Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 13
10. November 2001
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte Deutsche Chinatexte
 
         
 

Auch das sind deutsche Chinatexte!

Die deutschen China-Texte dieser Folge unterscheiden sich von denen in den bisherigen Folgen. Wie beinahe alle Texte in dieser Folge 13 hängen sie in irgendeiner Weise mit einem perönlichen Datum zusammen, dem 09.09. Viele Zuschriften erreichten mich bei dieser Gelegenheit, doch wenigstens vier davon möchte ich auch einem größeren Publikum als meinen zwei Augen bekannt machen. Da ich nicht weiß, ob die Autorinnen/Autoren mit dieser Veröffentlichung einverstanden sind, nenne ich nur ihre Initialen. Manche Eingeweihten werden sie auch so erkennen. - Ganz unterschiedliche literarische Gattungen sind in diesen vier Aufzeichnungen vertreten, und freudvoll ist zu sehen, daß sinologische Freizeitbeschäftigungen immer wieder auch der Literatur gelten - jenseits der Interessen, die gemeinhin die Alltage bestimmen. - K.N. und C.W. übersetzten:


Zhang Dai (1597 bis ca. 1676)
Schnee am Pavillon im Herzen des Sees

Als ich mich im zwölften Monat des fünften Jahres Chongzhen (1632) am Westsee aufhielt, schneite es drei Tage lang ununterbrochen. Keine menschliche Stimme und kein Vogellaut waren auf dem See zu hören.

Zu jener Zeit, in tiefer, stiller Nacht, ließ ich ein Boot bereitmachen, versah mich mit Pelzwerk und Kohleofen und fuhr ohne Gesellschaft zum Pavillon im Herzen des Sees hinaus, um den Schnee zu betrachten. Ringsumher breitete sich Eisnebel aus, und Himmel und Wolken und Berge und Wasser lagen in reinstem Weiß. Auf dem See sah man nichts als schemenhaft die Scharte des langen Dammes, daneben einen Tupfer, den Pavillon, dazu mein Boot wie ein Senfkorn und einige Stäubchen: die Menschen darin.

Am Pavillon angelangt, traf ich zwei Männer, die auf Filzmatten beisammensaßen; gerade siedete das Wasser, in dem ein Dienerknabe den Wein erwärmte. Sie sahen mich und riefen freudig überrascht: "Daß es auf dem See noch jemanden wie uns gibt!" und luden mich zum Trinken ein. Ich war genötigt, drei große Becher zu leeren, bevor ich mich verabschieden konnte. Dabei erfuhr ich, daß es Reisende aus Nanjing waren.

Als ich zum Boot zurückkam, hörte ich den Bootsjungen brummeln: "Nicht genug, daß der Herr verrückt ist - er findet auch noch andere, die ebenso verrückt sind wie er.
Dieses Übersetzerpaar wies zusätzlich auf einige "hessische Chinawinkel" hin, die ich bisher nicht kannte: Weilburg an der Lahn, das Steinauer Schloß. Beinahe allerorten in Deutschland scheint China zu sein, und vielleicht breche ich im nächsten Jahr einmal nach Weilburg auf. - Als ich dereinst mit dem Zug durch Würzburg gefahren war, entdeckte ich im Vorüberfahren das Ortsschild "Veitshöchheim". Sogleich fiel mir ein Gedicht von Günter Eich mit dem Titel "Im Park von Veitshöchheim" ein. Es war mir im Gedächtnis haften geblieben, obwohl ich nicht wußte, wo dieser Ort lag. Ich verließ den Zug bei der nächsten Gelegenheit, und dieser wohlgepflegte Park von Veitshöchheim bot sich als ein geheimnisvoller Chinagarten dar, in welchem chinesische Elemente mit anderem aus der alten Gartenbaukunst eine wundersame Mischung eingegangen waren.

