Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 13
10. November 2001
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Notizen von einem
nächtlichen Schreibtisch
Deutsche Chinatexte
 
         
 

Ein Seitenblick auf China in Windhuk

Wer im Abstand weniger Wochen so ferne und unterschiedliche Länder wie die Mongolei und Namibia kurz bereiste, neigt dazu, sie trotz ihrer gegenseitigen Ferne zu vergleichen. Tatsächlich ähneln sich diese beiden Länder: menschenleer und viehreich, weithin Steppen und Wüsten, doch schon die Wüsten unterscheiden sich. Während die mongolische Gobi sich bei stundenlangen Jeep-Fahrten vor allem als Steppenwüste darbietet, reihen sich in der Namib-Wüste gewaltige Dünen aus rötlichem, weil eisenhaltigem Sand aneinander, viele dutzend Kilometer. Über sie muß fliegen, wer einen Eindruck von solch grandioser Ödnis gewinnen will, und gemächlich durch den Sand schreiten sollte derjenige, der die verblüffenden Formen der Lebensvielfalt in diesen Sandfernen entdecken möchte: Abenteuerliches ließe sich über solches Leben erzählen - nicht nur in den Wüstenzonen, in denen unterirdische Wasserläufe durch ein oberirdisches Vegetationsband gekennzeichnet werden! Wenn dann die Bäume und Sträucher verdorren, zeigt das, daß das unterirdische Wasser seinen Lauf veränderte. Durch solche Vorgänge sind sogar die Sandgebiete oft nährstoffreich und bieten den seltsamsten Kleinlebewesen Nahrung und Auskommen.

Auch in sinologisch interessanter Hinsicht unterscheiden sich beide Länder: In der Mongolei, sogar in der Hauptstadt Ulan-Bator, ist selten Chinesisches anzutreffen, selbst in Supermärkten nicht: ungeliebt, und zum Zeichen chinesischer Niedertracht erzählen die Mongolen, die Chinesen hätten den Vietnamesen in den Jahren 1977/78 eingeredet, sie benötigten die Schwänze von Wasserbüffeln für ihre Heilkünste: 30 Dollar das Stück. Die Vietnamesen schlachteten emsig, konnten im nächsten Jahr ihre Felder nicht mehr bestellen, eine Hungersnot begann - und die Chinesen unternahmen ihren "Erziehungsfeldzug" vom Jahre 1979. - Eine List ganz im Sinne des Sun-tzu, "Meister Sun", aus dem Altertum und des gegenwärtigen Freiburger Sinologen Harro von Senger!

In Namibia hingegen gelten die Chinesen öffentlich als Freunde, seit die von ihnen einst unterstützte Freiheitsbewegung SWAPO vor zehn Jahren die Herrschaft antrat. In jeder kleinen Stadt existiert neben dem einen oder anderen Restaurant wenigstens ein "China Shop", in welchem meistens jedoch nur die afrikanischen Angestellten gegenwärtig sind. Diese -bescheidenen- Geschäfte liegen selten im Zentrum der Städte, sondern eher an den düsteren Nebenschauplätzen des Geschäfts. So wurden denn auch unlängst bei einem vielbeachteten innerchinesischen Verteilungskampf in der Hauptstadt Windhuk sechs Gelbmänner erschossen. Ihre schwarzen Angestellten behandeln diese kaum freundlicher, und gälten sie nicht als Freunde der SWAPO-Partei, wären ihnen leicht, wie zu vernehmen, rassistische Dünkel anzuhängen.

Viel lichter zeigt sich dem müßigen Flaneur China hingegen im Städtischen Park der Hauptstadt Windhuk: ein von Shanghai gestifteter China-Pavillon, mit der Christuskirche aus deutschen Kolonialzeiten im Hintergrund. Da auch eine Vorortstraße in Windhuk den Namen von Shanghai trägt, ist das wohl eine Partnerstadt, wie Hamburg. Auf gut chinesische Weise nutzen schwarze Müßiggänger diesen Pavillon in den heißen Nachmittagsstunden: Sie dösen im Pavillon vor sich hin, in den seltsamsten Körperhaltungen. Wenigstens in dieser Hinsicht sind sie ihren chinesischen Freunden nicht unähnlich.

In Windhuk wie im ganzen Land erschließen sich dem Reisenden durch Steppen und Wüsten immer wieder auch noch liebenswürdigere Anblicke.

