Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 16
28. März 2002
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst ChinaS
jetzt und einst
Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
         
 

Umzugsverdruß

 
  Am 4. März 2002 begann - um acht Uhr, für Sinologen also beinahe in der Nacht, zumindest in aller Herrgotts- oder Konfuziusfrühe - tatsächlich, worüber die Auguren raunten: der Umzug der ChinA. Schon lange standen Umzugskartons auf dem Flur herum, der eine oder andere hatte auch bereits einige Dinge verstaut oder wenigstens diese Gelegenheit genutzt, alte Papiere zu sichten und einige zu entsorgen, damit ihr Anblick ihn in den neuen Räumen nicht noch einmal plage. Ein Termin für den Beginn des Umzugs wurde genannt, dann abgesagt, ein neuer genannt ... bis niemand mehr so recht daran glauben mochte, daß der Umzug sich wirklich ereignen sollte. Der Morgen des 4. März sollte ihn eines besseren belehren. Die Fachkräfte der Umzugsfirma Hermann Krosanke kamen mit alterümlich anmutenden Regalcontainern, die eher an Loren im alten Ruhrkohlebergbau erinnern, doch sie scheinen praktisch zu sein. - Die neue Bibliothek wird, dem ersten Anschein nach, großzügig und licht aussehen.

Allmählich füllte sich der Flur der Sino- und Japanologen mit Umzugskartons, die Regale in der Bibliothek schimmerten nur noch fahl und leer, doch das eine oder andere fand auch eine geeignete Verwendung. Immer noch waren aus den Dienstzimmern, die nach Westen ausgerichtet sind, herrliche Frühabendhimmel zu bestaunen.

Ja, die Dienstzimmer! Am 21. März traf die Nachricht ein, am 27. März sollten auch deren Inhalte in die neuen Räume im Flügelbau Ost geschafft werden. Über dem Warten darauf waren die ganzen Semesterferien verstrichen. Pünktlich zu Semesterbeginn, am 2. April, dürfen die neuen Räume endlich auch betreten werden. Dann muß jedoch erst einmal das Auspacken beginnen, ehe auch die Arbeit anfangen kann. Vier kostbare Wochen in der vorlesungsfreien Zeit -kostbar für Forschungen und Examensarbeiten und Semestervorbereitungen- waren also Wissenschaftler und Studierende von ihrer Bibliothek abgeschnitten. Der Semesterbeginn wird sich gewiß verzögern. Tja, und dann besagt auch ein überaus glaubwürdiges Gerücht, die Telefon- und PC-Installationen würden zwei weitere Wochen auf sich warten lassen. Fröhliches Schaffen!

Der zuständige Teil der Universitätsverwaltung hat eine logistische Meisterleistung erbracht. Transportunternehmer Krosanke wüßte darüber wahrscheinlich noch genauere Liedlein zu singen, doch er ist ein diskreter Mensch. Als sich am späten Freitag Nachmittag abzeichnete, daß die zur Verfügung gestellten Umzugskartons nicht ausreichen würden, ließ er binnen einer Stunde weitere herbeischaffen - zu einer Stunde, als die Universitätsverwaltung längst in das Wochenende aufgebrochen war. Der Berichterstatter wird sein Wochenende damit verbringen, den Inhalt seines Dienstzimmers in ungefähr 150 Kartons zu packen. Das wäre nicht notwendig gewesen, denn die Bücher hätten sich auch wie die der Bibliothek in den praktischen Containern verfrachten lassen. Indes, das geht nicht, denn im neuen Gebäude funktioniert der Fahrstuhl, der zu den dortigen Dienstzimmern führt, noch nicht.

Wahrlich, die Uni-Verwaltung hat sich als ein fürsorgender Dienstleister für Forschung und Lehre erwiesen!

