Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 14
21. Dezember 2001
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst ChinaS
jetzt und einst
Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
         
 

Ein Essen in kleinem Rahmen

Das war wieder einmal das "Suzy Wong" in der Milchstraße, an dessen rundem Chinatisch im Hintergrund sich ein Dutzend Langnasen am 8. November um 19 Uhr versammelten und, wie chinaüblich, bis kurz vor 22 Uhr ausharrten.

Professor Dr. Bernd Eberstein, Leiter der China-Abteilung des Asien-Afrika-Instituts der Universität Hamburg, hatte an diesem Abend die Kollegen und Mitarbeiter geladen, denn er wollte sich durch dieses Essen bei zwei Ehemaligen bedanken: Weng Onn Loke und Deike Zimmann.

Herrn Lokes wurde in diesen Notizen bereits gedacht. - Deike Zimmann leitete mehrere Jahre bis zum Oktober 2001 die europäischsprachige Abteilung der Seminarbibliothek, vor allem aber kümmerte sie sich um die EDV-"Aufrüstung" der ChinA, die sie immer wieder vermissen wird. Nach ihrem glanzvoll bestandenen MA-Examen will sie sich vor allem dem Ausbau ihrer erfolgreichen "New Economy"-Firma widmen. Beide werden hoffentlich auch künftig der ChinA eine Verbundenheit bewahren.

ChinA (Dez. 2001): Martin Hanke, Deike Zimmann, Britta Heymann Neu in dieser Runde waren zwei Gesichter:

Dr. Martin Hanke (*1960) trat die Nachfolge von Weng-Onn Loke als Leiter der Bibliothek der ChinA an. Nach Magisterexamen 1988 und Promotion 1993 am ChinaS hatte er den "China- Buchservice" gegründet, der inzwischen dank ausgezeichneter Kontakte zu chinesischen Verlagen sogar der für China zuständige Alleinlieferant der Bayerischen Staatsbibliothek ist. Da er seine Handelsmargen erfreulicherweise niedrig hält, konnte ihn die ChinA für diese Position gewinnen. Die Logistik für den bevorstehenden Umzug der ChinA in den neuentstehenden Flügelbau Ost am Hauptgebäude der Uni HH am Ende des WS 2001/2002 dürfte zu einer neuen Herausforderung für ihn geraten.

Britta Heymann (*1968) trat am 1. November im Geschäftszimmer die Nachfolge von Helga Schäfer an: lange erwartet. Während der ersten Tage war ihr ein so seltsames "Unternehmen" wie eine Universität noch ganz fremd, denn sie hatte bisher vor allem in Versicherungen gearbeitet, auch in herausgehobener Stellung. In persönlicher wie sachlicher Hinsicht schien sie dem kleinen Gremium, das sie unter 30 Bewerberinnen und Bewerbern auswählte, vorzüglich geeignet zu sein. Da sie zu fragen weiß, wird sie bald alles über die oft kuriosen Abläufe in solch einer ChinA wissen.

Nicht um dienstliche Notwendigkeiten ging es jedoch an diesem Abend des 8. Novembers. Die Gespräche flackerten hin und her - obwohl: Mancher wird schon an den nächsten Tag gedacht haben, denn Prof. Eberstein mußte am nächsten Morgen nach Breslau aufbrechen, um dort ein Rotarier-Projekt zu übergeben, während andere wie Professor M. Friedrich, deshalb ungeduldig wie manchmal sonst, dem "nächtlichen Schreibtisch" zustrebten: für dringliche Erledigungen anderer Art und dann, um noch zu forschen, was die Tage selten zulassen. - Angesichts solcher Angespanntheiten erscheint immer wieder als schön, daß auch drei Stunden jenseits der Alltäglichkeiten möglich sind - ganz in chinesischer Tradition, für die gemeinsame Speisen und Trinkgelage zu den hohen Kulturgütern zählten und zählen.

