Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 15
8. Februar 2002
China-Hamburg jetzt und einst China-Hamburg
jetzt und einst
ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
         
 

Gebündelte Ostasienkompetenz in Hamburg

oa rundschau Dieses Titelblatt eröffnete den letzten Jahrgang, 1944, einer ruhmreichen deutschen Ostasienzeitschrift, der "Ostasiatischen Rundschau". Sie hatte ihr Erscheinen kurz nach dem 1.Weltkrieg, 1920, begonnen und fiel jetzt dem 2. Weltkrieg zum Opfer. Ostasien sah damals anders aus als heute, und so unterschied sich auch die "Rundschau" von heutigen deutschen Ostasienzeitschriften. Nach einigem Herausgeber-Hinundher wurde sie nach den ersten Jahrgängen in Hamburg angesiedelt und gewann hier auch ihr unverwechselbares Profil, das sie bis zum Ende wahrte. - Herausragend am Konzept der "Rundschau" waren zwei Dinge:

- Sie hatte stets die ganze Region Ost- und Südostasien im Auge und trug damit den politischen, wirtschaftlichen, kulturellen, ethnischen und sonstigen Verflechtungen Rechung, die diesen geographischen Raum prägten und prägen.

- Sie widmete ihr Augenmerk nicht nur Politik und Wirtschaft, sondern zu gleichen Teilen auch Kultur, Kunst und Wissenschaft und genügte damit der bedeutenden Rolle, die diesen Bereichen in dieser Region traditionell und gegenwärtig zukommt.

Der Jahrgang 1932, vor siebzig Jahren also, umfaßte in der gewohnten zweiwöchentlichen Erscheinungsweise insgesamt 516 Seiten: zweispaltig, im Zeitschriftenformat. Das Heft vom 16. Februar begann mit der üblichen "Umschau" des Redakteurs F.W. Mohr vom Ostasiatischen Verein (OAV). "Tatsachen in Shanghai" war sie überschrieben und zeichnete minutiös die aktuellen Vorgänge unter den japanischen Besatzern dort nach. Dem schloß sich ein vorzüglich recherchierter langer Hintergrundartikel an. Es folgten die Länderberichte über die Wirtschaft Ostasiens, wie stets mit zahlreichen aktuellen Zahlen und Statistiken aus der ganzen Region gespickt. Kurze aktuelle Meldungen aus dem Fernen Osten beendeten diesen Teil.

Im zweiten Teil hieß der Hauptbeitrag "Chinas entfremdete Ausländer". Hiermit waren nicht etwa Engländer, Amerikaner oder gar Deutsche gemeint, sondern die Bewohner von Sinkiang, wie es damals hieß, und Tibet, und unter der weiteren Zwischenüberschrift "Chinas Wiedervereinigungsversuche" war auch von den Mongolen die Rede. Chinas Nationalitätenprobleme waren damals so aktuell wie heute. Dem folgte ein langer Aufsatz über "Die Bedeutung der Riten im alten China". Eine Auflistung von Neuerscheinungen, die auch spezialisierteste wissenschaftliche einschloß, folgte. Das Heft endete mit den üblichen Nachrichten aus Ostasienverbänden und den diesen zugehörigen Personalia. - Und dergleichen alle zwei Wochen und nicht nur für eine spezialisierte Leserschaft: aktuell, kompetent und umfassend!

oa rundschau Keine auf Ostasien bezogene Publikation heute kann sich rühmen, ein derart ausgewogenes und umfassendes Konzept immer wieder verwirklicht zu haben. Schon gar nicht zeigt sich auch nur eine einzige interessiert oder bemüht, eine kontinuierliche regionen- und sachgebietsübergreifende Berichterstattung (siehe oben) kontinuierlich zu gewährleisten. - Wenn in Folge 14 dieser "Notizen" von einer Bündelung Hamburger Chinakompetenzen als Zukunftsaufgabe die Rede war, dann sollte in diesem alten Konzept der "Rundschau" ein Vorbild liegen. Zwar hat Ostasien seit ihrem Ende in vieler Hinsicht sein Aussehen gewandelt, aber die Gesamtsicht auf die Region, nicht nur aus den Länderperspektiven und aus Teilbereichen wie Politik und Wirtschaft, ist dadurch nur noch notwendiger geworden. Schließlich verstärkten sich auch dort die Interdependenzen und Abhängigkeiten aller Art.

