Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 15
8. Februar 2002
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte Deutsche Chinatexte
 
         
 

Yin/Yang, I-ching und Konfuzius vor 200 Jahren in Hamburg

Vor genau 200 Jahren, im Jahre 1802, bereitete jemand ganz in der Nähe von Hamburg "Eine asiatische Vorlesung" zum Druck vor. Niemand von denen, die sich mit der Geschichte der deutschen Chinarezeption beschäftigten, hat ihn bisher wahrgenommen: Matthias Claudius (1740 bis 1815).

Bekannt wurde er als "Wandsbecker Bote". Das war der Titel des Dorfblättchens, als dessen Redakteur er von 1771 bis 1776 wirkte und dessen Auflage nie mehr als 400 Exemplare zählte. Trotzdem setzte er sich in ihm mit vielen deutschen Geistesgrößen auseinander und gewann sie auch für eine Mitarbeit. Die meisten Beiträge für das Blättchen schrieb er selbst, darunter unvergeßliche volkstümliche Lieder wie "Der Mond ist aufgegangen", auch manche böse Satire.

Nach einem biographischen Ausflug nach Darmstadt lebte Claudius, von einer kleinen Pension, zurückgezogen in Wandsbeck, Altona und schließlich "richtig" in Hamburg. - Seine "Asiatische Vorlesung" versucht den Nachweis, daß alle Religionen auf einer ihnen durch Gott eingegebenen Ahnung der für den Menschen wesentlichen Dinge beruhten. In dieser Zeit neigte Claudius schon zu religiösem Schwärmertum, und manche seiner Ansichten standen nicht mehr auf der Höhe des damaligen Chinawissens, doch immerhin:

Die sinesische Naturlehre zum Exempel ist in dem Buch In-kin, das unter ihren fünf klassischen Büchern das dritte ist, enthalten, und das Buch In-kin verbirgt mehr als es sagt. Es besteht bloß aus geraden Linien, eine ungebrochen: "-" und eine gebrochen: "--" die auf mannigfaltige Art mit einander zusammen geordnet und verbunden sind. Nämlich Fo-hi, der Verfasser dieses Buches, nahm zwei Prinzipien der physischen Natur an, ein vollkommenes, yam, das durch die ungebrochene, und ein unvollkommenes, yn, das durch die gebrochene Linie bezeichnet wird. Aus diesen zwei Prinzipien, die aus dem Taikie, eine Art Chaos, herkommen sind, bestehen nach ihm alle und jede Wesen der physischen Natur, und ihre Verschiedenheit hängt bloß von dem Mehr oder Weniger des einen und des anderen dieser Prinzipien und der Art ihrer Verbindung ab. (...)
Die Sineser-Annalen erzählen gar, daß ihr Stifter Yao, der, wie wir oben gehört haben, c. 200 Jahre nach der Sündflut gelebt haben soll, schon die 12 Monate, 6 zu 30 und 6 zu 29 Tagen und alle 19 Jahre Schaltmonate angeordnet habe.

Usw. usw. - Schon früher, im "Wandsbecker Boten", hatte Claudius sich einmal China zugewandt, in einer Abhandlung "Über die Unsterblichkeit der Seele". Darin wußte er zum Beispiel über Konfuzius:

Konfuzius (...), der unter diesen großen und ernsthaften Bemühungen grau geworden ist und das Resultat davon von zehn zu zehn Jahren natürlich und umständlich erzählet, sagt im vierten Jahrzehn (!), daß schon in diesem Periodus seine Geisteskraft behende und sehr durchdringend und sein Herz sehr verändert und voll guter Gesinnungen gewesen sei, und führt dann fort: "Endlich als ich 70 Jahr alt war, hatten die langfortgesetzte Betrachtung und Selbstüberwindung das in mir ausgerichtet, daß ich gradehin tat, was mein Herz begehrte, und doch tat ich nie nichts wider die Regel des Guten und des Gerechten, welcher meine sinnliche Begierde itzo ohne Widerstreben und Unmut gehorchte."
Man stelle nun einen solchen Menschen und einen gewöhnlichen neben einander und sehe den Unterschied. Den einen treiben und reißen seine Lüste und Begierden hin, wo er nicht hin will, und zu tun, was nicht taugt; er hat nimmer Ruhe und keinen Frieden und ist wie die Woge des Meers, die in jedem Augenblick eine andre Gestalt hat und in allen Gestalten Wasser ist - und der andre ist immer, was er sein will, immer derselbe freud- und friedenvolle und sein Herz einem Tempel zu vergleichen, darin eine unsichtbare Gottheit wohnt und wo die heilige Stille durch keinen Laut unterbrochen wird, als der für die Wahrheit schallt und zum Lobe der Götter.