 

Einer anderen Zusendung, von C.B., entnahm ich ein kleines Heft mit dem Titel "Chinesischer Zyklus (1991)". Die in ihm enthaltenen -deutschen- Gedichte sind deutlich von Vorstellungen aus der chinesischen Kultur inspiriert. Die Bizarrheit mancher Versverbindungen und deren Lakonie erinnern ebenfalls an den großen Günter Eich, der viele chinesiche Gedichte übersetzte und durch manche von deren Eigenheiten die eigene Dichtungssprache bereicherte, vor allem in den späten "Maulwürfen". Ein Gedicht aus diesem C.B.-Zyklus lautet:

acht

im Osten regiert der grüne Drache
weit, weit hinter dem Meer
wo die Inseln
der Unsterblichkeit liegen
Fische finden vereinzelt dorthin
doch nie hat ein Schaf
mit ihnen gesprochen

selbst Flöße aus grünendem Holz
sind nicht geeignet
um dorthin zu gelangen
der unsterbliche Sonnenschein
läßt sie kurz nach ihrem Ablegen
aus den östlichen Häfen verdörren
wie leichte Schuppen werden sie treiben

diejenigen
die auf den Feldern bleiben
den keimenden Weizen und
die Frühlingsluft
schnuppern und riechen
werden sich treffen
mit Freude und Wohlwollen

nur ganz leicht
kaum spürbar
stößt es ihnen sauer auf
wenn sie an andere Zeiten denken

Jupiter, der mächtigste
unter den Planeten
läßt zuweilen seine Muskeln
aus Stein spielen
bis sie zu Holz
für die Flöße werden



Eine weitere Form der Annäherung an Chinesisches zeigt ein dritter Text - zwei Gedichte in traditionellem chinesischem Stil, jedoch von einer Deutschen (H.S.) verfaßt, und unbefangen darf ich erklären, daß sie die mir liebste Jungsinologin ist:

zeng duntian xiansheng er shou (di yi)

zeng duntian xiansheng er shou (di er)


In einem kurzen Selbstkommentar erläutert die Verfasserin eine auf den ersten Blick schwer verständliche Wendung im zweiten Gedicht. Für den Uneingeweihten sollte zusätzlich erläutert werden, daß sich hinter dem im letzten Vers erwähnten Gewächs wahrscheinlich die berühmt-berüchtigte "Sinopalme" verbirgt. Unschwer hingegen ist unter dem im ersten Vers dieses Gedichts genannten Bauwerk der "Philosophenturm" der Uni HH zu erkennen.

Trotz manch zutreffender Anspielung muß ich in Abrede stellen, daß mit der im Haupttitel genannten Person die meine gemeint sein könnte. Obwohl mir ungefähr ein Dutzend chinesischer Formen meines Namens bekannt sind, findet diese sich nicht unter ihnen. Benutzen tue ich allein die Form Ssu-t'u Han, die mir Chao Jung-lang und Kuan Yü-ch'ien, die gelehrten Lektoren des ChinaS, zu Beginn der 1980er Jahre nach längerer Beratung gewidmet hatten.


Noch ein Gedicht, von T.W., soll folgen, obwohl auf den ersten Blick nichts in seinen Versen an China erinnert:

Blick aus der Bib
oder: Gelegenheitsgedicht


Die Nebelsuppe ist so dicht,
das Radisson, das sieht man nicht.

Dies stellt man fest und denkt: Nicht übel!
und blättert in der Luther-Bibel,

doch bei den nächsten Fluchtgedanken,
die sich vom Buch ans Fenster ranken,

bringt der Blick, den es nach draußen zieht,
nicht gerade Balsam für's Gemüt,

denn wo die Sonne gestern strahlte
und Gold auf Stein und Kupfer malte,

da ist heut nichts zu sehn als Dunst,
auch noch ein Stück Graffiti-Kunst,

die auf der nächstgebauten Wand
'ne Plattform für Abstraktes fand.

Bei diesem Anblick denkt man sich:
So schlecht ist dieser Nebel nicht.

Doch reicht -scheint's!- Petrus Wetterwillen
nicht, um die Stabi zu verhüllen,

auch nicht den Wirtschafts-Plattenbau,
(der Architekt war eine Sau.)

Da findet man, im Philturm sitzend
und seinen stumpfen Bleistift spitzend:

Wie gut, daß ich zum Überfluß
Nicht noch den Philturm sehen muß.

