Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 14
21. Dezember 2001
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Notizen von einem
nächtlichen Schreibtisch
Deutsche Chinatexte
 
         
 

Über chinesische Weihnachts- und Neujahrskarten und ihre Ökonomie

Der Herbst in Hamburg zeigte sich überraschend mild und freundlich. Noch bis weit in den November enthüllte er Anblicke von bestürzender Pracht. Strahlend färbten sich die Blätter der unterschiedlichen Ahornarten und der Gingko-Bäume ("Dieses Baums Blatt, der von Osten/ meinem Garten einverleibt, / gibt geheimen Sinn zu kosten ...").

desk14_1

Zwar erreicht hier das Gelb des Ginkgo nicht den gleichen Glanz wie in Ostasien, doch dieser Baum scheint jetzt immer öfter hier angesiedelt zu werden. Ein junger steht seit einem Jahr auch vor einer Filiale der Vereins- und Westbank, Ecke Mittelweg/Bei der Johanniskirche. Was mag die Bank dazu bewogen haben? Immerhin, Goethe, der dieses Gedicht der zugleich zauberhaften wie beflügelnden Verbindung mit Marianne von Willemer verdankte, war auch ein guter Wahrer der Finanzen, der großherzoglich-weimarischen wie der eigenen. - Inzwischen sind auch die letzten Ginkgo-Blätter von den Zweigen verweht.

Da kommen die bunten Weihnachts- und Neujahrsgrüße aus Fernost gerade recht! Allmählich trudeln diese ein und überraschen, wie jedes Jahr, mit einer Fülle von Motiven und Farbigkeiten, seltener auch mit klassischer Eleganz und Schönheit. In Milliardenzahl müssen diese Grüße aus China und andernorts jetzt um die Welt schwirren: wenige Worte darauf, doch viel Aufwand an Druckfertigkeit und Farbe. Eine Köstlichkeit ist jede, still für sich betrachtet - und immer wieder erstaunen die verblüffenden Mischungen von Christlichem und Chinesischem. Eine "Kulturgeschichte" verdienten auch diese Karten. Und warum werden auf ihnen öfter Narzissen dargestellt? (Eine Antwort steht weiter unten.)

desk14_2

Zu den Eigenheiten des liebenswürdigen Brauches, solche Karten jetzt zu versenden, gehört ihr meist frühzeitiges Eintreffen. Auf diese Weise wird der westlich-gedankenlose Empfänger sogleich daran erinnert, daß er schon lange eines fernen, auch näheren chinesischen Bekannten nicht gedachte. Flugs wird er seinerseits noch einen entsprechenden Gruß auf den Weg bringen und damit im letzten Augenblick die Fülle der vom Absender empfangenen Karten vermehren. Zufrieden wird dieser sie dann den anderen zugesellen, die er auf Fensterbänke, Kommoden und andere ausgezeichnete Plätze seiner Wohnung reiht - zum eigenen Stolz und zum Neid seiner Besucher. Ein paar große und bunt zusammengestellte Briefmarken sowie ein Handstempel von der Post verstärken solche Wirkungen entschieden. Die geringe Mühe, die das einem westlichen Absender abverlangt, sollte dieser auf sich nehmen!

Lange sinnierte der stille Betrachter solch kostbarer chinesischer Neujahrskarten darüber, warum dem aufwendigen Schmuckblatt oft ein kleiner Papierzettel eingelegt ist, auf dem dann in Handschrift die eigentlichen Grüße stehen. Dieser Zettel steckt lose hinter einem meist roten Faden, der den Falz des Schmuckblattes umschließt. - Sollte das tatsächlich nur ein weiterer Zierat sein?

Erst nach längerem Sinnen kam dem Betrachter die befreiende Idee: Wird dieser Zettel durch einen anderen ersetzt, dann läßt sich die Karte vortrefflich für neue Grüße verwenden - bei eindeutigen Motiven beim nächsten Jahreswechsel, bei neutralen und klassischen auch schon zwischendurch zu Geburtstagen, Hochzeiten und ähnlichen Gelegenheiten. Unsere chinesischen Freunde waren schließlich schon immer praktisch gesonnene Menschen. Auf diese Weise hat vielleicht manche chinesische Neujahrskarte schon mehrfach die Erde umrundet.

desk14_3

Vielleicht wird sich mancher chinesische Bekannte in diesem Jahr wundern, wenn er aus Hamburg demnächst eine chinesische Grußkarte empfängt, schön mit Briefmarken und Sammlerstempel versehen. Vielleicht wird er annehmen und sich dann darüber freuen, daß China wieder einmal etwas mehr von Hamburg erobert habe und jetzt chinesische Karten auch hier zu erwerben seien. - Wie war das noch mit "Hamburg - Chinatown"? - Auf solche Weise lassen sich viele ostasiatische Kartengrüße aus den letzten Jahren jedenfalls sinnvoll entsorgen.

Und wie war das noch 1896? Als der greise chinesische Staatsmann Li Hung-chang -ein gerissener Schlawiner überdies, aber das nur nebenbei bemerkt!- Hamburg besuchte und der silbernen Knöpfe auf den Uniformen der Feuerwehrleute ansichtig wurde, raunzte er, dem "Hamburger Fremdenblatt" zufolge: "Gut, gut! Hamburg ist eine schöne und reiche Stadt. Aber so ganz China ist das hier noch nicht!" - Erzählte nicht irgendwann einmal ein Krimi, daß ein Stoßtrupp aus China das HH-Rathaus besetzt habe?
 
