Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 16
28. März 2002
China-Hamburg jetzt und einst China-Hamburg
jetzt und einst
ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
         
 

Soviel China ist in HH gar nicht,

Der Berichterstatter hat Anlaß, alte Papierstapel fortzuräumen. Dabei fallen ihm dann immer wieder Zeitungsschnipsel aus der Zeit um 1990 unter die Augen. Vergnügt erinnert er sich noch einmal daran, wie die Überschriften klangen: "Hamburg ist Chinas Hochburg", "Hamburg wird Chinas Brückenkopf nach Osten", "Hamburg zentrale Schaltstelle nach Fernost" liest er, sogar "Hamburg Brücke zwischen China und China". Für chinesischen Zirkus begeisterten sich die Hanseaten schon damals, aber was taten sie sonst noch alles. "Hamburger brauen Bier für die Volksrepublik", doch diese andererseits: "China baut für die Hamburger". Das Generalkonsulat der VR hatte sich im Jahr 1990 eine neue Residenz an der Elbchaussee zugelegt, und sofort grüßte ihre Maklerfirma Hertz per Anzeige mit einem erfrischenden "Nin hao". Auf andere Weise wurden andere Chinaadepten erfrischt. Die Drachenboote hatten ihren Einzug in HH gehalten, und als eines kenterte, war das der "Bild" sogar eine Schlagzeile wert. Das war trotz allem nicht die beste Zeit in den Hamburger China-Beziehungen, und viele Träume von damals sind längst verflogen.

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Da trifft sich gut, daß in diesen Märztagen das jüngste China-Faltblatt des Statistischen Landesamtes der Hansestadt auf den Schreibtisch kam. Ein paar nüchterne Daten wirken angesichts von Medienschlagwörtern ebenfalls erfrischend.

Im Jahre 2000 lebten 2.496 Menschen mit chinesischer, d.h. volksrepublikanischer, Staatsangehörigkeit in HH, davon lediglich 1.053 Frauen. Seit einem Rückgang dieser Bevölkerungsgruppe Mitte der 1990er Jahre, ist seit 1998 wieder ein kontinuierlicher Anstieg zu verzeichnen. Bevorzugte Wohngebiete sind Barmbek-Süd, Harburg, Rotherbaum und Eilbek, in welchen Stadtteilen jeweils mehr als 100 Chinesen leben. - In diesen Zahlen sind nicht Personen chinesischer Nationalität, jedoch mit anderem Paß erfaßt.

Was tun die chinesischen Staatsbürger in HH? Offenbar kommen und gehen sie vor allem. 473 kamen nach HH, 235 zogen wieder fort, allein im Jahre 2000. Obwohl die mittleren Altersgruppen der 18- bis 59jährigen mehr als 2.000 Personen umfassen, sind nur 388 Chinesinnen und Chinesen sozialversicherungspflichtig beschäftigt, 333 an HH-Hochschulen eingeschrieben. Was ist mit den vielen anderen?

Im Jahre 2000 wurden in Hamburger Hotels 11.036 chinesische Gäste registriert, die es -bei 22.979 Übernachtungen- hier durchschnittlich nur zwei Tage aushielten. Sie machten nur 0.5 % aller ausländischen Gäste aus. In diesem Wirtschaftssektor zumindest ist das "China-Geschäft" bedeutungslos. Auch 28 Beteiligungen chinesischer Firmen an Messen in HH schlagen da nicht recht zu Buche.