Nebenbei bemerkt: In » Folge 14 dieser Notizen, vom 21. Dezember 2001, war berichtet worden, daß im Philturm im Oktober 2001 eine neue Mensa eröffnet wurde. Beiläufig merkte der Berichterstatter an, daß die Universitätszeitschrift "uni HH" darüber schwieg - offenbar wegen der Dringlichkeit anderer Berichterstattungen. Jetzt, im Februar 2002, holte "uni HH" das nach, in einem kleinen Zweispalter auf Seite 16, unter der Überschrift "Free Flow & Front Cooking". Für die nächste Ausgabe hat "uni HH" sich eine Erneuerung verschrieben: "aktueller, farbiger, informativer und lesefreundlicher". Einen kühnen kleinen Vorgeschmack bietet schon in dieser Ausgabe ein weiterer Bericht: "Cooler Catwalk - Unifashion award 2001". Offensichtlich will auch "uni HH" internationaler werden, weil Internationalisierung zum Leitbild der Universität gehört. Wie Pressestellenbeamte sich die so vorstellen!
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Umzugsfreuden

Gering sind die Freuden eines solchen Umzugs. Noch nicht einmal die Vorfreude auf die neuen Räume mag sich einstellen, denn diese durften nicht betreten werden. Und was war nicht alles über die Unannehmlichkeiten in dem schon seit Jahren bezogenen und parallelen Flügelbau Ost zu vernehmen!

Trotzdem bewirkt ein solcher Umzug immer wieder Freuden, kleine gewiß, doch immerhin. Lange vermißte Bücher werden entdeckt - in irgendeiner Ecke oder sogar zum Zwecke der bibliothekarischen Arbeitsvermeidung in einem Kellerraum abgelegt. Andere hat wohl schon seit Jahrzehnten keines Menschen Auge betrachtet: Kostbarkeiten erster Ordnung darunter.

Zu solchen gehören etwa drei liebevoll gestaltete Bände aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts. Einer ist der Kolonialstadt Tientsin gewidmet: eine kurze, aber kompetente Einführung in dessen Geschichte und Gegenwart, durchaus auch ohne ein Übermaß an kolonialer Attitude. Am Ende sind einige Tafeln mit jeweils mehreren sauber eingeklebten Fotos eingebunden, nicht etwa als Druck, sondern im Original. Die meisten, vielleicht alle, dieser historischen Aufnahmen wurden noch nie gedruckt. Jedes Exemplar dieser drei Bände wurde von alter Hand numeriert.

Von Anfang an ein Druck war eine weitere neuentdeckte Kostbarkeit: ein Faltband mit alten chinesischen Landschaftskupferstichen im Großformat. Diese Zusammenstellung enthält leider keinerlei bibliographische Hinweise. Auch diese Darstellungen hat der Berichterstatter in der wissenschaftlichen Literatur noch nie erblickt. Ihre Erschließung dürfte also einigen Aufwand erfordern, doch eine Kostbarkeit sind auch sie, fraglos.

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Zu solchen Umzugsfreuden gehören auch solche alltäglicherer Art. Niemand wird die Fahrstühle im Philturm sonderlich vermissen, denn diese entfalteten stets ein ausgeprägtes Eigenleben. An den Wochenenden zeigten sie sich sogar ganz menschlich-faul und ließen oft fünf Minuten auf sich warten. Genau 22 Jahre tat der Berichterstatter in diesem Philturm Dienst. Im einem Fall von Verzweiflung hat er einmal errechnet, daß er ungefähr 50 Tage seines Lebens wartend vor diesen Fahrstühlen vertat. Entschädigt hat ihn freilich, daß er in diesen altertümlichen Dingern die Kollegen aus ferneren Fächern kennenlernte und auch manches vergnügliche Gespräch mitbekam. Derlei wird er künftig vermissen.

Die größten Freuden bereitete jedoch, wenn jemand, der öfter oder oft im 7. Stock des Philturms geweilt hatte, jetzt hierher kam, um auf seine Weise Abschied zu nehmen. Meistens waren das ehemalige Studierende, doch auch eher beiläufige Besucher der ChinA kamen noch einmal, um im Aufbruch Umschau zu halten und sich zu erinnern. Meistens sprachen sie nicht viel bei solchen Gelegenheiten. Niemand wird erfahren, was sie im einzelnen bewegt hat.

