Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 16
28. März 2002
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte Deutsche Chinatexte
 
         
 

Rückblick auf Chinesisch Neujahr

Wenigstens zwei Jahrzehnte war guter Brauch, daß die Hamburger Presse ausführlich über das Neujahrsfest, nach dem Mondkalender, der zahlreichen chinesischen Mitbürger berichtete. Meistens wurde auch ausführlich das Neujahrsfest des Chinesischen Vereins, der immerhin seit 1929 in Hamburg, dieser "Chinesenburg", ansässig ist, gewürdigt. Im vergangenen Jahr schien sich eine Abkehr von diesem Brauch anzudeuten. Jetzt wurde sie vollzogen.

hamburger abendblatt

Ausführlich, in Bild und Text, berichtete in diesem Jahr die Presse allein über das Fest einer Modelagentur aus Anlaß des Neujahrstages - im "Tao", das beiläufig zum "Gourmet-Tempel" hochgeschrieben wurde. Hummersalat mit Petersilie wurde aufgetischt, Fresh Scallop in Black Beans, Curry Seafood und, natürlich, Sushi - köstlichste chinesische Küche also, und die wenigen anwesenden Chinesen galten wohl eher als Dekorelemente. Neben den models speisten auch andere von den zu solchen events gehörenden Hamburger Jungen und Schönen: Uwe Seeler, Dagmar Berghoff, auch eine Erfolgsautorin namens Ildikó von Kürthy ("Herzsprung"). Die models schwebten von weither ein, ebenso aus Los Angeles die sich bis vor kurzem "Blümchen" nennende Gesangsnoten-Äußerin. Sie fand "diese aalglatten Models komisch" und sehnte sich nach den harten Surfertypen von jenseits des Ozeans. - Die Hamburger Partywelt sucht ständig nach dem Kick einer neuen Gelegenheit für ihre Feiern. Jetzt fiel ihr auch Chinesisch Neujahr zum Opfer.

Der überregionalen Presse war das chinesische Neujahrsfest manch tiefe Betrachtung wert. Am tiefsten schürfte, wie gewohnt, die "alte Tante" FAZ , am 12. Februar. Wiebke Denecke wußte, durch "die chinesische Vorliebe (...) für das Etym(yth)ologisieren wird das sprechaktliche Umdrehen (daò) der Glückszeichen zum Neujahr heilsgeschichtlich mit der Ankunft (...) des neuen Jahres verknüpft." Im nächsten Satz ist sie dann bei den europäischen Aufklärern: Diese liebten das Chinesische "wie ein kostbares Relikt einer präbabylonischen Ursprache, in der sich Nominalismus und Realismus in einer idealischen Verschmelzung von Sprachphänomenologie und Ontologie aufzuheben versprachen." Gleichsam sprechaktlich und heilsgeschichtlich. - Ihre alltagsnähere Kollegin Petra Kolenko zitiert in der gleichen Nummer einen Hongkonger Astrologen, der meint, das neue Jahr des Pferdes werde eine Ausweitung des "Kriegs gegen den Terrorismus" bringen, aber so schlimm wie der 2. Weltkrieg werde es nicht werden. Könnte unsereins doch als Wahrsager sein Geld verdienen! Ansonsten meint Kolenko in ihrem Vierspalter, das Jahr könne "einschneidende Ereignisse, im Guten wie im Bösen, bringen", und empfiehlt den in einem Pferdejahr Geborenen, das Jahr über ein rotes Band am Leibe zu tragen. Damit nicht genug! Am gleichen Tag bringt die FAZ noch einen weiteren Vierspalter, über Asiens Wirtschaft und das Jahr des Pferdes. "Das Pferd pariert nur dann, wenn die Zügel straff geführt werden." Das freute manchen asiatischen Potentaten, würde er diesen idiotischen Beitrag lesen können.