 
 

Annäherungen an Konfuzius

« Teil 2, HCN 13
 
 

kongzi

Letzte Vorbemerkungen

11 Die klassischen und spätklassischen Texte werden bequemlichkeitshalber in diesen "Annäherungen" nach den ICS-Konkordanzen zitiert. Dabei wird deren Verweisform nach Kapitel/Seite/Zeile übernommen. Unterteilen diese Konkordanzen Kapitel weiter in numerierte Abschnitte, wird nur nach Kapitel- und Abschnittsnummer zitiert. Wenn andere Konkordanzen vorliegen, zum Beispiel die alten Harvard-Yenching/Konkordanzen, werden diese zitiert. Der Grund dafür ist, daß die ICS-Konkordanzen eine Fülle von unzulässigen Textemendationen und anderen Eingriffen vorgenommen haben, die immer wieder zum Rückgriff auf Standardeditionen von Texten nötigen.

12 Nach und nach sollen statt der vollständigen Titel dieser klassischen und spätklassischen Texte die gebräuchlichen Abkürzungen dieser Titel verwendet werden. Zunächst werden die Abkürzungen noch öfter in Klammern nach dem vollen Titel aufgeführt werden.

13 Bei den Daten, die in diesen "Annäherungen" Personen beigegeben werden, ist zu beachten: Bei Herrschern handelt es sich stets um Regierungszeiten, nicht um Lebenszeitangaben. Die Regierungsdaten auch in dieser frühen Zeit sind durch die historische Überlieferung weitgehend gesichert. Bei höheren politischen Würdenträgern u.ä. Personen werden Lebensdaten so gegeben, wie das die historische Überlieferung zuläßt. Auch diese Daten können dann als gesichert gelten. Alle Daten von "Philosophen" und ähnlichen Personen sind jedoch (meistens von Ch'ien Mu) kalkulierte Daten - und mit unterschiedlichen Unsicherheiten behaftet.

14 Diese "Annäherungen" folgen keiner Systematik. Sie bieten lediglich Notizen zu kleinen Themen, die einmal zu einem klareren Bild der Lehrtradition des Konfuzius führen mögen.

 
 

 

10
Zu einigen Bezeichnungen des Konfuzius im Lun-yü

Schon oft wurde beobachtet, daß in den 20 Kapiteln des Lun-yü, "Gespräche", Konfuzius in unterschiedlicher Weise bezeichnet wird - neben der häufigsten Form: tzu, "Meister". Natürlich lag die Schlußfolgerung nahe, daß sich hinter solchen Formen auch unterschiedliche Textschichten verbergen. Das mag so sein.

Der Familienname des Konfuzius war K'ung. Ulrich Unger (in: D. Eikemeier u.a.: Ch'en-yüeh chi. Tilemann Grimm zum 60. Geburtstag. Tübingen: Attempto Verlag 1982) hat gezeigt, daß dieser Familienname auf den Mannesnamen eines Vorfahren namens K'ung-fu Chia, der in der 2. Hälfte des 8. Jahrhunderts gelebt hatte, zurückging. Die Namen dieses K'ung-fu Chia hängen, wie Unger nachwies, mit einem Lied zusammen, das im Shih-ching, dem klassischen "Buch der Lieder", überliefert ist. - Wahrscheinlich hat sich dieser Familienname K'ung erst allmählich als solcher verfestigt. Noch der Vater des Konfuzius wird bei den seltenen Erwähnungen in den Quellen durch andere Namen bezeichnet. Vermutlich geschah solche Verfestigung zum Familiennamen auch erst bei Konfuzius - Namensgebung und -gebrauch in den klassischen Texten und Zeiten geben noch manche Rätsel auf.

Der persönliche Name, "Rufname", des Konfuzius war Ch'iu, "Hügel". Einer alten Legende nach soll die Mutter des Konfuzius auf einem Berg namens Ni-ch'iu um Nachkommenschaft gebetet haben. Zum Dank für die Erhörung erhielt der darauf geborene Sprößling einen Teil dieses Bergnamens zu seinem eigenen. Der vollständige Name des Konfuzius lautet also K'ung Ch'iu. - Nur in einem einzigen der ungefähr 500 Abschnitte des Lun-yü wird Konfuzius so genannt: 18.6, aber gleich dreimal. Lun-yü 18.6 berichtet, daß Konfuzius, Schüler im Gefolge, Bauern begegnete und diese seinen Schüler Tzu-lu nach dem Weg fragen läßt. Bei dieser Erkundigung fällt dann von beiden Seiten diese genau identifizierende Bezeichnung.

Neben dem üblichen tzu, "Meister", findet sich vergleichsweise oft noch K'ung-tzu, "Meister K'ung": 67 Vorkommen in 43 Abschnitten. Diese ebenfalls honorifische, aber etwas distanzierter als bloßes tzu klingende Bezeichnung zeigt schon auf den ersten Blick eine klare Verteilung über die 20 Kapitel des Lyü: In den ersten neun Kapiteln kommt dieses "Meister K'ung" überhaupt nur achtmal vor, in den Kapiteln 1, 4, 5, 9 überhaupt nicht. Dann folgt noch ein einzelnes Vorkommen in Kapitel 10, das sich der Struktur nach von allen anderen Kapiteln unterscheidet. Dann häufen sich die Vorkommen in den Kapiteln 11bis 20, mit 19 als Ausnahme. Auffällig sind gehäufte Vorkommen dieses "Meister K'ung" in aufeinanderfolgenden Abschnitten des Lyü: 12.17 bis 12.19, 16.1 bis 16.11, 18.1 und 18.3 bis 18.6. - Solche signifikanten Einzelheiten der Verwendung dieses honorifischen "Meister K'ung" seien einer späteren Notiz vorbehalten.

