen mir die Niederschriften ihrer Inhalte nicht als gar so plausibel, das heißt: authentisch, erscheinen. Zwischen den Gesprächen und Niederschriften über sie dürfte es Zwischenüberlieferungen gegeben haben, etwa: die Erzählungen des Meng K'o oder eines Begleiters über das Gespräch, deren mündliche oder schriftliche Tradierung an eine oder mehrere spätere Personen, ihre Redaktion für die weitere Überlieferung - bis hin zu der Schlußfassung des heute überlieferten Textes Meng-tzu. Über solche Überlieferungsschritte sind wir bei den meisten Texten aus dem chinesischen Altertum nicht unterrichtet. Den heute vorliegenden Text des Meng-tzu dürfte, mehr oder minder genau seinen Vorlagen folgend, der Urkommentator Chao Ch'i (+ 201) eingerichtet haben.

Keine zürnenden Frauen

In Meng 1B5 befragt König Hsüan von Ch'i Meng K'o zunächst über den ming-t'ang genannten Sakralbau und die Regierung eines wahren Königs. Dann gesteht er dem Denker, er leide an der Schwäche/an der Krankheit/dem Fieber, Schätze zu lieben. Meng beruhigt ihn mit dem Hinweis, darunter habe auch Herzog Liu, ein legendärer vordynastischer Chou-Fürst, gelitten, und er zitiert einen diesbezüglichen Text aus dem klassischen "Buch der Lieder".

Sodann gesteht der König eine weitere Schwäche: er liebe auch die Frauenschönheit. Abermals weiß Meng ihn zu beruhigen, mit dem gleichen Argumentationsschema: Der Große König Tan-fu, ein nächster vordynastischer Chou-Fürst, habe ebenfalls seine Frau geliebt, und wieder zitiert Meng eine Strophe aus dem "Buch der Lieder". - Ganz in diesem engen Sinne wie der Meister hatte König Hsüan seine Frauenliebe gewiß nicht verstanden.

Meng schließt seine Argumentation hier mit den Worten, damals im Altertum, sieben, acht Jahrhunderte vor dem mutmaßlichen Zeitpunkt seiner Rede: "Im Innern gab es keine zürnenden Frauen, draußen gab es keine vernachlässigten Männer" (nei wu yüan nü, wai wu k'uang fu). Der König müsse nur die Hundert Geschlechter, seine Untertanen nämlich, an seiner Liebe zur Frauenschönheit teilhaben lassen, dann sei die schon recht. - Wie sich der würdige und betagte Denker Meng K'o das wohl vorgestellt hat!

Die genannte Formel von den zürnenden Frauen und den vernachlässigten Männern begegnet in der klassischen und spätklassischen Literatur noch öfter:
- HSWC 3.19 wird sie, allerdings in Umkehrung der beiden Sätze, bei einer Beschreibung einer idealen Zeit höchsten Friedens verwendet.
- KTT 1.2/2/28 sagt der Schüler Tzu-chang zu Konfuzius, er habe diesen sagen hören: "Ist ein Weiser oben (auf dem Thron), und sind Edle in den Positionen (der Ämter), dann gibt es im Innern keine zürnenden Frauen und draußen keine vernachlässigten Männer." Der Schüler fragt naseweis, wie dazu passe, daß es unter dem weisen Urkaiser Yao unverheiratete Männer gegeben habe.
- Mo-tzu 7/6/37 sagt, ebenfalls auf das Altertum bezogen, aber in leichter Abwandlung der Formel: "Im Innern gab es keine gefangenen (chü) Frauen, draußen keine einsamen Männer." Deshalb sei das Volk im Reiche zahlreich gewesen.
Bei solchen und weiteren Anführungen der Formel scheint gemeint zu sein, daß die Herrscher in solchen seligen Zeiten ihre "inneren Gemächer" nicht dermaßen mit den Schönen ihres Landes gefüllt hätten, daß ihren männlichen Untertanen keine Frau mehr für die eigene Verehelichung blieb. - Die Frauenlust mancher Herrscher scheint in Anbetracht der Bevölkerungszahl ihrer Staaten, die in die Millionen ging, formidable gewesen zu sein.