Konfuzius hätte diese Ausdeutung von Lun-yü 2.4 gewiß gnädig aufgenommen. Was allerdings den Vergleich seines Gegenpols mit dem Wasser angeht, wäre er vielleicht etwas verwundert gewesen, soll er doch schließlich (Lun-yü 6.23) gesagt haben: "Der Wissende erfreut sich des Wassers." - Daß ausgerechnet ein Hamburger das Meer mit Unbehagen betrachtet!

Claudius scheint seine Konfuzius-Kenntnisse noch aus dem alten "Confucius Sinarum Philosophus" (vgl. die Abb.) bezogen zu haben: "A extremum septuagenarius ..."
 
 
 

Verstand Konfuzius nichts von Frauen?

Im Jahre 1991 veröffentlichte der Verlag Rowohlt, Berlin, unter dem Titel "Konfutse versteht nichts von Frauen" nachgelassene Texte der Brecht-Geliebten Margarete Steffin (1908-1941), die auf beinahe abenteuerliche Weise in die literarische Öffentlichkeit gelangten. Die Titelgeschichte, die nur wenige Seiten umfaßt, erinnert an mehrere legendenhafte Begebenheiten, die über Konfuzius erzählt wurden, und spinnt diese aus. Unter anderem muß Konfuzius einigen Schülern erklären, warum er sich in einer Notlage nicht an eine bestimmte Fürstenkebse wenden wolle. Ein kurzes Zitat aus diesem Teil des Gesprächs:

Als sich der alte Li schon für eine neue Frage räusperte, kam ihm Konfutse mit ungewohnter Hastigkeit zuvor: "Es erscheint mir übrigens für einen Mann von meinem Äußeren schicklich, sich Frauen gegenüber einige Zurückhaltung aufzuerlegen."
Damit spielte er auf seine berühmte Häßlichkeit an. Er hatte eine Riesenbeule auf der Stirn, eine auffallend flache Nase, große vorstehende Vorderzähne und unförmige Hängeohren.

kongzi

Fett war er, nach Kenntnis von Margarete Steffin, ebenfalls, und solchen Physiognomien des Konfuzius (vgl. auch Annäherungen 21) sollte ich wohl bald einige erhebendere gegenüberstellen. Natürlich meinte Steffin nicht wirklich Konfuzius, sondern - in etwas verdrehter Weise - ihren eigenen Patron, Brecht. In dessen Wohnung hing übrigens jahrelang eine großes Konfuzius-Porträt.

Die hübsche Erzählung schließt mit einer Erinnerung an einen Passus aus den "Gesprächen":

Es ist eine Tatsache, daß zu solchen Dingen wie Geistern, Religionen, Astrologie und Kriegskunst, über die Konfutse, einer der größten Lehrer aller Zeiten, seinen Schülern beinahe nichts oder nur Allgemeines sagte, lustigerweise auch die Frauen gehören.

Warum "lustigerweise"? Der Sachverhalt stimmt jedoch, und manch einer hat deshalb schon gemunkelt, Konfuzius sei wohl eher dem unschönen Geschlecht zugetan gewesen. - Klug war er, wenn er nicht über Frauen sprach!
 
 
[China - Hamburg]   [ChinaS]   [Schreibtisch-Notizen]   [Chinatexte]
Seitenanfang Hauptseite Suche & Archiv Impressum