Der Rufname (ming) dient gemeinhin der Selbstbezeichnung oder der Bezeichnung durch eine sehr vertraute Person, wird aber auch in rüder und dann herabsetzender Vertraulichkeit durch Außenstehende verwendet. Ch'iu kommt als Bezeichnung des Konfuzius nur in zehn Abschnitten des Lun-yü vor: 5.25, 5.28, 7.24, 7.31, 7.35, 10.10, 11.15, 14.32, 16.1, 16.8. Einmal (14.32) wird Konfuzius auf diese rüde Weise angeredet. Sonst nennt Konfuzius sich Ch'iu, jedoch dem Anschein nach in emphatischer, stark betonter Weise. Häufiger bezeichnet er sich mit den üblichen Personalpronomina.

Eine gebräuchliche Bezeichnung des Konfuzius ist auch die mit seinem Mannesnamen Chung-ni, "Mittlerer Ni". Diese Namensform enthält meistens ein Element, das in einer semantischen Beziehung zu dem persönlichen Namen steht. Hier ist das Ni, das den anderen Teil des oben erwähnten Bergnamens Ni-ch'iu aufgreift. (Die Bedeutung dieses Bergnamens ist, wie angemerkt sei, nicht ohne weitere Überlegungen festzulegen.) Das "Mittlerer" bezieht sich auf den Rang in der Brüderfolge. Konfuzius hatte einen frühverstorbenen älteren Bruder.

Chung-ni kommt im Lun-yü nur in den Abschnitten 19.22 bis 19.25 vor. Diese Vorkommen sind in zweifacher Hinsicht interessant: Personen, die nicht zum Umkreis des Konfuzius gehören, nennen ihn so und zwar stets im Gespräch mit dem K.-Schüler Tzu-kung, und dann nennt auch Tzu-kung den Konfuzius schon einmal Chung-ni. Auffälligerweise geht es bei diesen Gesprächen öfter darum, ob Konfuzius oder nicht doch Tzu-kung "der Bessere" sei. - Augenscheinlich ist Chung-ni die alltägliche und wertungsneutrale Benennung des Konfuzius

So interessant in mancher Hinsicht diese Bezeichnungen des Konfuzius im Lun-yü sein mögen - interessanter sind die Bezeichnungen für ihn in den sonstigen Schriften aus dem Alten China. Nur als Grundlage hierfür sollten die wichtigsten schon einmal aufgeführt werden. Daneben gibt es noch andere Bezeichnungen, allen voran fu-tzu, "der Meister". Da aber schon im Lun-yü auch andere Personen fu-tzu genannt werden, verbindet sich damit eine wieder eigene Problematik.

11
Das "Zeitalter der Philosophen" im Alten China

- ist zugleich auch die "Zeit der kämpfenden Staaten" (479-221) und wird als solche seit alters von den Historikern so genannt. Als "Age of the Philosophers" bezeichnete sie vor ungefähr siebzig Jahren der chinesische Philosophiehistoriker Feng Yu-lan in einer Geschichte der chinesischen Philosophie, die durch die Übersetzung von Derk Bodde in der westlichen Sinologie einflußreich wurde und nicht zuletzt deshalb Feng politisch bestimmte Mißhelligkeiten einbrachte.

Bald nach dem Tode des Konfuzius wirkten tiefgreifende Veränderungen in der Staatenwelt des Alten China, deren Vorzeichen und Anfänge er noch wahrgenommen haben dürfte. Schon im Jahre 472 vernichtete der Südoststaat Yüeh das benachbarte und eben noch mächtige Wu nach Geschehnissen, die durch die Geschichtsschreiber mit beispielloser Dramatik geschildert werden. Danach verlor Yüeh seine Bedeutung wieder. Der Südstaat Ch'u hingegen setzte seine Nordexpansion fort, eignete sich im Zentrum 447 das altehrwürdige Ts'ai an und schob sein Gebiet vor allem am Ostmeer weit nach Norden vor, wo Lu, der Heimatstaat des Konfuzius, unter seine Kontrolle geriet.

chinamap ca. -300
Im Zentrum verschwand das große Fürstentum Chin, eine alte Stütze des noch immer nominell herrschenden Königshauses Chou, von der Bildfläche. - Chou ist im Zentrum dieses Kartenbildes (entnommen der 1962 von Golo Mann und Alfred Heuß herausgegebenen "Propyläen Weltgeschichte", Bd. 2 "Hochkulturen des mittleren und östlichen Asiens") beinahe nicht mehr zu sehen. In Chin teilten um 450 drei rivalisierende Würdenträgerhäuser -die Chao, Han und Wei- das Staatsgebiet unter sich auf und riefen sich im Jahre 403 zu Markgrafen aus, bald danach zu Königen, welchen Titel die Herrscher von Ch'u schon lange für sich beansprucht hatten. Auch in dem Lu benachbarten Fürstentum Ch'i drängte die Würdenträgerfamilie Ch'en/T'ien das seit Jahrhunderten herrschende Fürstenhaus Lü aus der Macht, schob es schließlich 379 endgültig vom Thron und nahm bald ebenfalls den Königstitel an. - Schwer läßt sich ermessen, wie solche Vorgänge, die sich über Jahrzehnte hinzogen, das politische Denken dieser Zeit prägten und welche sozialen Folgen damit verbunden waren, von allen wirtschaftlichen und technologischen Neuerungen in dieser Zeit abgesehen. Über Yen, den nördlichen Nachbarn von Ch'i, läßt sich kaum etwas berichten.