Als der große Denker Wang Yang-ming (1472-1528) als Provinzgouverneur mit seinen Untertanen einen sogenannten "Dorfvertrag" zur Besserung von deren alltäglichen Verhaltensweisen schloß, vereinbarte er auch regelmäßige gemeinsame Essen. Bei Zusammenkünften der Vertragsteilhaber sollten moralorientierte Kririk oder auch Lob über bestimmte Vorkommnisse geäußert werden. In seiner Klugheit legte Wang fest, Lob habe sehr deutlich ausgesprochen zu werden, Tadel hingegen nur in andeutenden Worten. Das Essen sollte dann noch versöhnlicher stimmen.
 
 
 

Ein Ausflug in das Altchinesische

Manchen Außenstehenden mag die Einladung zu dieser Verantaltung der Hamburger Sinologischen Gesellschaft (HSG) und der ChinA wie die Aufforderung zu einem Glasperlenspiel geklungen haben: "Die Rekonstruktion des Altchinesischen". Dr. Ulrich Unger, Professor emeritus der Universität Münster, referierte in einem Seminar am 9./10. November über seine Forschungsansätze zu diesem Thema.

"Altchinesisch", das ist die Sprache Chinas zur Zeit des Konfuzius (551-479) sowie in den Jahrhunderten davor und danach. Die Schriftzeichen sahen zu jener Zeit noch ganz anders aus als die heute vertrauten, und hinter den Schriftzeichen verbergen sich die Lautungen der Sprache jener fernen Menschen mehr, als daß sie sich zeigen. Gerade die Kenntnis dieser Lautungen ist jedoch erforderlich für den, der die Grundlagen der chinesischen Kultur umfassend begreifen will.

Die Frühzeit der chinesischen Sprache, durch solche "Spracharchäologie" erschlossen, hat nicht nur für den Sprachwissenschaftler Bedeutung. Erst durch solche Lautrekonstruktionen können die chinesischen Klassiker in angemessener Weise verstanden und interpretiert werden, und dann: Durch immer neue "Wunderfunde" chinesischer Archäologen werden alljährlich neue Inschriften aus dieser Zeit, wichtigste historische Quellen, bekannt, für deren Verständnis die Kenntnis des Altchinesischen eine Voraussetzung ist.

Ganz praktische Konsequenzen hat also solch ein "Glasperlenspiel", dem sich nur wenige Gelehrte widmen können - mit unterschiedlichen Forschungsansätzen und -ergebnissen. Unger stellte vor allem seinen "indosinistischen" Ansatz dar. Er behauptet nicht, hiermit schon die Lautungen aller altchinesischen Wörter hinter den Schriftzeichen rekonstruieren zu können, sondern spricht bescheiden von bisher ungefähr vier-, fünfhundert Rekonstruktionen - im Unterschied zu anderen, die meinen, schon das ganze Altchinesische rekonstruieren zu wollen, ohne freilich zu definieren, was genau ihr "Altchinesisch" sei. - Faszinierend waren die Einblicke in Ungers "Rekonstruktionswerkstatt" allemal, und am Ende konnte er sogar einige Verse aus dem klassischen "Buch der Lieder" in ihrer "ungerschen" lautlichen Gestalt darstellen - mit erhellenden Einblicken in deren Prosodie.

Ulrich Unger: Rekonstruktion des Altchinesischen (HH, Nov. 2001) Wer hätte gedacht, daß sich ungefähr 25 junge Wissenschaftler (Foto Dr. B. Geilich) für solch ein "esoterisches" China-Thema interessieren würden! Aus mehreren Universitäten waren sie für dieses Seminar nach HH gereist, und erkennbar war für den Beobachter die Konzentration, mit welcher sie Ungers durchaus komplizierten Gedankengängen folgten. Er hatte diese allerdings auch -so gut wie möglich- in eine didaktische Ordnung gebracht. - Sonnenscheinstunden und Kaffeepausen machten zwischen seinen Ausführungen die Köpfe wieder aufnahmebereit. Ein "Glasperlenspiel" war das trotzdem, wie alle Wissenschaft - im genauen Verständnis dieses Wortes.