 
 
 

Annäherungen an Konfuzius

« Teil 1, HCN 12
 
 

Weitere Vorbemerkungen

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05 Die sinologische Forschung hat sich angewöhnt, als authentische Quelle zu Leben und Lehre des Konfuzius vor allem das Lun-yü, seine "Gespräche", anzusehen. Die -oft "anekdotische"- Überlieferung jenseits des Lun-yü und beiläufige Konfuzius-Zitate in anderen Quellen scheinen demgegenüber von zweifelhafter Authentizität zu sein. Eine solche Haltung mag als begründet erscheinen. Trotzdem müssen auch diese weiteren und ungemein umfangreichen Überlieferungen zumindestens über eine Authentizität anderer Art verfügen: Sie müssen irgendwelchen und dann benennbaren Zwecken gedient haben, wenn sie auch, wie wohl oft angenommen wird, frei erfunden sein sollten. Vor allem solche Überlieferungen sollen diese "Annäherungen an Konfuzius" allmählich darstellen. Von den Rätseln des Lun-yü wird ohnehin oft genug zu schreiben Anlaß bestehen.

06 Zunächst sind diese Notizen vor allem den "Schülern" und Nachfolgern des Konfuzius gewidmet. In deren Kreis und in ihrer Gefolgschaft dürfte sich allmählich das frühe Konfuzius-Bild entwickelt haben oder entworfen worden sein. Wahrscheinlich stecken hinter nicht wenigen dieser Überlieferungen kühle politische und gesellschaftliche Kalküle.

07 Zum genaueren Verständnis der Überlieferungen über Konfuzius werde ich diesen Notizen gelegentlich kurze Darstellungen zeitgeschichtlicher Hintergründe einfügen. Sie sind unerläßlich für ein genaueres Verständnis dieser Überlieferungen.

08 Immer wieder werde ich auch Texte oder Textsammlungen, in welchen sich Konfuzius-Überlieferungen finden, in einigen Stichworten vorstellen. Als der Berücksichtigung wert sehe ich einstweilen nur solche an, die in Chou- und Han-Zeit entstanden, bis ungefähr zum Jahre 200 n. Chr - immerhin 700 Jahre nach dem Tode des "Meisters". Gelegentlich können auch spätere Zeugnisse jedweder Art berücksichtigt werden, auch Kommentare zu früheren Texten.

09 Ebenso gelegentlich werde ich einige Hinweise auf deutsche Konfuzius-Wahrnehmungen aufnehmen, ältere und gegenwärtige - in all ihren Ernsthaftigkeiten und Verirrungen. Manchmal sollen sie einfach amüsieren.

10 Nicht selten auch werde ich eine Berichtigung, Ergänzung oder Neuinterpretation einer früheren Notiz einfügen müssen. Diese Notizen entstehen schließlich an einem nächtlichen Schreibtisch, an welchem die Arbeiten ganz anderen Regelungen folgen als die am Tage.

11 In der nächsten Folge werde ich einige Erläuterungen zu den verwendeten Texteditionen, zur Zitierweise und zu den dabei verwendeten Abkürzungen geben.

 
 

 

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Die Yüeh-cheng

Die von HFT 50 (siehe "Annäherungen" 2) erwähnte Familie Yüeh-cheng, "Ordner der Musik", führt ihren Namen nicht wie die Ch'i-tiao auf eine Berufsbezeichnung zurück, sondern auf ein Amt. Das Amt eines yüeh-cheng ist in der klassischen Literatur gut bezeugt. Das war nicht ein hohes Amt, doch ein ansehnliches. Wahrscheinlich gab es ein solches an zahlreichen Fürstenhöfen des Alten China.

Auch eine Familie Yüeh-cheng ist verhältnismäßig gut bezeugt, vor allem durch den Text Meng-tzu, "Meister Meng", der dem Konfuzius-Nachfolger Meng K'o (390-305) gewidmet ist. Hier, Meng 5B3, wird ein Yüeh-cheng Ch'iu als Freund des hohen Lu-Würdenträgers Meng Hsien-tzu (+ 554) erwähnt. Der Zusammenhang legt die Vermutung nahe, daß er nicht einen hohen Rang bekleidete. - Der Würdenträgerfamilie Meng in Lu war Konfuzius in mehrfacher Hinsicht verbunden.