Sicher ist nur, daß in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts sieben Großstaaten auf dem Gebiet des heutigen China bestanden. Daneben darf nicht verkannt werden, daß sich in weiten Gebieten jenseits der heute zentralen Teile Chinas, aber auch innerhalb der Gebiete dieser "Staaten", Völker, Stämme oder andere soziale Gruppierungen lebten, die nicht den Ordnungen dieser entstehenden Staaten zugehörten oder sich ihnen verpflichtet fühlten. Die ethnische, politische und soziale Vielgestalt dieser Zeit läßt sich den tradierten Quellen nur andeutungsweise entnehmen, erst allmählich den Erkenntnissen der archäologischen Forschung.

Manche politische Denker propagierten damals eine Rückkehr zu den verklärten Anfängen des "Reiches" der Chou, aber tatsächlich begriffen sich diese "Staaten" als unabhängig von solchen Reminiszenzen. Geführt wurden sie, ohne genaue territoriale Ordnung, als eine Art von Personenverbandsstaaten, eher noch Familienverbandsstaaten.

Seit der Mitte des 4. Jahrhunderts nahm der Weststaat Ch'in eine zunehmend aggressive Haltung gegenüber den "innerchinesischen" Staaten ein, nachdem er sich zuvor eher nach Westen orientiert hatte. Eine beispielhafte politische Neuordnung dieses Staates, die eine zentralistische Territorialordnung und -verwaltung einschloß, hatte die Voraussetzungen hierfür geschaffen.

Einige kleinere Staaten -wie Lu, das auf diesem Kartenbild zu groß gezeichnet ist- bestanden noch fort, doch sie hatten keinerlei Bedeutung neben den sieben Großstaaten Ch'in, Ch'u. Chao, Han, Wei, Ch'i und Yen: die " sieben Kampfhähne" geheißen. In unablässigen Kämpfen befehdeten diese einander im Kampf um die Vorherrschaft, auch in wechselnden Allianzen. Mächtige Wallanlagen, Vorläufer der späteren Großen Mauer, grenzten diese Staaten gegeneinander oder die "barbarischen" Fremdvölker ab, die "China" in oft mächtigen Stammesbünden bedrohten. Auffällig ist, daß solche Wallanlagen sich vor allem gegen die Nordanrainer wendeten, nicht gegen die Völker und Stämme im Süden. Wahrscheinlich waren hier die Grenzen weitgehend noch offen und nicht definiert, wie auch die westliche Grenze des Weststaates Ch'in. Ansonsten sei eigens verzeichnet, daß "China" damals einen erheblich kleineren geographischen Raum einnahm als später und heute.

Die politischen Veränderungen in der Zeit der kämpfenden Staaten gingen mit gesellschaftlichen Vorgängen einher, die zu Lebzeiten des Konfuzius ebenfalls bereits eingesetzt hatten und den Hintergrund seiner Lehren abgaben. Neben seinem Lehrentwurf entstanden bald die später so genannten "Hundert Schulen" des altchinesischen Denkens, die größtenteils auch politische Ordnungsvorstellungen entwickelten oder sich gar im politischen Alltagsgeschäft engagierten oder aber zu einer Abkehr von diesem rieten. Die institutionellen Gegebenheiten für solches Wirken sind noch ungeklärt, doch in dieser Staatenwelt bildeten sich dann auch die Traditionen aus, welche die Lehre des Konfuzius forttrugen und weiter ausbildeten. Bald nach dem Tode des Konfuzius beherrschten, wenn das überblickhafte Bild der Überlieferung zutrifft, ganz gegensätzliche Lehrtraditionen das politische Denken im 5., 4. und 3. Jahrhundert. Ein "Konfuzianismus", was immer das meine, war allem Anschein nach jedenfalls bedeutungslos.

12
Der Denkerhof des Herzogs Mu von Lu

In Yen-t'ieh lun, "Erörterungen über Salz und Eisen", lästert ein Würdenträger, am Hofe des Herzogs Mu von Lu sei ein gewisser Kung-i Kanzler, Tzu-ssu und Tzu-liu seien Minister gewesen, und trotzdem sei dessen Staat durch andere Staaten geschmälert worden. Der Würdenträger wird dann noch deutlicher und erklärt, das Wirken der siebzig K.-Schüler sei für Staat und Gesellschaft nutzlos gewesen.

Das Yen-t'ieh lun (YTL) von Huan K'uan (um -73) stellt sich als protokollartige Niederschrift einer Hofkonferenz am Kaiserhof der Han dar, die im Jahre -81 einberufen wurde. Ausgehend von einer Debatte über die Staatsmonopole an Salz und Eisen, erörtern zwei Parteien Grundsätze der Politik. Die eine Seite, die Regierungsseite der Würdenträger, läßt sich als "legistisch" kennzeichnen, die andere, diejenige der kritisierenden Gelehrten, als "konfuzianisch" begreifen. Die Regierungsseite meint also, am Hofe des Herzogs Mu von Lu hätten die Konfuzianer Gelegenheit gehabt, ihre "Regierungsfähigkeit" zu beweisen - und seien kläglich gescheitert.