Schließlich gibt es ja noch den Hafen, der nicht wenig von HHs-Chinastolz ausmacht. Die Angaben des Landesamtes über den Seeverkehr mit China erscheinen als wenig aufschlußreich, da sie keinerlei Vergleichsmaßstäbe bieten. Die Einfuhr/Ausfuhrdaten sind erhellender: Das Bundesland Hamburg führte im Jahre 2000 im Außenhandel mit China Waren im Wert von 7.3 Milliarden DM ein, zumeist elektrotechnische Erzeugnisse und Textilien. Die Ausfuhren hatten lediglich einen Umfang von wenig mehr als einer Milliarde DM, wovon auch noch fast die Hälfte auf Luftfahrtfahrzeuge (Abb. nach WELT vom 4.12.97) entfiel, auf Airbus in Finkenwerder also, wofür der Hafen, wie ersichtlich, nicht in Anspruch genommen werden muß. Das macht dann 4.3% an der deutschen Ausfuhr aus, an der deutschen Einfuhr waren das 18.1%. Für einen Welthafen ist das nicht gar zu viel.

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An zwei Stellen in diesem kleinen Faltblatt erscheint auch das Seminar/die Abteilung für Sprache und Kultur Chinas der Universität Hamburg. 235 Deutsche und Ausländer seien hier als Studierende immatrikuliert gewesen. Die damit verbundene Hamburger Sinologische Gesellschaft wird als eine von vier "Hauptverbindungsstellen" für Chinakontakte in Hamburg genannt. Das erfreut den Berichterstatter, der zugleich deren Vorsitzender ist.

Was hat sich das Statistische Landesamt gedacht, als es dem Faltblatt den Titel "Hamburg und seine Partnerländer: China" gab? China als Partnerland des Bundeslandes Hamburg? Das ist wohl zu hoch gegriffen. Wahrscheinlich dachte das Landesamt bei dieser Formulierung daran, daß Shanghai Hamburgs Partnerstadt dort ist, doch Shanghai ist bekanntermaßen in keiner Hinsicht China. Und wenn sich das Landesamt auch noch dafür interessierte, wieviele Partnerstädte Shanghai sich zugelegt hat, dann würde es sich - wenn ein Landesamt das kann! - verwundert die Augen darüber reiben, in welch bunte Gesellschaft HH sich dort reiht.

Nur ein einziges Mal hat im Jahre 1999 in HH ein chinesischer Mann eine deutsche Frau geheiratet, und nur sechsmal verbanden sich auf diese förmliche Weise deutsche Männer mit chinesischen Frauen. Auch diese Zahl mag dem als verblüffend niedrig erscheinen, der über einen kleinen Einblick in die zahlreichen chinesisch-deutschen Partnerschaften verfügt. Statistiken lügen, einem gängigen Bonmot entgegen, nie. Sie geben allerdings nur die Zahlen wieder, die zu ihren Erfassungskategorien anfallen und zu den Kategorien von deren Darstellung passen. Nehmen wir also die Zahlen des Landesamtes nur cum grano salis. Bei der einen oder anderen weicht die statistische Wirklichkeit auch in HH gewiß ein wenig von der tatsächlichen ab.
 
 
 

... aber es wird wieder ein wenig mehr

Chinas greiser Staatsmann Li Hung-chang hatte vor gut hundert Jahren bei einem HH-Besuch moniert, "so ganz chinesisch" sei Hamburg noch nicht. Das dokumentierte auch das jüngste Faltblatt des Statistischen Landesamtes.

In diesen Tagen wird HH jedoch wieder ein ganz klein wenig "chinesischer". Der Internet-Auftritt der Freien und Hansestadt hat Ende März 2002 einen chinesischsprachigen Teil erhalten. Da erinnert sich der Berichterstatter gerne daran, wie heftig vor Jahren, bei einer großen öffentlichen Veranstaltung der Hamburger Sinologischen Gesellschaft am 22. Oktober 1999 zum Thema "Hamburg, China und die Neuen Medien" erkennbare Interessenten um das Zustandekommen eines Hamburger China-Portals hakelten. Sogar Großunternehmen wie die Handelskammer und Gruner und Jahr witterten sogleich eine Beeinträchtigung ihrer Domänen.

