Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 14
21. Dezember 2001
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte Deutsche Chinatexte
 
         
 

Eine China-Gaudi von 1845

In den Vorweihnachtszeiten entdecken Hamburgs Theater auch die Kinder: "Dornröschen", "Heidi", "Bremer Stadtmusikanten", "Cinderella", "Der gestiefelte Kater" heißen die diesjährigen Stücke: Märchen und Schnulzen, abgestandenes Zeug - gerade recht für die Gören.

Ein anderes Herz für die Kinder hatte Franz Graf von Pocci (1807-1876), den selbst dickleibige Literaturlexica heute nicht mehr kennen. Zeremonienmeister, Hofmusikintendant, Oberstkämmerer am Hofe Ludwigs I. von Bayern war er, wohlbestallt, doch berühmt wurde er dadurch, daß er den alten Harlekin und den heruntergekommenen Hanswurst des Theaters zum Kasperl der Marionetten- und Puppenspiele für die Kleinen machte. "Kasperlgraf" wurde er bald geheißen, und zahlreiche Stücke schrieb er, unter anderem, für den Kasperl und das Kindertheater: böse, satirisch, voller Zeitbezüge und mit vielen Sprachverdrehereien. Er traute den Kindern mehr zu Theatermacher heute. - Pocci war auch ein geschickter Scherenschneider und Illustrator der eigenen Texte.

Auch China kommt in seinen szenischen und anderen Texten vor, nicht nur nebenbei. Den folgenden Text zitiere ich ganz, mit allen Eigenheiten der Rechtschreibung. Einige der alten Pocci-Illustrationen füge ich bei. Das war allerdings nicht ein zur Aufführung bestimmtes Stück, sondern eine "Farce zum Lesen". Sie paßt recht schön in die Weihnachtszeit. - Und daß Pocci ihr nicht einen anderen Titel als "Puppenspiel" gab - damit hat es gewiß noch eine besondere Bewandtnis!

puppenspiel 1

PUPPENSPIEL


Wir sitzen hier erwartungsvoll,
Was heut gespielt denn werden soll.
Ein neues Stück!
O welches Glück! -
Still jetzt, es schellt, spitzt nun das Ohr,
Hanswurst tritt als Prolog hervor.

(Hanswurst macht eine Verbeugung)

Ich habe die Ehre zu annoncieren
Das Stück, das jetzo wir aufführen.
Die Komödie ist betitelt "Tschangtschang",
Ein Kaiser von China, der, 's schon lang,
In Peking regiert und da war ansässig
Als Usurpator unrechtmäßig.
In diesem Stück kommt allerhand vor,
Zum Beispiel: Musik, Ballett und Chor,
Verschiedene Blitze mit Donner vermischt;
Neue Dekorationen werden aufgetischt;
Die Maschinerie ist aber alt;
Wohl möglich, das manches zerbricht oder fallt.
Die Musik ist von einem jungen Komponisten,
Pensionierten Hofwaldhornisten.
Der Dichter des Stücks bleibt anonym,
Gewähren Sie gütigst Nachsicht ihm.
Er ist ein jung aufkeimend Talent,
Das die Bühne noch nicht recht kennt;
Ist aber das Stück zu Ende,
So klatschen Sie doch in die Hände.

(Hanswurst tritt unter Verbeugung ab.
Das Publikum stampft mit den Füßen.)

Publikum:
Der Prolog ist wirklich gar zu dumm;
Behandelt man so ein Publikum?!
Und welch ein Titel! die Verse wie schlecht,
Nicht einmal das Silbenmaß ist recht.
Wenn der Dichter nichts besseres macht,
Wird er ohne Zweifel ausgelacht.

(Man spielt die Ouvertüre aus dem "Freischütz".
Der Vorhang geht auf.)


I. SZENE

Tschangtschang, Usurpator des chinesischen Reiches, sitzt auf dem Throne, umgeben von seinem Hofe und weiß vor Langeweile nicht, was er anfangen soll. Die Höflinge verbeugen sich unaufhörlich nach Pagodensitte. Es herrscht ehrfurchtsvolles Schweigen und wird in dieser Szene nichts gesprochen, weil niemandem etwas einfällt.

puppenspiel 2

Publikum:
Nicht übel ist die Introduktion,
Dient ziemlich gut als Exposition,
Die Verse haben guten Klang,
Schön charakterisiert ist Tschangtschang!




II. SZENE

Tschangtschang pfeift, worauf einige Sklaven eintreten, welche auf seinen Wink Kaffee bringen und eine Pfeife Tabak. Musikanten spielen ein sehr schönes Stück aus der neuesten Oper von Mayerbeer, worüber Tschangtschang zu Tränen gerührt wird und einschläft. Allgemeine Stille. Um den Kaiser nicht aufzuwecken, wird auch in dieser Szene nichts gesprochen.


Publikum:
Auch diese Szene ist trefflich geschrieben;
Doch ist alles beim Alten geblieben;
Die Handlung schreitet zu wenig fort
Und spielt zu lang an einem Ort.



III. SZENE

Nacht. Der Mond geht auf und singt eine Arie. Die Sterne tanzen ein Ballett.

puppenspiel 3

Publikum:
Ah! ah! Welch schöne Dekoration,
Der Maler verdiente seinen Lohn.
Sehr gut gewählt ist das Transparent
Für das durchsichtige Firmament.
Ausgezeichnet ist das Ballett,
Besonders gut tanzt der Komet.

Ungeheurer Applaus. Man ruft den Dekorationsmaler viermal heraus. Das letztemal erscheint auch der Komponist, Maschinist, der Dichter und alle Schauspieler und Sänger. Auf Verlangen wird das Ballett wiederholt, wobei sich ein Fixstern den Fuß überstaucht.