Einen zweiten Namensträger, Yüeh-cheng Tzu-ch'un, behandeln mehrere Überlieferungen:
- LSCC 14.1 schildert ein Gespräch mit seinen Schülern über sein Verhalten angesichts einer Fußverletzung, in welchem er das Unversehrtsein des eigenen Körpers zum Gebot der Kindesehrfurcht gegenüber den Eltern erklärt. Er habe das von Tseng-tzu, dem Konfuzius-Schüler Tseng Ts'an (506-436), erfahren. Dieser ganze LSCC-Abschnitt ist Tseng Ts'an und der Kindesehrfurcht gewidmet. TTLC 55.2 und LC 25.36 bieten weitgehend übereinstimmende Versionen dieser Anekdote, FST 4.3 verweist auf sie.
- LC 3.18 zeigt diesen Yüeh-cheng Tzu-ch'un am Krankenlager des Tseng Ts'an, zusammen mit zwei Söhnen von diesem, der auf einer von der Lu-Würdenträgerfamilie Chi-sun geschenkten Matte liegt. Hierauf aufmerksam gemacht, läßt er diese auswechseln und stirbt: offenbar wegen der damit verbundenen Belästigung. - Gegen die Würdenträgerfamilie Chi-sun bzw. Chi werden Konfuzius wiederholt vorbehaltliche Äußerungen zugeschrieben.
- LC 4.73 berichtet, Yüeh-cheng Tzu-ch'un habe beim Tod seiner Mutter fünf Tage lang nichts gegegessen, und schließt eine Ausführung dazu an.

Diese Überlieferungen sind in sich stimmig: Yüeh-cheng Tzu-ch'un als Schüler des Tseng Ts'an, dessen Leitthema die Kindesehrfurcht, "Pietät", gegenüber den Eltern gewesen sein soll. Hierzu paßt wohl auch ein KYC Chao 19 erwähntes Verhalten des Yüeh-cheng Tzu-ch'un bei Krankenbesuchen. - Als Schüler des Tseng Ts'an sollte Yüeh-cheng Tzu-ch'un ungefähr um 410 v. Chr. gelebt haben. Woher wußte wohl T'ao Ch'ien (372-427), wie er in seinem Chi sheng-hsien ch'ün-fu lu andeutet, jener habe mit der Überlieferung des Ch'un-ch'iu von Konfuzius zu tun gehabt?

HFT 23.23 erzählt noch eine Anekdote, nach welcher Yüeh-cheng Tzu-ch'un gegenüber einem Ansinnen eines Fürsten von Lu auf Wahrung seiner Glaubwürdigkeit (hsin) bedacht gewesen sei. Parallelversionen LSCC 9.4 und Hsin-hsü 7.13 schreiben solche Beharrlichkeit jedoch dem bekannteren Liu-hsia Hui zu. Was erklärt solche Umwidmung der Anekdote?

Auch ein dritter Träger dieses Familiennamens gehört deutlich in Konfuzius-Traditionen. Gemeinhin wird er als Yüeh-cheng Tzu bezeichnet, doch eine Selbstbezeichnung mit dem eigenen Rufnamen zeigt, daß er sich K'o nannte, also: Yüeh-cheng K'o. Tzu wäre demnach honorificum: "Meister".

Meng 4A24 und 25 bezeichnen ihn mit diesem honorificum. Meng K'o beklagt sich, daß Yüeh-cheng K'o ihn -in Begleitung eines Würdenträgers nach Ch'i gekommen (aus Lu?)- verspätet aufgesucht habe und daß es in Gesellschaft dieses Würdenträgers nur ums "Fressen und Saufen" gehe - und ob er dafür die "Wege des Altertums studiert" habe? - Aus diesen Vorhaltungen haben die frühen Kommentatoren geschlossen, bei diesem Yüeh-cheng müsse es sich um einen, vielleicht früheren, Schüler des Meng K'o gehandelt haben. Die Verwendung des honorificums tzu scheint diese Ansicht jedoch zu relativieren.
Meng 1B16 erzählt, dieser Meister Yüeh-cheng habe Herzog P'ing von Lu (314-296) geraten, Meng K'o aufzusuchen und darüber auch selbst mit Meng K'o gesprochen. Meng erklärt das Nichtzustandekommen dieses Besuchs als "Schicksal" (t'ien). LH 30/142/5 und FST 7.2 setzen sich später kritisch mit der Argumentation des Meng K'o auseinander.
Meng 6B13 überliefert einen Dialog zwischen Meng K'o und dessen Schüler Kung-sun Ch'ou über die Betrauung des Meisters Yüeh-cheng mit der Regierungsführung in Lu: Allein dessen Liebe zum Guten befähige ihn schon dazu - und Meng kann vor Freude über diese Ernennung nicht schlafen.
In einem weiteren Dialog, Meng 7B25, mit einem Besucher, erkennt Meng K'o dem Meister Yüeh-cheng ebenfalls das Gute (shan) zu, daneben auch Zuverlässigkeit/Glaubwürdigkeit (hsin).

