Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 13
10. November 2001
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst ChinaS
jetzt und einst
Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
         
 

Von Postkarten, Briefen und anderen Autographen

Auf Seite 1 des "Hamburger Abendblatts" rühmte am 16. Oktober der Journalist Hans-Juergen Funk die Freuden des Empfanges von Briefen. Was wußte er alles an ihnen zu genießen! Indes, er dachte bei dieser Hymne vor allem an die einst von einer Sybille abgesandten Episteln. So hatte es sein Kontrahent, ein gewisser Peter Schmachthagen, eine Woche darauf und an gleicher Stelle nicht schwer, über solche Brieffreuden zu lästern und stattdessen die praktischeren, nicht selten auch zudringlicheren e-mails zu preisen. Die erste dieser Versendungen ging vor nunmehr dreißig Jahren auf die Reise ging, und Schmachthagen verzichtete zu gerne auf den Pfefferminzgeschmack beim Briefmarkenlecken.

Aus gegebenem Anlaß erhielt auch der Berichterstatter unlängst eine Reihe von Briefen. Wahrlich, er könnte danach zu deren Lobpreis eine Menge beitragen! Mag sein, daß diese Form der Kommunikation allmählich vergeht. Er wird das noch im Jenseits bedauern, doch sich zugleich der erhaltenen erinnern - an die Handschriften denken, die Papiere, die Umschläge mit ihren Frankierungen und Stempeln, an manche Beilagen auch und im Stillen an die Inhalte.

Noch vor den Briefen werden vermutlich die verlästerten Ansichtskarten untergehen. Gelästert wurde über sie schon bald, nachdem im Jahre 1870 die ersten auf den Weg gebracht wurden, und oft zu Recht. In Abermillionen von Exemplaren kreisten seither diese Pappscheiben, mit den unterschiedlichsten Bildern versehen und auf der Rückseite mit wenigen Schriftzügen vollgekritzelt, jahrzehntelang in ununterbrochenen Schwärmen um die Welt - mit Alltagsmitteilungen oder Urlaubsgrüßen irgendeiner Tante Frieda. Und trotzdem - jede von ihnen vermittelt einige Augenblicke persönlicher Nähe und des Bedachts: Zunächst ist ein Motiv auszuwählen - und nur wenige routinierte Kartenschreiber bringen es über sich, für alle zwanzig zugedachten Urlaubsgrüße das gleiche Motiv zu nutzen, wie denn auch nur die Abgebrühtesten unter ihnen den gleichen Gruß zwanzig Male wiederholen. Sodann ist immer noch die Briefmarke zu erstehen und zu lecken und ein Weg zum Briefkasten zu finden. Da summiert sich einiges.

Ungefähr eine Viertelstunde persönlicher Aufmerksamkeit steckt noch, alles in allem genommen, hinter dem flüchtigsten Urlaubsgruß. Bei den besonders gestalteten Postkarten liegt der Aufwand noch weit höher.

Ein ganzes Buch zum Lobe der Ansichtskarten ließe sich schreiben und hervorragend illustrieren. Museen, zum Beispiel das in Altona, haben ihnen ganze Ausstellungen gewidmet; die seltsamen Philatelisten sammeln Besonderheiten als "Ganzsachen", wie auch die Briefumschläge, nach diversen Kriterien; nicht wenige Flohhändler auf den entsprechenden Märkten leben von deren Verkauf zu oft horrenden Preisen, und die elitären Autographenhändler machen dort immer wieder ein Schnäppchen, widmen allerdings Briefen und anderen Handschriftlichkeiten, auch schon Scheibmaschinen-Tippereien mehr Aufmerksamkeit. Ein nicht gering zu schätzender Vorzug der Ansichtskarten ist überdies, daß sie jedenfalls mit der Hand verfaßt werden müssen. - Nach einigen Jahrzehnten werden auch Ansichtskarten von heute auf Flohmärkten oder im Museum landen, wenn sie nicht zuvor in einem Papiercontainer landeten. Nicht heute läßt sich schon beurteilen, ob nicht solch eine Beiläufigkeit dereinst den Rang eines kleinen historischen Dokuments gewinnt.

Einige tausend an ihn gerichteter Ansichtskarten hat der Berichterstatter und solchermaßen erklärter Liebhaber dieser meist bunten beschriebenen Pappen bewahrt: eine unglaubliche Fülle von Bildern und Schriften und sonstigen Eigenheiten. Jetzt im September sind noch einige Neuheiten hinzugekommen. Was einmal aus ihnen wird? Gegenwärtig sind das vor allem auch Viertelstunden, die irgendjemand ihm zugedacht hatte. Wenn das nicht ein Schatz ist!