Über Herzog Mu von Lu (407-377) und die Geschichte von Lu ist beinahe nichts bekannt. Lu war zu dieser Zeit inmitten der sieben Großmächte so bedeutungslos geworden, daß die historische Überlieferung kaum etwas außer der Herrscherliste bewahrt hat. Zum Überlieferten gehört, daß größere Nachbarstaaten tatsächlich zu dieser Zeit mehrere Städte von Lu eroberten und sich aneigneten.

Die anekdotische Überlieferung über Herzog Mu ist jedoch verhältnismäßig reich. Diese zeigt, daß der oben angeführten Vorhaltung des Würdenträgers noch eine besondere Bosheit innewohnt: Sein Argument war nämlich -und das wußte der Würdenträger wohl!- schon einige hundert Jahre alt, und die konfuzianische Tradition meinte, es entkräftet zu haben. - Nachstehend folgen Zusammenfassungen der anekdotischen Überlieferungen über Herzog Mu von Lu. Die wichtigste Rolle in diesen spielt Tzu-ssu, der so mit seinem Mannesnamen genannte K.-Enkel K'ung Chi (483-402):

- Meng 6B6: Der Rhetor Shun-yü K'un (385-305) hält Meng K'o (390-305) unter anderem vor, zur Zeit des Herzogs Mu habe ein Meister Kung-i die Regierung geführt, Tzu-ssu und Tzu-liu seien Beamte gewesen, und trotzdem seien die Gebietsverluste von Lu immer größer geworden. Meng weiß zu erwidern. - SY 17.8 bietet eine Parallele zu dieser Erörterung, nennt aber statt Tzu-liu einen Tzu-keng. HSWC 6.14 ist eine weitere Parallele, der jedoch dieser Passus fehlt.
- Meng 2B11: Meng K'o erwähnt gegenüber einem anonymen Gesprächspartner, Herzog Mu habe zu seiner Seite Tzu-ssu, Hsieh Liu und Shen Hsiang gehabt.
- Meng 5B5: Meng K'o erzählt seinem Schüler Wan Chang, Herzog Mu habe sich öfter nach dem Befinden des Tzu-ssu erkundigt und diesem auch Speisen zugesandt - zu dessen Mißvergnügen.
- Meng 5B6: Meng K'o erzählt Wan Chang, Herzog Mu habe Tzu-ssu wiederholt aufgesucht und ihn einmal gefragt, ob die Fürsten des Altertums Gelehrte (shih) zu Freunden gehabt hätten. Tzu-ssu lehnt solche Überschreitung sozialer Grenzen ab.
- Li-chi (LC) 3.14: Herzog Mu fragt einen Meister Tseng, nach welchem Zeremoniell er beim Tode seiner Mutter verfahren solle. - Dieser Meister Tseng ist nicht Tseng Ts'an (505-436), sondern -wie eine Selbstbezeichnung erweist- dessen Sohn Tseng Shen (475-405).
- LC 4.20: Herzog Mu fragt Tzu-ssu, ob ehemalige Beamte beim Tod des früheren Fürsten förmlich trauerten.
LC 4.74: Herzog Mu fragt einen Meister Hsien, was bei einer Dürrezeit zu unternehmen sei. Lun-heng (LH) 45/205/19 wendet sich später gegen den Ratschlag dieses Hsien-tzu.
- KTT 2.3 und 3.2 sowie 3.3 bieten insgesamt zehn Anekdoten, in welchem Herzog Mu vor allem Tzu-ssu über politische Vorgänge oder Angelegenheiten des Zeremoniells befragt. Hierbei werden beiläufig noch mehr oder minder interessante Einzelheiten mitgeteilt: Kung-i Hsiu wird als Freund des Tzu-ssu bezeichnet, der Herzog will ihn zum Kanzler (hsiang) machen und gar den Staat mit ihm teilen. Der Herzog fragt Tzu-ssu, ob er in seiner Schrift tatsächlich die Worte des Konfuzius überliefert habe oder nicht doch seine eigenen niedergeschrieben. Tzu-ssu habe es abgelehnt, Kanzler (hsiang) des Herzogs Mu zu werden. Zu solcher Ablehnung hatte ihm einer weiteren Anekdote zufolge auch der ominöse Lao Lai-tzu geraten. Beim Tode des Herzogs Mu habe Meister Hsien den Tzu-ssu nach dem schuldigen Zeremoniell befragt. - Letzeres kann wegen der Daten schlechterdings nicht möglich sein, doch vielleicht ist der Vorgänger von Herzog Mu gemeint.
- HFT 38/1/1: Ein gewisser Li Chü rät Herzog Mu, nicht die Gunst der Großmächte Chin und Ch'u zu suchen, sondern sich vor allem mit dem Nachbarn Ch'i gutzustellen. - Mit dem Staat Chin müßten dann eigentlich schon die Nachfolgeherrschaften Chao, Han und Wei gemeint sein.
- LSCC 20.2, SY 14.4: Mit erheblichen Varianten berichten beide Versionen dieser Anekdote, ein gewisser Hsin K'uan/Hsin Li habe vor Herzog Mu die Bedeutung der frühen Fürsten von Lu geschmälert, darunter auch die des Herzogs von Chou; ein gewisser Nan-kung Kuo/Nan-kung Pien-tzu habe seinerseits dessen Argumentation zurückgewiesen.
- KTT 3.2/17/12: Tzu-ssu gibt dem Herzog Auskunft über die Pietät der Söhne einer etwas ominösen Familie. HFT 22/19/1 bietet eine erweiterte Fassung, in welcher der Herzog auch noch einen Tzu-fu und einen Li-po darüber befragt. HFT setzt sich kritisch mit der Aussage der Anekdote auseinander, wird seinerseits aber wieder von LH 29/137/10 kritisch erörtert.