Selbst wenn Yüeh-cheng K'o nicht ein Schüler des Meng K'o war, so stand er den Lehrtraditionen des Konfuzius und des Meng doch wohl nahe. Vielleicht haben Meng-Schüler durch solche Aufzeichnungen nur eine verwandte Lehrtradition für die eigene vereinnahmen wollen. - Dieser Yüeh-cheng K'o müßte um das Jahr 300 v. Chr. gelebt haben. Er fand später sogar einen Verehrungsplatz in den Konfuzius gewidmeten Tempeln.

Noch ein vierter Yüeh-cheng läßt sich in der klassischen Literatur aufspüren: Yüeh-cheng Tzu-yü. Laut Lieh 4.13 verlacht er vor dem Prinzen Mou von Chung-shan dessen Vorliebe für die Sophisterien des Kung-sun Lung (320-250), wobei er auch ausführlich auf den Konfuzius-Nachkommen K'ung Ch'uan (312-260) verweist.

Vielleicht läßt sich gar noch ein fünfter Yüeh-cheng namhaft machen. - SSTC 6.2 zufolge befragt König Hsüan von Ch'i'(342-324) einen Tzu-ch'un über die Kindesehrfurcht. Hierbei möchte man natürlich an Yüeh-cheng Tzu-ch'un denken, aber die Daten passen nicht zusammen. Indes, dieser Tzu-ch'un nennt sich offenbar selbst Wei und führt ein Wort des "Meister Yüeh-cheng" an, des Yüeh-cheng K'o dann wohl wieder. Vielleicht ist irgendeinem Schreiber bloß fehlerhaft der Name des bekannteren Yüeh-cheng Tzu-ch'un in den Pinsel geflossen, und auch hier war ursprünglich nur von einem Yüeh-cheng tzu, "Meister Yüeh-cheng", die Rede.

Wie dem auch sei. - Solche Überlieferungen lassen sich nicht leicht verstehen, doch als sicher erscheint, daß eine Familie Yüeh-cheng für einen Zeitraum von 200 Jahren immer wieder mit Konfuzius-Traditionen zusammengebracht wird - und zwar in einer Weise, hinter der sich tatsächlich eine eigenständige Lehrtradition verbergen könnte, wie HFT 50 nahelegte. Keine Schülerliste verzeichnet allerdings einen Yüeh-cheng als Konfuzius-Schüler. Auffällig ist deshalb, daß diese Bindung bereits zu Zeiten des Meng Hsien-tzu, also im früheren 7. Jahrhundert v. Chr., ihren Ursprung gehabt haben könnte.

6
Auch eine doxographische Notiz?

    Kapitel 16 des Shuo-yüan, "Garten der Sprüche", von Liu Hsiang (um 77 - um 6) überliefert einen rätselhaften Spruch:
In die Stadt namens Sheng-mu
ist Meister Tseng nicht eingezogen,
aus dem Fluß namens Tao-ch'üan
hat Meister K'ung nicht getrunken. -
Sie verabscheuten deren Klang.
Das Shuo-yüan ist eine sogenannte Anekdotensammlung im Umfang von 20 Kapiteln, die thematisch gegliedert ist. Sie enthält Begebenheiten um historische Personen vor allem der Chou-Zeit. Liu Hsiang soll sie aus Materialien zusammengestellt haben, die ihm während seiner Arbeiten bei der Ordnung der Palastbibliothek in die Hände fielen und ihm der gesonderten Überlieferung wert erschienen. Kapitel 16 fällt ein wenig aus dem Rahmen, da es nur über zweihundert Kurztexte -keine Anekdoten, sondern Spruchgut und ähnliches- enthält. Möglicherweise dienten diese Texte, wie das ganze Werk, als eine Art Beispielsammlung für den Gebrauch in der politischen Rede und Argumentation. - Warum hat Konfzuzius aus dem Tao-ch'üan nicht getrunken? Und warum zog Tseng-tzu, "Meister Tseng", nicht in die Stadt Sheng-mu ein? Der erklärende Satz enthält immerhin eine Andeutung.