Neben solchen und weiteren expliziten Wiederholungen dieser Formel finden sich immer wieder auch Textstellen, bei denen sie nur indirekt erscheint, aber doch klar und deutlich angesprochen ist:
- Im Vorwort zu Lied 33 im "Buch der Lieder" heißt es zu einem vorgeblichen Klagelied über einen Herrscher: "Männer und Frauen zürnten und waren vernachlässigt."
- YTL 7.3/53/7 sagt der anklagende Gelehrte über hanzeitliche Verhältnisse: "Männer und Frauen zürnen und sind vernachlässigt, und sie sehnen sich nacheinander." YTL 6.1/43/6 ganz ähnlich: "Heutzutage (...) sind die Frauen wohl vernachlässigt und zürnen, und sie versäumen ihre Zeit."
- HFT 35 berichtet in einer Anekdote über die Begegnung des Herzogs Huan von Ch'i mit einem betagten Ehelosen. Sein Würdenträger Kuan Chung klärt ihn danach auf: "Wenn es im Palast zürnende Frauen gibt, dann fehlt es im Volk an Ehefrauen." Hierauf habe der Herzog Heiratsvorschriften erlassen: Männer mit 20, Frauen mit 15.
- PHT 10/28/20: "Wenn im Altertum ein Heer auszog, dann überschritt es dabei nicht die (Dauer der) der Jahreszeiten. (...) Werden die Jahreszeiten überschritten, dann gibt es im Innern zürnende Frauen und draußen gibt es vernachlässigte Männer."
Augenscheinlich wurde die Formel von ihren Nutzern in unterschiedlicher Weise verstanden. Diese hängt mit dem Wort k'uang, hier durchgehend als "vernachlässigt" übersetzt, zusammen. Dieses k'uang bezeichnet aber auch Männer, die auf Feldzügen oder bei Frondiensten über Gebühr lange unterwegs sind, also ihre Zeit "vertun" oder "vergeuden" oder denen gar das Geschick, "vertan" zu werden, widerfährt.

Was immer die ursprüngliche Bedeutung der Formel oder ihre Bedeutung in der jeweiligen Argumentation war - sie scheint ziemlich alten Herkommens zu sein. Vielleicht ist kein Zufall, daß Meng 1B5 sie in Zusammenhang mit dem Großen König Tan-fu von Chou brachte. Über dessen Wirken berichten klassische und spätklassische Texte immer wieder in beinahe stereotypen Wendungen. - Mich interessiert hier auch gar nicht diese Formel, sondern eine weitere Verwendung derselben.

Das Problem

Die Anekdotensammlung Hsin-hsü (3.1) überliefert einen kurzen Text, nach welchem König Hui von Liang zu Meister Meng gesagt habe, er habe die Schwäche, die Frauenschönheit zu lieben, und den weiteren Fehler, die Tapferkeit zu lieben. Meng antwortet ihm, was die Frauen angeht, mit den gleichen Worten, wie er sie in Meng 1B5 gegenüber König Hsüan von Ch'i geäußert haben soll, auch unter Verwendung der Zorn-Formel.

In Meng 1B5 hatt König Hsüan als weitere Schwäche seine Liebe zu Schätzen offenbart; hier, in Hsin-hsü 3.1, enthüllt König Hui seine zusätzliche Liebe zur Tapferkeit - und erstaunlich ist, daß Meng ihm nach dem gleichen Muster erwidert: Zitat eines Liedes aus dem "Buch der Lieder" und Hinweis auf die Liebe des Chou-Königs Wen für die Tapferkeit.

Keinem Zweifel kann unterliegen, daß zwischen Meng 1B5 und Hsin-hsü 3.1 ein Zusammenhang besteht. Über dessen Art läßt sich nicht ohne weiteres befinden. Entscheidend ist unter anderem, welcher Hypothese man darüber nachhängt, zu welcher "Textsorte" solche Aufzeichnungen wie die im Meng-tzu über die Gespräche des Meng K'o mit den beiden Herrschern gehören mögen. Gemeinhin gelten sie wohl als halbwegs authentische Wiedergaben der Gespräche.

Litten etwa beide Herrscher, mit welchen Meister Meng sprach, unter ihrer Liebe zu Frauenschönheiten, den hauptfraulichen oder den weiteren, und antwortete Meng ihnen deshalb bequemerweise jeweils das gleiche? Bei dem einen Herrscher käme dann noch die Passion für die Schätze, bei dem anderen die für Tapferkeit und für Tapfere, hinzu - in der Überlieferung ganz andersartiger Textsammlungen. Die wohlverstandene Hingabe an solche Leidenschaft rechtfertigte ihnen Meng dann nach dem jeweils gleichen Argumentationsmuster. Noch etwas:

- Meng 1B4 empfing König Hsüan von Ch'i den Meng im sogenannten Schneepalast und fragt, ob auch ein Würdiger (hsien) Freude an Dingen wie diesem empfinde. Meng erwidert, ein Fürst solle das Volk an den eigenen Freuden teilhaben lassen und widerrät "einsamer" Fürstenfreude.
- Meng 1A2 begegnet König Hui von Liang dem Meng an einem Weiher in seinem Park. Er fragt ebenfalls, ob auch ein Würdiger Freude an Dingen wie diesem empfinde. Meng rechtfertigt nach dem oben bezeichneten Argumentationsschema: Lied-Zitat und Hinweis auf König Wen von Chou, der derlei in wohlverstandener Weise geliebt habe.