Die "Frankfurter Rundschau" nebenan mag nicht zurückstehen. "Die meisten Chinesen in Frankfurt haben heute keine Zeit, ihr traditionelles Neujahrsfest zu feiern", lautete am 12. Februar der Untertitel eines Vierspalters, der im letzten Absatz dann verrät, daß sie das zwei Tage später tun würden. Schon am 8. Februar hatte der Chinakundige Harald Maas aus Peking über das "nicht unbedingt glückliche Tierkreissymbol" berichtet. Abgesehen davon, daß Symbole selten "glücklich", sondern allenfalls glückbedeutend sind, schreibt er, daß der 02.02.2002 "im Volksglauben" ein "glückliches Datum" sei. Mit Zeitungsartikeln über dieses Datum hat sich schon mancher Mathematik-Prof. blamiert, und dieser, laut Maas, "Volksglaube" dürfte ein sehr spontan entstandener sein und eher zur chinesischen Schickimicki gehören. Den in einem Pferdejahr Geborenen, er nennt Clint Eastwood und Helmut Kohl, verheißt er für das beginnende Pferdejahr "Romanzen und unbekümmerte Selbstvergessenheit". Mit diesem Hinweis übertrifft er mühelos an Geschmacklosigkeit die beiden unlängst erschienenen Biographien der Hannelore Kohl. Amüsant hingegen ist der an Helmut Kohl vermittelte Rat, Pferdejahrgeborene sollten jetzt rote Socken tragen. - Helmut Kohl in roten Socken und in einem Wahljahr!

Immer wieder unbegreiflich ist, welche Interessen die Chinaberichterstattung deutscher Zeitungen bedient - und die manche ihrer China-Korrespondenten. Augenscheinlich gibt es China-Korrespondenten, die dem Land ihrer Berichterstattung nicht sonderlich zugetan sind. Als Harald Maas über das Neujahr in Peking, nach dem Sonnenkalender, berichtete, bestand sein Artikel vor allem aus vielen KAWUMMM und RATTATTATTA. - Das Land hat die China-Journalisten, die es verdient.
 
 
 

Nördlich von Shanghai

Seit einiger Zeit veröffentlicht das "Abendblatt" in ihrem Wirtschaftsteil täglich eine kleine Liste der Frachtschiffe, die am jeweiligen Tag im Hamburger Hafen eintreffen werden. Bis dahin hatte es Schiffen im Hafen vor allem dann Aufmerksamkeit gewidmet, wenn das Kreuzfahrer, Windjammer oder Schlachtschiffe waren. Denen werden auch weiterhin viele Spalten und Bilder gewidmet werden, nicht aber den weniger auffälligen Frachtern, obwohl diese für das Wohlergehen der Hamburger ungleich wichtiger sind. Am Sonnabend fehlt diese Liste ohnehin, als habe dann auch der Hafen Holiday.

dct16_2 Die wochentägliche Liste des HA weist allerdings ihre Tücken auf. Unter zehn Schiffen am 22. März erscheint ein Containerschiff namens "Qingdao Star". Das hört sich so chinesisch an wie der Schiffsname "Pasewalk" deutsch. Als Nationalität werden freilich Malta bzw. Liberia genannt. Betreiben auch chinesische Redereien schon das Ausflaggen, um Steuern zu sparen? Hafengeheimnisse.

Am 21. Februar hatte das Abendblatt kurz gemeldet: "Die chinesische Reederei Cosco hat ihren Fernostdienst weiter ausgebaut. Von Europa aus endet die Chinarundreise nun in Dalian, einem Hafen nördlich von Shanghai auf der Halbinsel Liaoning." In Europa würden außer Hamburg Felixstowe, Rotterdam und Antwerpen angelaufen, in Asien neben Dalian noch Singapur, Hongkong und Shanghai.

Dalian nördlich von Shanghai? Das ist richtig, doch dazwischen liegen ungefähr 900 Kilometer Luftlinie. Was würde das "Abendblatt" meinen, wenn in einer Shanghaier Zeitung zu lesen wäre, Hamburg liege nördlich von -sagen wir mal- Venedig, dereinst auch einmal ein Hafen für den Chinahandel? - Aus Hamburger Sicht ist die übrige Welt manchmal sehr klein, und dazu paßt, wenn das "Abendblatt" vom "Fernostdienst" der Cosco spricht. Singapur, Hongkong und Shanghai sind die größten Häfen der Welt, und auch Dalian wird Hamburg bald überholt haben. Da gehört das Einlaufen von Cosco-Frachtern in Hamburg wohl eher zu einem "Fernwestdienst". Und was, bittschön, ist Felixstowe?

Am 11. März soll, dem "Abendblatt" zufolge, das erste Cosco-Schiff Dalian erreichen. Gemeint ist wahrscheinlich der erste Containerfrachter der Fernwestlinie, denn schon lange wimmelt es im Hafen von Dalian von Cosco-Schiffen. Wo aber landeten die Cosco-Schiffe in dieser Woche an? Jedenfalls nicht in Hamburg. - Plötzlich erscheint, so betrachtet, die Welt als sehr groß und Hamburg als klein. Schreibt vielleicht gar einmal ein Chinese, Hamburg liege nördlich von Winsen an der Luhe? Das kennen so viele Chinesen wie Deutsche Liaoning.
 