Dieser Spruch wurde auch in anderen Texten überliefert. Die meisten dieses anderen Versionen läßt das wiedergegebene Exzerpt erkennen (allerdings nicht die interessante Hsin-hsü 7.25). Kapitel 16 der Textsammlung Huai-nan tzu, "Meister Huai-nan", die auf Liu An (um 178 - um 122), den Titularkönig von Huai-nan, zurückgeführt wird, trägt den Titel Shuo-shan, "Gebirge von Argumenten", und ist ganz ähnlich angelegt wie das entsprechende Kapitel Shuo-yüan 16. Hier findet sich eine ausführlichere Version dieses Spruches, die etwas deutlicher formuliert:
Meister Tseng richtete die Pietät auf,
er passierte nicht das Tor von Sheng-mu;
Meister Mo war wider die Musik,
er zog nicht in die Stadt Chao-ko ein;
Meister K'ung richtete die Lauterkeit auf,
er trank nicht aus dem Tao-ch'üan.

Bekanntermaßen gehörte die Pietät, die Kindesehrfurcht gegenüber den Eltern, zu den zentralen Themen des Tseng-tzu, wie denn auch Mo-tzu vehement gegen die Musikübung wetterte - wegen deren Kosten. Der Spruch verbindet also einen Lehrgegenstand des jeweiligen Denkers mit einer bestimmten Verhaltensweise von diesem bei einem bestimmten Ort. Warum das geschieht, macht die Übersetzung dieser Ortsnamen klar: Sheng-mu bedeutet "Bezwing die Mutter", wenn nicht Schlimmeres, und Chao-ko bedeutet "Morgenlied". Es ist klar, daß beide Denker solche Orte mieden. Bei Tao-ch'üan, "Räuberquell", liegen die Dinge nicht ganz so eindeutig. Mehrmals in seinem Leben hatte Konfuzius angeblich in unliebsamer Weise mit Räubern zu tun. Auf solche Überlieferungen mag dieser Teil des Spruches anspielen.

Obwohl dieser Spruch in mehreren Versionen überliefert ist, läßt sich seine Urform wahrscheinlich nicht erschließen. Das liegt unter anderem daran, daß die Version, die der älteste Text überliefert, noch einmal eine andere Form aufweist:
Als Meister K'ung nach "Bezwing die Mutter" kam,
rastete er dort nicht, obwohl es Abend war;
als er den "Räuberquell passierte,
trank er nicht, obwohl ihn dürstete. -
Er verabscheute deren Namen.
Hier ist allein von Konfuzius die Rede. - Diese Version stammt aus dem bereits erwähnten Text Shih-tzu, "Meister Shih". Da dieser in der heute vorliegenden Form aufgrund von Zitaten in der späteren Literatur zusammengestellt wurde, mag natürlich sein, daß er ursprünglich eine andere Version enthielt, die dann durch einen späteren Zitierer etwas ungenau wiedergegeben wurde.

Die klassische Literatur ist voll von solchem Spruchgut, das der Erschließung und Interpretation harrt. Bei diesem Spruch ist ohne weiteres nicht einmal klar, ob er auf irgendwie überlieferte Vorgänge anspielt oder auf hypothetische, in welchem Falle dann im Konjunktiv zu übersetzen wäre. Ebenso undeutlich ist, ob durch diesen Spruch in ernsthafter Weise Lehrpositionen verdeutlicht werden sollten - oder ob nicht doch eine Lästerei dahinter steckt.

7
Die "chinesische" Staatenwelt zu Lebzeiten von Konfuzius

Die Lebenszeit von Konfuzius steht am Ende einer historischen Epoche Chinas, welche die Ch'un-ch'iu-Zeit genannt wird, nach einem Konfuzius zugeschriebenen annalistischen Werk mit dem Titel Ch'un-ch'iu, "Frühling und Herbst", das anhand der Geschichte seines Heimatstaates Lu die Geschichte dieser Staatenwelt vom Jahre 722 bis auf das Jahr 481 in dürren, wiewohl bedeutungsvollen Notizen darstellt.