Schon verhältnismäßig frühe und der Regierungszeit des Herzogs Mu zeitlich nahe Quellen zeigen diesen also in Zusammenhang mit einer Fülle von Personen, bei denen er Rat bei konkreten und allgemeinen Problemen sucht. Die Identität dieser Personen ist weitgehend ungeklärt, da sie in der sonstigen Überlieferung kaum vorkommen. Wahrscheinlich verbirgt sich hinter manchen unterschiedlichen Namen auch ein und dieselbe Person: Hsieh Liu/ Tzu-liu/ Tzu-keng. Eine Zuweisung zu einer bestimmten Lehrtradition sollte aufgrund der diesen Personen in den Mund gelegten Worte nicht erörtert werden, doch sind das möglicherweise unterschiedliche Lehrtraditionen.

Nur wenige Herrscher in der Zeit der kämpfenden Staaten werden durch die anekdotische Überlieferung mit so vielen "Beratern" zusammengebracht wie dieser Herzog Mu - schon gar nicht andere Fürsten solcher Kleinstaaten wie Lu. Irgendeinen historischen Hintergrund dürfte das schon gehabt haben - vielleicht den, daß der Herzog sich eben nicht nur von seinen Hofwürdenträgern und anderen Praktikern der "Politik" beraten ließ, sondern eben auch von Personen, die einer neu entstehenden Schicht von literarisch gebildeten "Gelehrten" zugerechnet werden könnten.

Von diesen sind in Zusammenhang mit Herzog Mu sonst lediglich Kung-i Hsiu und der K.-Enkel K'ung Chi Tzu-ssu näher bekannt. Aufgrund der -kalkulierten- Lebensdaten des Tzu-ssu könnte dieser in hohem Alter tatsächlich den gerade auf den Thron gelangten Herzog beraten haben. Das hohe Alter erklärte dann auch, warum er nicht mehr dessen Kanzler (hsiang) habe werden wollen. - Andererseits ist festzuhalten, daß die Kalkulation der Lebensdaten des Tzu-ssu anhand auch der Anekdoten über seinen Umgang mit dem Herzog erfolgte. - Bei seiner Erwähnung des Textes "Tzu-su" sagt Pan Ku (32-92), Tzu-ssu sei "Lehrer/Präzeptor" (shih) des Herzogs gewesen (HS 30.1724).

In irgendeiner Form scheint der frühe "Konfuzianismus" am Hof des Herzogs Mu eine gewisse institutionelle Verankerung gefunden zu haben. So sah das jedenfalls der Würdenträger im YTL, noch früher der Rhetor Shun-yü K'un und wohl auch der legistische Denker Han Fei (280-233), wenn er gegen die Aussagen der Berater des Herzogs polemisiert. Alle diese drei Stimmen gehörten zu konkurrierenden Lehrtraditionen.

13
Bemerkung über die "Schulen" des Tzu-su und des/der Meng

In "Annäherungen 2" war angedeutet worden, daß die Auflistung von "Schulen" in der Lehrtradition des Konfuzius keineswegs so eindeutig zu verstehen sei, wie das vorliegende Übersetzungen nahelegten. An dieser Stelle ergibt sich ein weiteres Problem:

In der vorstehenden Notiz waren die Gestalten des Meng K'o (390-305) und des K.-Enkels K'ung Chi (483-402), genannt Tzu-ssu, durch die frühe Überlieferung in eine gewisse Nähe gebracht worden. Mancherorts wird Tzu-ssu gar als "Lehrer" des Meng bezeichnet. Das dürfte zwar wegen des zeitlichen Abstandes ausgeschlossen sein, doch eine Art Enkelschülerschaft ließe sich annehmen.

In diesem Falle hätte die Aufstellung HFT 50 gesondert zwei Lehrtraditionen -die von Tzu-ssu und die von Meng- aufgeführt, die dann eigentlich einer "Schule" zugerechnet werden sollten. Das legte die Schlußfolgerung nahe, daß HFT 50 bei seiner Aufzählung von "xy chih ju" wohl eher Personen als Schulen gemeint habe: "solche ju wie Tzu-ssu ... solche ju wie den/die Meng".

Andererseits ließe sich unter "Schule" natürlich auch eine Institution zur Ausbildung von Kindern und Jugendlichen verstehen - wenn deren Absolventen denn auch als ju gelten dürften. Dann könnten Tzu-ssu wie Meng natürlich jeder für sich solchen "Schulen" vorgestanden haben.

Ein weiteres "andererseits": Unter der durch HFT 50 genannten Tradition des/der Meng wird gemeinhin ohne weiteres die des Meng K'o verstanden. Warum eigentlich?