 
 

Wider den Krieg

klabund 1

Niemand kann heutzutage nachvollziehen, was geschah, als der 25jährige Klabund (eig. Alfred Henschke, 1890-1928) im Jahre 1915 in der schon renommierten Insel-Bücherei sein Bändchen "Dumpfe Trommeln und berauschtes Gong" herausbrachte. Es enthielt Nachdichtungen alter chinesischer Gedichte und war im Handumdrehen vergriffen. Der 1. Weltkrieg wütete, und Klabund, eben noch Kriegsjubler, hatte sich zum Pazifisten gemausert. In nicht wenigen Soldaten-Tornistern soll sein "Dumpfe Trommeln" sich befunden haben, neben dem "Faust". Eine Leseprobe:

Fluch des Krieges

Im Schnee des Tien-schan grast das dürre Roß,
Drei Heere sanken vor dem wilden Troß.

Die gelbe Wüste liegt von weißen Knochen voll,
Der Pferde Schrei wie schrille Flöte scholl.

Es schlingen Eingeweide sich von Baum zu Baum in Schnüren,
Die Raben krächzend auf die Zweige führen.

Soldaten liegen tot auf des Palastes Stufen.
Es mag der tote General die Toten rufen.

So sei verflucht der Krieg! Verflucht das Werk der Waffen!
Es hat der Weise nichts mit ihrem Wahn zu schaffen.

Er wird die Waffe nur als letzte Rettung schwingen,
Um durch den Tod der Welt das Leben zu bezwingen.

Klabund war 1913 durch den Band "Morgenrot! Klabund! Die Tage dämmern!" bekannt geworden, mit Texten in expressionistischer Manier. - Das zitierte Gedicht schreibt er Li-tai-pe zu und meint Li Po, Chinas größten Dichter. Damals kannte kaum jemand in Deutschland chinesische Gedichte, und Klabund konnte kein Chinesisch. Er schuf seine deutschen Fassungen nach älteren französischen oder englischen Übersetzungen - und zwar in äußerster Freiheit, verglichen mit konventionelleren Bearbeitungen. Umstritten sind sie bis heute geblieben, doch klar ist, daß sie mit ihrer ekstatischen Kraft der Grundstimmung vieler chinesischer Gedichte nahekamen.

Insbesondere gilt das für die Gedichte des "Li-tai-pe", dem Klabund im Jahre 1916 ein weiteres Bändchen widmete. Ihm fühlte er sich als Bruder im Geiste verbunden, und tatsächlich scheinen zwischer beider Leben trotz Jahrhundertfernen Gemeinsamkeiten bestanden zu haben. - Ein Frühlingsgedicht liest sich bei Klabund so:

Das erfrorene Herz

Der Sperling pickt die letzten Vogelmieren.
Schon läßt ein kalter Wind die Bäche frieren.

Ach, käme doch der Frühling bald! Die Quellen,
Wie würden hurtig sie zu Tale schnellen!

Die du mich doch nicht frieren sehen willst:
Komm, meine Sonne, daß mein Schneeherz schmilzt ...

Eingedenk der models im "Tao" und all der anderen Verirrungen der gegenwärtigen deutschen Darbietungen und Darlegungen über China, vor allem zur chinesischen Kultur, kann man Klabund und seinen Lesern damals nur Respekt bezeugen. Sie spürten Ernst und Leidenschaft, vor allem auch Respekt vor dem Fremden. Die Chinaleidenschaft sollte Klabund bis zu seinem frühen Tod nicht verlassen.

Der Berichterstatter besitzt eine frühe Ausgabe des "Li-tai-pe"-Bändchens von Klabund. Manches Gedicht wurde darin von alter Hand mit einem kräftigen Bleistiftstrich durchgestrichen, offenbar durch einen frühen oder den Erstbesitzer. Einmal schrieb dieser gar ein "Pfui!" dazu. Offenbar klangen manche Li Po/Klabund-Verse in des einen oder anderen Ohren gar zu grell.

klabund 2

 
 
[China - Hamburg]   [ChinaS]   [Schreibtisch-Notizen]   [Chinatexte]
Seitenanfang Hauptseite Suche & Archiv Impressum