IV. SZENE

Tschangtschang erwacht und hat abermals Langeweile. Er gähnt. Der ganze Hofstaat gähnt respektvoll mit. Nun wird ein Gähnchor gesungen, der als sehr beliebtes Musikstück künftig auf allen Wachparaden gespielt wird. Aufgang der Sonne, ebenfalls transparent. Durch die Unvorsichtigkeit eines Lampenputzers brennt der Vorhang an und die Sonne verschwindet wieder.


Publikum:
Ein solcher Lampenputzerdeffekt
stört doch wirklich den ganzen Effekt!
Wie leicht kömmt dann auch Feuer aus,
Und wir verbrennen samt dem Haus!
Und daß noch gar nichts gesprochen ward - wie dumm!
Nur getanzt und gesungen - sagt doch, warum?!


V. SZENE

Nun wird die Bühne ungeheuer dunkel. Komplette Nacht und sehr schlechte Straßenbeleuchtung. Es zeigt sich, daß Tschangtschang ein Bösewicht und unrechtmäßiger Beherrscher von China, Hanswurst aber der verdrängte legitime Thronerbe ist. Das Volk teilt sich in Parteien auf und rauft im Dunkeln mit dem Publikum.

puppenspiel 4: dunkel

Publikum: Ah! welch reiche Ideenpracht;
Und all dies geschieht bei Nacht!
Wie gut ist's doch ausgesonnen!
Wie schön der Faden fein gesponnen!
Der Dichter zeiget großes Talent,
Beweist, daß er die Klassiker kennt.
Begierig sind wir auf die Entwicklung,
Und auf des Knotens Zerstücklung.



VI. SZENE

Geheime Verschwörung bei Donner und Blitz. Masaniello, der, man weiß nicht wie, unter die Chinesen geraten, singt eine Arie mit Chor, wobei er mehrere Male einen unter dem Mantel verborgenen Dolch zeigt.

Chor:
Weh dir, Tschangtschang!
Du lebest nicht mehr lang!
Bald wird dir werden bang!
Bang, bang, lang, lang!
Tschangtschang bang, lang, lang, lang etc. etc. etc.

Publikum:
Der Schicksalsstrumpf ist gut gewebt;
Zu lang schon, daß der Böswicht lebt.
Nun verfällt er den Rachegeistern,
Der Dichter wird seinen Stoff bemeistern!


VII. SZENE

Man vernimmt aus der Ferne einen Marsch von Spontini. Säbelgeklirr und Kanonendonner. Ungeheurer Lärm und allgemeine Konfusion. Die Wachen im Palaste werden überwältigt. Tschangtschang wird im Schlafrock zum Fenster hinausgeworfen. Die Burg geht in Flammen auf. Chor aus "Wilhelm" Tell von Roßini: "Seht die Burg, sie brennt, brennt, brennt, brennt, brennt (in infinitum)

puppenspiel 5

Publikum: Bravo! Bravo!
Der Dichter hat seine Meisterschaft
Bewährt mit wahrer Riesenkraft!
Er führt den Stoff mit Konsequenz;
Und wie moralisch die Tendenz.
Das Laster mußte untergehn,
Nun laßt der Tugend Sieg uns sehn!



VIII. SZENE

Finale. Triumphzug. Hanswurst wird auf den Thron erhoben. Der Zug dauert zwei Stunden. Dreitausend chinesische Soldaten marschieren über die Bühne. Große des Reichs, Opferpriester, Pagen, Sklaven und Sklavinnen, Ritter und Knappen zu Pferd, ein Eremit, Fahnenträger, Trompeter, Pauker, Zuschauer und Volk aus der "Jungfrau von Orleans". Schlußdekoration mit griechischem Feuer.

(Der Vorhang fällt.)

Ungeheures Beifallklatschen des Parterres. Aus den Logen herab wird gepfiffen. Nach langem Kampfe wird der Dichter herausgerufen, mit Blumensträußen beworfen und endlich von einigen Studenten im Triumph nach Hause getragen.



Vor allem ist diese Farce eine Satire auf das seinerzeitige Theaterpublikum. Mancher von den gegenwärtigen Hamburger Theatermachern würde sie voll Genugtuung lesen, vor allem der Intendant des Schauspielhauses.

Jener chinesische Kaiser Tschangtschang - wahrscheinlich hatte Pocci auch bei ihm eine bestimmte Person im Sinn. Jedenfalls ähnelt er noch heute manchem Familienpascha, dessen andauernde Gegenwart in der Häuslich- oder Wohnlichkeit während einer Folge von Feiertagen zu Friktionen führt. Allen vorweihnachtlichen Lesern dieser Seiten sei gewünscht, daß ihre Feiertage sich ohne "Fensterstürze" jedweder Art ereignen, doch sonst mit ihnen als begeisterten Zuschauern der häuslichen Szenen - "interaktiven" zumal, wie in diesem Text von Pocci.

Der Scherenschnitt oben von seiner Hand, der ein Kasperletheater für Kinder darstellt, zeigt -nebenbei bemerkt- mehr Erwachsene als Kinder. Ohne Doppelbödigkeit war eben nichts bei diesem Grafen Franz von Pocci. Auch sein eigenes Leichenbegängnis schnitt er sich schon einmal mit der Schere zurecht: makaber, wie ein Nachkomme meinte, doch mit dem Kasperl im Geleit. Wie mancher Misanthrop war er ein Freund der Kinder. So billig manche Witzchen in seinen "Kasperliaden" sind - er nahm die Kinder ernster als die Hamburger Theaterleute mit ihren dezemberlichen Klamotten.
 
 
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