14
Alter Spruch

Der kurze Abschnitt Shuo-yüan 17.20 enthält lediglich, ohne Einbettung in einen Zusammenhang, ein Zitat des Tseng-tzu, "Meister Tseng":

Meister Tseng sprach:
Das Echo verzichtet nicht auf den Ton,
der Spiegel nicht auf die Gestalt.
Der Edle stellt das Eine richtig,
und alle Wesen sind vollendet.
Das Handeln erfolgt nicht wegen des Schattens, aber der Schatten folgt ihm; das Rufen geschieht nicht wegen des Echos, doch das Echo paßt zu ihm. Hat also der Edle Verdienste vollendet, folgt der Ruf ihnen nach.
  shuoyuan

Dieser kurze Passus gibt mehrere Rätsel auf - und zu diesen gehört nicht nur, was dieses wichtige "Eine" sein könnte, das der Edle richtigstellt/ordnet. Vielleicht ist das die eigene Person. Vielleicht sind auch, pluralisch, die Edlen gemeint oder eine herausgehobene Person, ein Herrscher etwa. Konfuzius, der manchmal "der" Edle genannt wird, dürfte nicht gemeint sein, denn selbst der begeistertste Schüler dürfte ihm nicht die Vollendung der Zehntausend Wesen zugeschrieben haben.

Klar scheint zu sein, daß dieses dictum aus zwei Teilen besteht. Auf vier gereimte Verse zu je vier Schriftzeichen folgt ein interpretierender Passus. Dieser wird durch die Partikel fu eingeleitet, die häufig am Anfang eines neuen Gesichtspunktes in einer Argumentation steht. Ganz unklar ist jedoch, wie diese beiden Teile sich zueinander verhalten. Drei Möglichkeiten liegen auf der Hand:
- Beide Teile stammen von Tseng-tzu.
- Der Spruch ist älteres Überlieferungsgut, das im zweiten Teil durch Tseng-tzu kommentiert wird.
- Der Spruch stammt von Tseng-tzu und wurde durch einen späteren Anonymus kommentiert.
Gemeinhin wird, wie Anführungszeichen bei interpungierten Editionen zeigen, wohl angenommen, daß die erste Möglichkeit die richtige sei.

Spruch und Kommentierung passen nicht nahtlos zusammen. Wieso hängt das Tun, das Handeln mit dem Schatten zusammen? Wäre es nicht naheliegender gewesen, wie der Spruch mit seinem Echo/Ton, Spiegel(bild)/Gestalt formuliert, zu sagen "die Gestalt ist nicht wegen des Schattens da"? Wegen lautlicher Entsprechung ließe sich ohne weiteres eine Fehlschreibung annehmen. Diese Möglichkeit verfängt jedoch nicht, denn in der Parallelformulierung greift die Kommentierung ebenfalls nicht das nominale sheng, "Ton, Laut" aus dem Spruch auf, sondern spricht von hu, "rufen, Ruf".

Desungeachtet ist die allgemeine Aussage klar: Der Edle (chün-tzu) der K.-Tradition solle sich nicht Gedanken über seinen Ruhm machen, sondern über sein Tun oder seine Taten. Dann werde der Ruhm zwangsläufig folgen. Das paßte durchaus zu manchen Äußerungen des Konfuzius im Lun-yü.

Neu ist jedoch die beispielhafte Veranschaulichung einer solchen Aussage durch den Hinweis auf Echo und Spiegel. Zu beiden hat die klassische und spätklassische Literatur eine umfangreiche Metaphorik ausgebildet. Vielleicht könnte deren Untersuchung Hinweise für eine genauere Antwort auf das Problem der Unterteilung dieses kurzen Passus erbringen.

Unsicher ist auch, welcher Person dieser kurze Text zuzuschreiben ist. Naheliegenderweise ist an den K.-Schüler Tseng Ts'an zu denken, dem ja umfangreiche Schriften zugeschrieben wurden. Allerdings wurde auch sein Sohn Tseng Shen (siehe oben Nr. 12) "Meister Tseng" genannt. - Warum eigentlich führt HFT 50 nicht auch eine Tseng-Tradition in der K.-Nachfolge auf?

15
Eine Lobeshymne über Konfuzius

In vielfältigster Weise wurden Person und Lehre des Konfuzius durch die Jahrhunderte in Anspruch genommen, oft auf mißbräuchliche Weise. Nicht selten auch wurde er verlästert und bespöttelt oder irgendein Schabernack mit ihm getrieben. Daneben stehen aber auch die Zeugnisse großer Verehrung und des Respekts, die ihm gleichermaßen entgegengebracht wurden. Zu diesen gehören die folgenden Verse einer Lobeshymne:

Chang Ch'ao
Preislied über Ni-fu

Wie majestätisch K'ung, der Weise, wirkt,
den alle Zeiten als vorbildlich rühmen!
Seine Maßstäbe vereinen Himmel und Erde,
seine Leuchtkraft gleicht der von Sonne und Mond.

Bis zu den Acht Steppen reicht sein Wirken,
und sein Ruf erfüllt die weitesten Fernen.
Mit dem Fang des Einhorns endete er,
hinterließ aber die Lieder aus Lu und Wei.
Sung, "Preislieder", bildeten in der Han-Zeit eine beliebte literarische Gattung, die sich bei den Übersetzern jedoch nur selten der Beachtung erfreut. Wie ihre Vorbilder im Shih-ching, "Buch der Lieder", bestehen ihre Verse in der Regel aus nur vier Schriftzeichen. Die geradzahligen Versen weisen einen durchgehenden Reim auf. Viele sind dank gelehrter Anspielungen nicht gerade leicht verständlich.

Ni-fu, "Vater Ni", ist eine ehrende Bezeichnung (vielleicht auch nur eine andere Form des Mannesnamens) für Konfuzius, die erstmals wohl in einem Trauertext verwendet wurde, den Herzog Ai von Lu beim Tod des Konfuzius verfaßt haben soll. - Mit den Acht Steppen sind die Weltenden in allen Himmelsrichtungen gemeint, und der letzte Vers spielt darauf an, daß Konfuzius das "Buch der Lieder" zusammengestellt haben soll. Warum tut Chang Ch'ao das wohl durch Hinweis auf die Lieder aus Lu und Wei?