 
 
 

Ein kleines Zeichen

In den ersten Oktoberwochen zelebrieren die Repräsentanten der "beiden China" in Hamburg, der Volksrepublik und der Republik auf Taiwan, jeweils ihre Staatsjubiläen: am 1. Oktober beziehungsweise am 10. Oktober. Die Empfänge aus diesem Anlaß sind stets bedeutende gesellschaftliche Anlässe, und nur manchen mag wundern, daß die Taiwan-Empfänge nicht weniger glanzvoll anzusehen sind als die der großmächtigen VR. Beide ähneln sich Jahr für Jahr - und wie sollte das auch anders sein?

In diesem Jahr 2001 war jedoch eine winzigkleine, aber gravierende protokollarische Änderung bei dem Empfang der Republik China auf Taiwan zu bemerken. Weil sie so unauffällig ist, sei hier eigens auf sie hingewiesen:

Der Präsident des Taipei-Freundeskreises "Bambusrunde" lädt nicht mehr, wie bisher, neben der Generaldirektorin zu diesem Empfang ein, sondern diese tut das allein. Dieser Verzicht auf solch eine deutsche, vermittelnde, Mitwirkung deutet an, daß sich die Republik China auf Taiwan in der politischen Öffentlichkeit Hamburgs anders darstellt als früher - und vielleicht auch mit anderen Augen betrachtet wird.





Noch in der 1980er Jahren wäre undenkbar gewesen, daß Hamburger Regierungspolitiker oder auch nur Repräsentanten Hamburger Hochschulen in öffentlich wahrnehmbarer Weise mit den jeweiligen Taiwan-Repräsentanten in HH zusammengetroffen wären. Ganz allmählich löste sich solche Verkrampfung, die auf Vorgaben des Auswärtigen Amtes beruhte. Die Bürgerschaftspräsidentinnen Kiausch und Roth machten einen Anfang, als sie nach Taiwan flogen oder auf einem dieser Jahresempfänge eine Ansprache hielten. Andere, vor allem die Bürgermeister Voscherau und Runde, setzten das fort und verbanden einen Ausflug nach Taiwan sogar mit einer Besuchsreise in die VR China. Hierbei waren jedoch protokollarische Notwendigkeiten zu beachten: In der VR hatte der Erste Bürgermeister noch die Leitung der Delegation innegehabt, beim Anflug auf Taiwan mußte er diese an den Präses der Handelskammer abgeben.

Nicht nur der wirtschaftliche Erfolg Taiwans führte zu solchen entspannteren Verhaltensformen der HH-Politiker gegenüber Taiwan. Die Demokratisierung dort hat ihren gehörigen Anteil daran, nicht zuletzt aber das in jeder Hinsicht umsichtige Agieren der Hamburger Taipei-Repräsentanten in der Öffentlichkeit. - Die Veränderung des Einladungstextes zum Nationalfeiertag darf also aus Ausdruck gewandelter Gegebenheiten gelten.

Das zeigt auch eine kleine Begebenheit, die sich, wie zu hören, vor wenigen Monaten ereignete: Der VR-Generalkonsul kam in seinem Dienstwagen an dem Hotel "Interconti" vorüber und sah dort -hoffentlich nur mäßig schockiert- die Fahne der Republik China aufgezogen: Ein Vizeminister von dort war abgestiegen. Pflichtschuldig erhob er Protest, doch der Hotelmanager beschied ihn kühl: Er sei Hoteldirektor, nicht Politiker, und könne Flaggen hissen, wie ihm wohl sei. Offenbar unterhält die Hotelkette des "Interconti" Dependancen auf Taiwan, aber noch nicht auf dem Festland.

Die ChinA pflegt zu beiden Vertretungen gleichermaßen ausgezeichnete und förderliche Beziehungen, denn um politische "Vorgaben" braucht sie sich ebenfalls nicht zu kümmern. Auch ganz unmittelbar nimmt sie jedoch unterschiedliche Verhaltensweisen der Vertretungen "beider China" wahr: Die Taiwan-Vertretung stellt unbefangen Studierende und Absolventen der ChinA als Mitarbeiterinnnen ein - undenkbar wohl beim Generalkonsulat. Und Generaldirektorin Agnes Hwa-yue Chen von der Taiwan-Vertretung wurde unlängst, wie zu vernehmen, auch Mitglied der Hamburger Sinologischen Gesellschaft (HSG). Das immerhin wäre bei den Konsuln und Generalkonsuln der VR nicht ganz so unvorstellbar, denn immer wieder und beinahe regelmäßig besuchen sie HSG-Veranstaltungen.

 
 
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