Das letzte Umschlagsblatt der "Rundschau" aus dem Jahre 1944 erscheint beinahe wie eine Ansammlung von Todesanzeigen - und vielleicht war das beabsichtigt. Ruhmreiche alte Hamburger China-Handelshäuser inserierten dort noch einmal. Nicht wenige von ihnen haben freilich die "Rundschau" nicht lange überlebt, auch sie Opfer des 2. Weltkrieges, hier und in Ostasien.
 
 
 

Chinesisch Neujahr: das Jahr des Pferdes

Das chinesische Neujahr, das in diesem Jahr auf den 12. Februar fällt, steht bevor. Zu diesem Fest, einem der glanzvollsten im traditionellen China, gehörten unter vielem anderen die bunten Neujahrsholzschnitte. Der hier wiedergegebene gibt wahrscheinlich eine Familienszene am Vorabend des Neujahrs, "Silvester" also, wieder, dessen Verlauf einem strengen Zeremoniell unterwarfen war. Hausherr und Hausherrin pflegten auf Sesseln zu thronen und nahmen dann um Mitternacht die mit Kotau verbundenen Segenswünsche aller Familienangehörigen entgegen.

neujahr

Lange Vorbereitungen waren diesem festlichen Höhepunkt der dunklen Jahreszeit vorausgegangen. Sie begannen am 20. Tag des 12. Monats nach dem Mondkalender mit häuslichen Säuberungen, weshalb dieser auch der "Tag des Fußbodenfegens" genannt wurde. Jeder folgende Tag war dann bestimmten vorgeschriebenen Verrichtungen gewidmet. Am 23. Tag war dem Küchengott zu opfern, bevor der sich in den Himmel erhob, um dort über jedes Familienmitglied zu berichten. Die letzten Schulden mußten bezahlt werden, Bild- und Schriftrollen wurden aufgehängt, andere Dekorationen vorbereitet. Am 29. Tag ging es noch einmal zu Freunden und Verwandten, und am 30. Tag mußten für mehrere Tage alle Speisen vorbereitet sein, denn die Verwendung eines Messers im neuen Jahr könnte bedeuten, daß der erhoffte Glücksfaden schon zu dessen Beginn zerschnitten würde. Am Frühabend des 30. Tages wurde dann die Haustür förmlich geschlossen, die Einstimmung auf die Begrüßung des neuen Jahres erfolgte stets nur im Kreise der Großfamilie.

Erst in der "Stunde des Tigers", die von 3 bis 5 Uhr währte, brach der Hausherr wieder das Siegel der Haustür und begrüßte das neue Jahr im Innenhof des Hauses - unheilabweisende und glücksbeschwörende Formeln murmelnd. Opfer an Himmel und Erde, den Küchengott und vor den Ahnentafeln schlossen sich an. Zwischen allen Zeremonien blieb aber reichlich Gelegenheit für Schmausereien, für Tollereien der Kleinen und Gespräche der Älteren - wie auf diesem Holzschnitt zu sehen.

Zumindest der Anfang des Neujahrstages sollte noch in der Familie verbracht werden, bevor man zu Verwandten und in die Öffentlichkeit aufbrach. Dann war auch die Zeit der Feuerwerke und sonstiger Knallereien, die sich bis in die ersten nachchristlichen Jahrhunderte zurückverfolgen lassen. Vierzehn Tage lang währten diese Festlichkeiten, und jeder Tag war einer anderen Bestimmung gewidmet. Erst mit dem Laternenfest in der Mitte des ersten Monats war dann alles vorüber.

Die -meist schlichten, wenngleich bunten- Neujahrsholzschnitte zeigten überwiegend symbolträchtige Darstellungen, die Glück und Reichtum, langes Leben und Kinderreichtum, eine Amtskarriere und manchmal auch eine Liebe wünschten. Sie wurden von darauf spezialisierten Werkstätten in großen Auflagen hergestellt. Demgemäß ist, im Unterschied zu dem gezeigten Holzschnitt, die Darstellung auf ihnen oft schlicht und derb gehalten.