Wer weiß - ein anderes Forschungsgebiet von Ulrich Unger sind die Bronzeinschriften aus dem Alten China, aus der Zeit noch vor Konfuzius. Auch der eine oder andere weitere Professor emeritus der deutschen Sinologie widmet sich Forschungen zu den unterschiedlichsten Zeiten und Themen der chinesischen Tradition, in welche eine vergleichbare Einführung wohl nützlich wäre. Der Alltag der "Ausbildung" der Studenten läßt derlei Dinge oft zu kurz kommen. Vielleicht findet dieses Unger-Seminar also im nächsten Jahr eine Fortsetzung, mit ihm oder jemand anders.
 
 
 

Wohlgeschmack und Düfte im Philturm, auch Schweinefleischstreifen

Das "Abendblatt" berichtete bereits im November, das Werbe-"Wochenblatt" am 6. Dezember, doch "Uni hh" war das in seinem November-Heft keine Zeile wert. Stattdessen berichtete dieses Zentralorgan des Uni-Präsidenten auf einer Doppelseite und mit sechs Bildern über den 60. Geburtstag desselben. Ein Foto zeigte eine Reihe von Gästen mit verklärt nach oben blickenden Antlitzen - als erwarteten sie den Heiland oder einen anderen Messias. Diese Feier wiederum war den beiden anderen Blättern keine Zeile wert.

Philturm-Mensa Ihnen ging es um die neue Mensa, die um die Stützen des bald 50jährigen "Philosophenturms" herum errichtet wurde - als begleitende Maßnahme zu dessen Außensanierung. Manche rühmten diese Mensa sogleich als die schönste in HH. Auch dem bekennenden Mensaverächter erscheint sie, zumindest von außen, als licht und locker eingerichtet.

Ein Novum ist zumindest, daß der Küchenchef ein Chinese ist: Chee Wing Cheong. Also ist täglich auch ein Gericht "Aus der Wokstation" angesagt:
Montag, 10. Dezember: Schweinefleischstreifen mit Paprikastücke (!) ...
Dienstag, 11. Dezember: Zweimal gebratenes Schweinefleisch mit Champignons und Reis
Mittwoch, 12. Dezember: Entenbrust mit Orangensauce, verschiedenen Gemüse (!) und
Basmatireis
Donnerstag, 13. Dezember: Mexikanische Fajita mit Schweinefleischstreifen und
verschiedenen Bohnen in feuriger Sauce
Freitag, 14. Dezember: Thailändische Wokpfanne mit Geflügel und Schweinefleisch-
fleischstreifen und buntem Gemüse, Nudeln
Sonnabend: geschlossen
Ja, immer wieder die köstlichen Schweinefleischstreifen! Unter den übrigen Gerichten in dieser Woche fehlte auch nicht die Currywurst.

Das Geschick der Architekten und ihr Streben nach offener Gestaltung dieser Mensa-Räume verführten dazu, die Mensa zum Foyer des Philturms offenzuhalten. Das war bisher vor allem eine Inhalierzone für die unverbesserlichen Raucher gewesen. Jetzt mischen sich die Wohldüfte der Mensaköstlichkeiten in die Rauchschwaden, aufgehellt gelegentlich durch den Hauch eines Parfüms. Ein wahrhaft hedonistisch anmutendes Duftgemenge entfaltet sich, beschränkte sich zunächst jedoch noch auf das Foyer. Inzwischen füllt es auch die Treppenhäuser und die Fahrstühle. Bald wird es auch die Dienstzimmer erreicht haben. - In diesen kommt gegen soviel Duft nur kräftiges Rauchen an!
 
 
[China - Hamburg]   [ChinaS]   [Schreibtisch-Notizen]   [Chinatexte]
Seitenanfang Hauptseite Suche & Archiv Impressum