Sogar im Text Meng-tzu findet sich also eine Übereinstimmung zwischen den Themen der beiden "Königsgespräche" und im Gespräch mit König Hui das gleiche Argumentationsschema wie bei König Hsüan. Was immer das Verhältnis der Anekdote Hsin-hsü 3.1 zum Text Meng-tzu sei - hiernach ist klar, daß die Aufzeichnungen des Textes Meng-tzu über die Begegnungen des Meng K'o mit den beiden genannten Herrschern nicht unabhängig voneinander entstanden sein dürften. Die Aufzeichnungen über den Besuch bei Hui von Liang haben die Aufzeichnungen über die Begegnung mit Hsüan von Ch'i zum Muster gehabt oder umgekehrt. Wahrscheinlich ist noch, daß sich hinter den Aufzeichnungen über beide Begegnungen eine ältere Überlieferungsschicht verbirgt, welche Äußerungen des Meng K'o über Frauenschönheit, Tapferkeit, Schätze, Prunkbauten in jeweils entsprechendem Argumentationsschema in Zusammenhang mit Liedern aus dem "Buch der Lieder" und mit legendären Chou-Fürsten enthielt.

Schluß

Der größte Teil der aus dem Alten China überlieferten Schriften sind nicht "geschlossene" Texte, sondern Textsammlungen, oft deutlich heterogener Art. Das können Sammlungen von Traktaten sein, Sammlungen von sogenannten Anekdoten oder Sammlungen von dicta. Selbst wenn solche Sammlungen oder Konvolute den Namen eines Denkers, wie im Falle des Textes Meng-tzu, tragen, ändert das nichts an ihrer offenbaren Heterogenität.

Als ein weiteres Problem bei ihrer Analyse kommt hinzu, daß sich hinter der Oberfläche ihrer einzelnen Teile ältere Überlieferungen der unterschiedlichsten Art verbergen: die "Texte hinter den Texten", die vielleicht auch nur mündlich überliefert waren und gewiß zu unterschiedlichen Textsorten gehörten. Ohne die Analyse dieser Subschichten lassen sich auch die Texte, die einzelnen Teile der Konvolute, nicht angemessen verstehen.

Ein beträchtlicher Teil dieser Schriften aus dem Alten China, die klassische und spätklassische Literatur, wurde von der westlichen Sinologie bisher nur in überaus unzulänglicher Weise wahrgenommen: die sogenannten Anekdoten-Sammlungen, das Yen-tzu ch'un-ch'iu zum Beispiel, das Han-shih wai-chuan, das Shuo-yüan und eben das Hsin-hsü. Diese -heute nicht vollständig erhaltene- Sammlung soll der große Kompilator und Redaktor Liu Hsiang (79-8) zusammengestellt haben, ungefähr im Jahre 25 v. Chr. Möglicherweise war es dieses verhältnismäßig späte Kompilationsdatum, das bisher jeder ernsthaften Auseinandersetzung mit ihr im Wege stand. Dann hätte man allerdings verkannt, daß Liu Hsiang aufgrund seiner Kompilatorentätigkeit über Texte verfügte, die sonst nicht erhalten blieben. Wenn die Abschnitte seiner Textsammlungen, auch des Hsin-hsü, Parallelen mit vorgeblich älteren Textsammlungen aufweisen, dann zeigt der genaue Vergleich nur zu oft, daß seine Version die tatsächlich ältere sein dürfte.

Unter diesem Eindruck kann die bisher unbeachtete Notiz Hsin-hsü 3.1 wohl tatsächlich ein Licht auf die Überlieferungen des Meng-tzu über die Unterredungen mit den Königen Hui von Liang und Hsüan von Ch'i und deren Zustandekommen werfen. Die Textsammlung Meng-tzu ist einer der Klassiker der chinesischen Tradition, das Hsin-hsü zählt zu den vernachlässigten und offenbar geringgeschätzten Anekdoten-Überlieferungen. Derlei Gegebenheiten besagen freilich nicht, daß aus letzteren nicht auch Einblicke in die Strukturen der Klassiker oder der sonst öfter studierten Textsammlungen zu gewinnen sind.
 
 
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