Eines der Rätsel der chinesischen Kultur wird bleiben, warum sie den Holzschnitt nicht zu einer solchen Kunst ausbildete, wie das im Europa der Dürer-Zeit geschah und bis ins 20. Jahrhundert nachwirkte. Die Anfänge des Holzschnitts liegen in China Jahrhunderte früher als in Europa, doch beide hatten als Themen am Anfang schlichte Heiligenbilder, buddhistische oder christliche - für fromme Massenbedarfe, dann kamen Illustrationen volkstümlicher Bücher hinzu. Im Unterschied zu den Künstlern Europas lösten sich die Holzschneider in China von diesen Anfängen nie so recht.

In Hamburg, übrigens, hat der Chinesische Verein sein diesjähriges Neujahrsfest für den 15. Februar angekündigt: im CCH, mit Speisen und einem bunten Programm, an dessen Ende eine Tombola mit einem Smart als Hauptgewinn steht. Außer Leckereien und den Feuerwerken ist auch in Greater China nicht viel von den traditionellen Feierlichkeiten geblieben. Hamburgs Gazetten werden gewiß auch in diesem Jahr über das Fest berichten.
 
 
 

Hamburg ohne China: "Nackt"

nackt Bereits im Dezember erschienen die ersten Zeitungsberichte. Am 21. Januar widmete der "SPIEGEL" dieser Ausstellung zwei Seiten, und am 31. Januar prangte der "STERN" an den Zeitungskiosken: "Nackt" mit einer Ebensolchen schon auf der Titelseite, die dergleichen in der Vergangenheit oft genug hervorgehoben hatte. Sogar das sonst herzige "Abendblatt" brachte ein Busenfoto.

Dem Museum für Kunst und Gewerbe war da offenbar ein Coup gelungen, denn für Donnerstag, den 31. Januar hatte es zur Eröffnung seiner Ausstellung "Nackt - die Ästhetik der Blöße" geladen. Die Journalisten waren lange vorab informiert, und dann starb auch noch Hildegard Knef, die erste Sekundennackte des deutschen Films der Nachkriegszeit. - Mancher aus dem Förderkreis des Kunstgewerbemuseums kündigte angeblich wegen dieser Ausstellung seine Mitgliedschaft auf.

Was soll all das Getue? Seit vor mehr als drei Jahrzehnten die "St. Pauli-Nachrichten" zu erscheinen begannen, seit den allmählich langweilig gewordenen Austellungen mit Fotos von schlanken Wilson-Heroinen und fetten Nackten aus dem Zeichenstift des Thomas Mann-Bruders Heinrich und den vielen Nackten auf den Bühnen der Stadt- und Staatstheater bedeutet die Ausstellung von bildhaft dargestellter Nacktheit wahrlich keinen Tabubruch mehr. Und kulturgeschichtlich, aus europäischer Warte, ist sie ebenfalls hinlänglich abgehandelt.

Dem Vernehmen zeigt die Ausstellung nichts über Nacktheit in China. Gerade aus solcher Kontrastierung mit anderen Kulturen hätte sie vielleicht einigen Reiz gewinnen und auch zu Einsichten führen können. In China bedurfte es nicht der Ausflucht, eine Heilige Jungfrau Maria darzustellen, um sie als "Kugelbrustmadonna" recht anschaulich wirken zu lassen oder durch biblische Motive wie "Bathseba im Bade" Voyeurismen zu befriedigen, wenn es um Nacktheit oder auch Erotik ging. Seit dem Altertum hatte es andere Zugänge hierzu als Europa, wechselnde natürlich, aber stets signifikante.

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung fand am 3. Februar das wahrscheinlich angemessene Verdikt über diese Ausstellung. "Auf zum letzten Geschlecht" titelte sie, versagte sich auch die Abbildung eines Nackedeis oder einer Nackedeiin und meinte resümierend: "langweilig". Vielleicht hätte ein wenig mehr interkulturelle Umsicht, außer dem Blick auf japanische Lüsterbilder, auch ihr besser gefallen.
 
 
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