So etwas wie ein "China" gab es zu Lebenszeiten von Konfuzius nicht. Eine Herrscherdynastie Chou hatte in der Mitte des 11. Jahrhunderts v. Chr. eine einheitliche, "feudalistisch" geprägte politische Ordnung in diesem geographischen Raum durchsetzen wollen. Zu Lebzeiten des Konfuzius war ihr unmittelbares Herrschaftsgebiet (in der Kartenmitte) auf einen unscheinbaren Raum zusammengeschmolzen.

Ihre einstigen "Lehns"- oder "Reichsfürsten", die aus der Sippe der Chou oder verbündeten Sippen stammten, hatten ihre Herrschaftsgebiete auf Kosten der Chou oder kleinerer staatlicher Gebilde ausgeweitet. Die Staaten Ch'i im Osten und Chin im Zentrum hatten sich im 7. Jahrhundert v. Chr. dabei besonders hervorgetan. Die politische Tatkraft legendär herausragender Fürsten hatte beide Staaten nacheinander zu "Hegemonialstaaten" werden lassen, deren Fürsten "im Auftrage" der unbedeutend gewordenen Chou und durch diese legitimiert, für Ordnung im Reiche sorgen sollten.

Lu, der Heimatstaat des Konfuzius, auf der Halbinsel Shantung im Osten gelegen, war zu seiner Zeit politisch unbedeutend. Vielleicht erfreute er sich einer gewissen Wertschätzung deshalb, weil sein erster "Lehnsherr" Tan, Herzog von Chou, gewesen sein soll, ein Sohn des Dynastiegründers König Wen von Chou.

Bedeutend waren zu Konfuzius's Lebzeiten vor allem der Weststaat Ch'in sowie Wu im Südosten und Ch'u im Süden. Alle drei waren den nord- und zentralchinesischen Staaten nicht durch sippen- und ähnliche Bande verbunden oder doch nur dem Anspruch nach, und die Kulturen ihrer Regionen unterschieden sich deutlich von den nordchinesischen. Gemeinsam war ihnen, daß sie ihre politischen und militärischen Interessen auf die sogenannten "Mittellande", im Einzugsgebiet des Gelben Flusses, ausrichteten, also nach einer Herrschaft über das Zentralgebiet der "chinesischen Hochkultur" trachteten.

Bedeutende politische Veränderungen ereigneten sich zu Lebzeiten des Konfuzius in dieser Staatenwelt, die noch zahlreiche auf der Karte nicht verzeichnete Kleinstaaten aufwies. Auf den ersten Blick ist in den Überlieferungen über Konfuziuswenig davon zu spüren, aber auch nur auf den ersten Blick. Nur wenige Überblickskarten zeigen überdies in befriedigender Weise diese Staatenwelt in einer dem unvertrauten Betrachter angemessenen Weise.

china in der chunqiu-zeit

Die hier wiedergegebene Karte zu dieser "Ch'un-ch'iu-Zeit" (722-481) ist dem Werk "Henri Maspero: China in Antiquity" entnommen. Einige Einzelheiten bedürfen vielleicht der Erklärung: Die Grenzen zwischen den Staaten sind nicht eingezeichnet, weil diese eben erst in dieser Zeit großräumig markiert wurden. Die Zahl der "zerstörten Fürstentümer" ist viel größer als eingezeichnet, denn die Ausbildung von Großstaaten wie Ch'i und Chin, auch Wu, Ch'u und Yüeh konnte nur durch die Übernahme kleiner stadtstaatlicher Gebilde geschehen. Ein Vorzug dieser Karte ist, daß sie auch die Einzugsgebiete "barbarischer" nomadischer Völker andeutet, deren Lebensweise sich offenbar von denen in der "chinesischen" Staatenwelt noch einmal unterschied: Ti, Jung, Lai, Yü-yüeh und andere. Deren Siedlungsgebiete und die später als "chinesisch" angesehenen vermischten sich in nicht wenigen Regionen. - "China" war zu Lebzeiten des Konfuzius ganz augenscheinlich keineswegs ein einheitliches "Reich", und die gewohnten Begriffe zur Beschreibung chinesischer Geschichte taugen hierfür nicht.