Der neue Schulsenator Rudolf Lange kündigte unlängst die Einrichtung einer chinesischen Schule an, für kleine Chinesinnen und Chinesen ab Klasse 5. "Wir wollen mit dieser Idee die Wirtschaftsbeziehungen stärken", sagte der Senator. "Die Sozialfaktoren müssen stimmen, um Leute aus diesem Land in unsere Stadt zu holen." Wahrscheinlich weiß er nicht, daß behelfsweise schon mehrere Institutionen so etwas wie kleine "chinesische Schulen" sind. Auch an den deutschen Schulen, einigen Gymnasien zumindest, soll Chinesisch demnächst reguläres Schulfach werden. Einiges Gerangel wird dem allerdings noch vorausgehen. Welche Qualifikationen sollen die Lehrer dieses Faches aufweisen? Die bisherigen Lehrkräfte, die Chinesisch an mehreren Hamburger Gymnasien mit großer Begeisterung und hohem Aufwand, aber auch entsprechenden Erfolgen, in Arbeitsgruppen und Arbeitsgemeinschaften gelehrt haben, könnten dann leicht, wie es auf Chinesisch heißt, "vom Schweif des edlen Renners abrutschen".

Vielfältige Erinnerungen verbinden sich für den Berichterstatter auch mit diesen anfänglichen Versuchen, den Chinesisch-Unterricht einzuführen. Einmal rief ein Beamter der Schulbehörde an, einen Tag bevor der Haushaltsentwurf in der Bürgerschaft beraten werden sollte. Er brauche sofort ein Exposé, wie ein Lehrbuch für den Schulunterricht aussehen müsse und welche Kosten das verursache - um 16 Uhr am Nachmittag. Er zeigte sich sehr verwundert darüber, daß ein Lehrbuch für den Schulunterricht vielleicht doch anders aussehen sollte als für den universitären, und überhaupt darüber, daß es in deutscher Sprache nichts mindestens zehn Chinesisch-Lehrbücher gebe. Wahrscheinlich wußte er von China auch nur, daß es ungefähr östlich von Hamburg liegt, wohl gleich hinter der damals noch vorhandenen "Zonengrenze".

Mehrere Hamburger Chinaprojekte werden noch vorbereitet, allerdings vorerst im Verborgenen. Wenn Bürgermeister von Beust demnächst zu seinem Antrittsbesuch in Shanghai aufbricht, will er etwas mitbringen, und er läßt sich auch sonst gut auf diesen Besuch vorbereiten. Hoffentlich vergißt er dann auch nicht zu erwähnen, daß der China-Auftritt auf der Homepage der Hansestadt im kommenden Semester in einem Seminar in der Abteilung für Sprache und Kultur Chinas der Universität inhaltlich weiter ausgebaut werden soll. Auf der anderen Seite wird eine Klasse an der Tongji-Universität in Shanghai an diesem Projekt mitwirken, und zwei chinesische Jung-Designer, die sich gerade an der "Design Factory" in Hamburg aufhalten, übernehmen dann die Gestaltung.

Bürgermeister von Beust bricht nicht nur nach China auf. Er erhielt auch schon Besuch von dort. Am 21. März besuchte der chinesische Verteidigungsminister Haotian Chi ihn im Rathaus. Eine Woche später wird eine Delegation aus Shanghai dort weilen. Das Jahr 2002 wird für alle HH Chinainstitutionen sehr abwechslungsreich verlaufen. Das gilt auch für den altehrwürdigen Ostasiatischen Verein (OAV), der vor zwei Jahren sein Hundertjähriges zelebrierte. In einem aufschlußreichen Vortrag vor der Hamburger Sinologischen Gesellschaft zum Thema "Wirtschaftswandel als Herausforderung: Der OAV und das Chinageschäft seiner Mitglieder" am 19. März 2002 deutete Dr. Thomas Sturm unter anderem an, welche Umstrukturierungen dieser vornehme, um den Chinaherausforderungen gewachsen zu bleiben. Er ist Regionalmanager dieses Vereins. Sein Zuständigkeitsgebiet hieß bis vor kurzem China, jetzt lautet es, charakteristischerweise, Greater China.
 
 
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