Hin und her gerissen zwischen Umzugsärger und -freuden nahm der Berichterstatter jetzt, am 23. März 2002, zwischen Umzugspackereien und Zigarettenholen, erstaunt etwas wahr, das ihm den Abschied vom Philturm ungemein erleichtert: In dem Zwischenraum zwischen Philturm, Audimax und Schlüterstraße wurden in den letzten Tagen sämtliche Bäume und die im Sommer prachtvollen Rosenbüsche abgeholzt. Jetzt hat dieser Campus eine trostlose Ecke mehr. Ab also in den Neubau, am 2. April!
 
 
 

Kompetenz Nobelpreisträger

Mitteilungen der HSG 16: Gao Xingjian: Das andere Ufer Das ist gewiß mehr als eine Einleitung, was Heft 16 der Mitteilungen der Hamburger Sinologischen Gesellschaft unter dieser Bezeichnung bietet: "Gao Xingjian: Das andere Ufer. Übersetzt und eingeleitet von Bernd Eberstein, mit Evelyn Birkenfeld-Du, Philipp Störring und Julia Welsch."

Die Übersetzung dieses schon berühmten Theaterstücks des Nobelpreisträgers 2000 nimmt in dem großformatigen und reich illustrierten Heft gerade einmal 15 Seiten ein. Mehr als 40 Seiten umfaßt hingegen die Einleitung von Professor Dr. Bernd Eberstein von der China-Abteilung des Asien-Afrika-Instituts der Universität Hamburg.

Als im Oktober 2000 die Nachricht eintraf, erstmals habe ein Chinese den Nobelpreis für Literatur erhalten, mußten die deutschen Literaturkritiker und die Literaturverleger die Köpfe einziehen. Keiner hatte den Namen Gao Xingjian gehört, keines von dessen Büchern war greifbar, obwohl er doch im nahegelegenen Frankreich, auch im nahegelegenen Schweden als ein erfolgreicher Autor galt. Auch in China war er beinahe schon vergessen oder wurde totgeschwiegen, je nachdem: Exilantenschicksal!

Bald schwangen sich, wie stets, allerlei Gerüchte um die Verleihung dieses Nobelpreises auf. Einige Manuskripte, mit halbfertigen Übersetzungen, wurden aus Schubladen hervorgekramt und in Zeitungen veröffentlicht, andere wurden ebenso schnell marktbeflissen angefertigt. Neuauflagen älterer Übersetzungen wurden bedacht. Auch die Literaturbeflissenen unter den Sinologen äußerten sich, ebenfalls kontrovers. Das alles war überaus unerfreulich.

Angesichts dessen wandte sich Eberstein, der eigentlich schon lange anderen Forschungsarbeiten nachging, noch einmal dem chinesischen Gegenwartstheater zu. In den 1980er Jahre hatte er zu diesem Thema drei gewichtige Buchveröffentlichungen herausgebracht. Teil dieser neuerlichen Zuwendung war eine Lehrveranstaltung, aus der jetzt dieses Heft der "Mitteilungen" hervorging. Neben Auskünften über die Hintergründe der Nobelpreisverleihung und die Biographie des Preisträgers enthält es eine ausführliche, kompetente Würdigung von dessen Werk. Naturgemäß gilt den Theaterstücken Gaos, die in China viel Aufsehen erregt hatten, aber teilweise auch in Europa aufgeführt wurden, besonderes Augenmerk. - In einer Veranstaltung der Hamburger Sinologischen Gesellschaft (HSG) stellte Eberstein, zusammen mit seinen beiden Mitübersetzerinnen, dieses Heft am 14. Februar 2000 im angemessenen Ambiente des Warburg-Hauses der Öffentlichkeit vor. Es wurde sogleich gut verkauft, zum Wohl der HSG.
 
 
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