8
Ein Fund im Antiquariat

Die deutschsprachige Konfuzius-Literatur ist wenig umfangreich. Auch schrieben über ihn eher Laien als Sinologen, deren Zurückhaltung in dieser Hinsicht nachvollziehbar ist.

Unlängst kam mir als Geschenk, in einem Antiquariat aufgestöbert, ein solches Konfuzius-Bändchen auf den Tisch: "Kungfutse. Seine Persönlichkeit und Lehre", ein Reclam-Heft. Erstmals, wohl im Jahre 1930, hatte es ein gewisser Rudolf von Delius (1878 bis 1946) herausgebracht - erklärtermaßen des Chinesischen unkundig.

delius: kungfutse

Die ersten drei Kapitel über Persönlichkeit, Weisheit und Leben des Konfuzius beruhen weitgehend auf Richard Wilhelms heute klassischer Übersetzung des Lun-yü, die schon 1910 erschienen war. Die Darstellungen von Delius muten heute etwas antiquiert an, vor allem, wenn er dann in einem weiteren Kapitel als "Vorgänger, Zeitgenossen, Nachfolger" nur I-ching, Lao-tzu und Meng-tzu einige Betrachtungen widmet. Nachdem er des Konfuzius "Weltstellung" eingeschätzt hatte, macht sich von Delius auf Seite 72 ff. an dessen "Beurteilung". Hieraus wenigstens eine Leseprobe:

"So betont Kungtse am Menschen das Geistige zu einseitig. Gewiß war das wohl zunächst notwendig, aber jetzt brauchen wir auch die volle Anerkennung der Sinnenwelt und ihre harmonische Einfügung in den Geist. Und die Frau ist in Kungtses Ethik überhaupt noch nicht selbständig sichtbar, wir wissen heute, daß sie eine Gegenwelt zur Männerwelt bedeutet und dort nach einem eigenen Gipfel strebt."

Bemerkenswert an diesem Heft ist etwas ganz anderes: 1948, bald nach dem Zweiten Weltkrieg, wurde es neu aufgelegt, unter "Nachrichtenkontrolle der Militärregierung - und zwar in einer stattlichen Auflage von 20.000 Exemplaren. Nach jenen "tausend Jahren" begann Deutschland erst allmählich wieder, Blicke auf fremde Kulturen zu richten. - Selbst in der verdienstvollen Bibliographie von H. Vittinghoff zur chinesischen Philosophie fehlt dieses Bändchen.

Der in Lun-yü 12.7 überlieferte Stoßseufzer des Konfuzius, er habe schon lange nicht mehr den Herzog von Chou im Traum erblickt, hat chinesische Literaten immer wieder zu Persiflagen angeregt. Eine frühe überliefert das Hou-Han shu, "Buch der Späteren Han", von Fan Ye (398-445) in Kapitel 80:

Als der namhafte Literat und Gelehrte Pien Shao (um 147), der auch Pien Hsiao-hsien hieß und für seine Schlagfertigkeit gerühmt wurde, einmal am hellichten Tage eingenickt war, spottete ein Schüler in Versform:

Hat Pien Hsiao-hsien sich etwa
den Bauch zu vollgeschlagen?
Oder ist er zu faul, um Bücher zu lesen,
und döst nur vor sich hin?
Pien Shao, der diese Frechheit mitbekommen hatte, antwortete mit einem Stegreifgedicht:
Pien ist sein Familienname,
und Hsiao heißt er als Mann,
Voll ist sein Bauch nur deshalb,
weil die Fünf Klassiker darin sind,
und wenn er einmal vor sich hindöst,
denkt er über diese nach.

In Schlaf und Traum ist er dem Herzog von Chou verbunden,
mit Meister K'ung in aller Stille eines Sinnes.
In welchem Statut ist wohl verzeichnet,
daß man seinen Lehrer verspotten dürfte?
Zur Erklärung sollte hinzugefügt werden, daß im Alten China der Bauch als Sitz des Erinnerungsvermögens galt. Deshalb hatte Pien Shao die Klassiker in eben diesem und nicht im Kopf.

(wird fortgesetzt)

» Teil 3, HCN 14

 
 
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