Ein Zusammenhang mit China ergibt sich erst dadurch, daß die "Bib" eben die Bibliothek der ChinA ist. Sie mutet in diesen Tagen wegen neuerlicher Bauarbeiten noch trostloser an als geschildert.

Auf solche Weise vertreiben sich dort also die Sino-Studis die Zeit, während der neugierig Umschau haltende Blick des Profs sie bei emsiger Lektüre wähnt! Immerhin kann es sich bei der erwähnten Luther-Bibel nur um eine chinesischsprachige Bibelversion gehandelt haben, und die Verfasserin hat trotz solch moroser Zeitvertreibungen in diesen Tagen, in welchen ich diese Notizen schrieb, ihre Magisterarbeit eingereicht. Hoffentlich ist ihr darüber die Reimlust nicht ganz vergangen.

 
 
 

Auch ein Totengedenken


  Die Zeit der christlichen Totenfeste ist gekommen. Das ist auch die hohe Zeit für die leidenschaftlichen Friedhofsflaneure - zum Beispiel für den Bonner Kollegen Wolfgang Kubin, der solche Trübsalsgänge mehrmals beschrieb. Die Herbststimmungen vieler chinesischer Gedichte, die vergehenden Farben des Herbstes und die eigene Melancholie verbinden sich in solchen Augenblicken zu seltener Eintracht von Seele, Gemüt und der Außenwelt.

Der Berichterstatter ist einer von diesen Friedhofsgängern: Auf Dorffriedhöfen lassen sich ganze Ortsgeschichten bei Betrachtung der Grabsteine vorstellen, auf den städtischeren finden sich Gedenksteine, die auf manches Lebensdrama hindeuten. Immer wieder kommt ihm dabei in den müßig -und nur mäßig traurig gestimmten- Sinn, welche Fülle von Alltagssoziologien sich in Zusammenhang mit dem gegenwärtigen Totenkult schreiben ließen.

Im letzten Jahrfünft zeigte sich zum Beispiel eine Tendenz, die Grabsteine in bizarren Formen zu gestalten. Wahrscheinlich wäre diese Tendenz noch ausgeprägter sichtbar, wenn ihr nicht die strengen Bestimmungen der Friedhofsverwaltungen entgegenstünden. Da jetzt für ihn leider keine Zeit für solche Spaziergänge ist, behilft er sich mit einem Blick in alte Zeitungsschnipsel.

Zu den verkannten und unbekannten literarischen Gattungen müssen die Todesanzeigen gezählt werden - die brieflich versandten und die in Tageszeitungen veröffentlichten. Schon vor längerer Zeit hielt in diese auch Chinesisches Einzug. Vor allem sind das passende Zitate, dem Geist des Konfuzius und des Lao-tzu zugeschrieben. Dabei ist die Herkunft eines solchen Zitats dem Anschein nach manchmal das Blatt eines Küchenkalenders. In anderen Fällen mag sich dahinter auch ein tieferes Bemühen um das Verständnis dieser "Meister" verbergen, wobei dann auch das eine oder andere durcheinander gerät - so, wenn plötzlich der alte Laotse den Schmetterlingstraum erlebt haben soll. Verzeihen wir das den Leidtragenden! Ein persönliches Geheimnis deutet sich auch an, wenn ein Gedicht der Schriftstellerin Bing Xin zitiert wird - und was verbirgt sich dahinter, wenn das Symbol von Yin und Yang eine solche Anzeige ziert? Auch diesen Menschen muß irgendetwas von China viel bedeutet haben, ohne daß sich das genauer erfahren ließe. Ihnen allen möge ein Gedenken gelten.

Eine Todesanzeige ganz anderer Art galt dem einstmals berühmten "China-Terminal" im Hamburger Hafen: eine sarkastische. Wie gesagt, solche Todesanzeigen sind eine verkannte literarische Gattung. Eine "alltagssoziologische" Studie würde viel Interessantes zutage bringen, auch Aufschlußreiches über Eigenheiten unserer Gesellschaft. Hierfür sind diese beiläufigen Notizen jedoch nicht der angemessene Ort. Dem "China-Terminal" werden sie im Jahre 2003 jedoch bestimmt einen ausführlichen Nachruf widmen.

china-terminal

 
 
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