Über Chang Ch'ao, der um 180 n. Chr. lebte, ist kaum etwas bekannt. An einem Feldzug gegen die aufständischen Gelben Turbane soll er teilgenommen, aber auch die kalligraphische Form der ts'ao-shu, "Gras-/Konzeptschrift", vortrefflich beherrscht haben. Von seinem umfangreichen literarischen Werk blieben nur wenige Fragmente erhalten, darunter ein langer Passus aus einem fu, "Poetische Beschreibung", und ein ebenfalls langer aus einem weiteren Preislied. - Wahrscheinlich ist, daß auch dieses Preislied über Konfuzius ursprünglich umfangreicher war.


» Teil 4, HCN 15
 
 
 

Die Fee der dunklen Jahreszeit

Es ist noch gar nicht viele Jahre her, daß in der Zeit kurz nach Weihnachten in deutschen Blumengeschäften Töpfchen mit kleinen blühenden Narzissen auftauchten. Bald wurden sie zu einem beliebten Zierat für Schreibtische und Fensterbretter in der dunklen Winterzeit. Ob dieser neue Brauch chinesischen Ursprungs war?

qiu ying: narzisse Die Narzisse war nach dem "Blumenkalender" des traditionellen China die Blüte des zwölften Monats - nach dem Mondkalender gerechnet, also des letzten Wintermonats. Sie sollte Licht und Farbe in diese trübselige Jahreszeit bringen und wurde zu diesem Zwecke künstlich zu vorzeitiger Blüte gebracht. Das Bild zeigt sie neben der Pflaumenblüte, eigentlich: Winterkirsche (prunus mume), der Blüte des ersten Monats, als deren "jüngerer Bruder" die Narzisse gilt. Das Bild stammt aus dem Pinsel des Ch'iu Ying (gest. um 1552), der, von niederer Herkunft, sich durch seine meisterhafte Beherrschung vieler Malstile die Wertschätzung von Kunstsammlern und -liebhabern im malerischen Su-chou erwarb.

Der Philosoph Chu Hsi (1130-1200) konnte noch rätseln: "Woher ist diese Wunderfee gekommen,/ mit ihren grünen Ärmeln, gelben Kappen und dem weißen Jadeglanz?" Persische oder arabische Händler hatten sie, vielleicht um das Jahr 1000, auf dem Seewege nach Südostchina gebracht. "Himmlische Zwiebel" lautete bald ihr Name, doch shui-hsien, "Wasserfee" wurde der gebräuchliche.

Das Wechselspiel der Farben Grün, Weiß und Gelb faszinierte die Dichter, obwohl dieser Blüte weit weniger Verse gewidmet wurden als der Pflaumenblüte. Vielleicht lag das daran,
daß die Narzisse erst spät ein chinesisches Kulturgut wurde. Wahrscheinlicher ist wohl, daß mit ihr, dem "jüngeren Bruder", als Blüte des scheidenden Jahres viel weniger Hoffnungen und Erwartungen verbunden wurden als mit der Prunus des Jahresbeginns. Der kaum bekannte Wang Ku-hsiang (1501-1568) dichtete:
Aus Feenkräutern schießen Jaspisstrahlen,
anmutig-sanft, von keinem Staub bedeckt.
Der Mond ist licht, und wenn zum Fluß ich blicke,
ist mir, als spiele jemand dort mit Perlen.
"Narzissenblüten" ist dieses kleine Gedicht aus nur zwanzig Schriftzeichen überschrieben. - Sein Geheimnis verbirgt sich im ersten Vers: "Feenkräuter" (hsien-hui) verbindet die Erinnerung an den Namen der Narzisse mit einer recht vulgären allgemeinen Bezeichnung für Pflanzen aller Art. Das Verb "schießen" (fa) wird tatsächlich auch für das Abschießen eines Pfeils, aber auch für Eröffnungen und Enthüllungen aller Art, verwendet. Es deutet an, wie kraftvoll auf den Dichter der Anblick der Blüten wirkt. "Jaspisstrahlen" (ch'iung-ying) war schon im klassischen "Buch der Lieder" die Bezeichnung eines jadeähnlichen kostbaren Steins - ist später aber auch ein Name für die Pflaumenblüte. Nicht nur den Glanz der Narzissenblüte beschreibt also der erste Vers, sondern er deutet auch an, daß diese der Vorbote, gleichsam Urheber, der geliebteren Pflaumenblüte sei. Deshalb läßt der zweite Vers auch offen, welche Blüte er meint: "anmutig-sanft" paßt zur Narzisse, Symbol der Reinheit ist jedoch eher die Prunus. Den Perlen schließlich ähneln ebenso die kleinen Prunusblüten, nicht die kräftigeren Narzissen.

Wie auf dem Bild des Ch'iu Ying sind in diesem Gedicht beide Blüten gegenwärtig, zumindest stillschweigend. Gegenwärtige chinesische Neujahrskarten mit Narzissen und/oder Pflaumenblüten zeigen, daß solche traditionellen Vorstellungen auch gegenwärtig sind.
 
 
[China - Hamburg]   [ChinaS]   [Schreibtisch-Notizen]   [Chinatexte]
Seitenanfang Hauptseite Suche & Archiv Impressum