Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 13
10. November 2001
China-Hamburg jetzt und einst China-Hamburg
jetzt und einst
ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
         
 

Ein vergessenes Jubiläum

Wenigstens nachträglich soll hier der hundertsten Wiederkehr eines Ereignisses gedacht werden, das wie alle Vorgänge im Zusammenhang mit dem sogenannten Boxeraufstand des Jahres 1900 nicht zu den rühmlichsten in der Geschichte der deutsch-chinesischen Beziehungen zählt: der Deutschland-Besuch des "Sühneprinzen" im September 1901. Auf eine solche Entschuldigungsmission hatte die deutsche Seite bei den Regelungen nach Niederschlagung des Aufstandes besonderen Wert gelegt. Sie sollte unter anderem der Entschuldigung für die Ermordung des Freiherrn von Ketteler, des deutschen Gesandten in Peking, gelten. Diesem Besuch war ein langes Gerangel um die bei dieser Gelegenheit abzugebenden Erklärungen und vor allem das dazugehörige Protokoll vorausgegangen, das wochenlang die deutsche Presse beschäftigt hatte. Teil dieses Hin und Her war auch eine angebliche Erkrankung des Prinzen, die zu einer kurzfristigen Verzögerung seines Besuchs führte. Am 4. September war es dann so weit, und die "Hamburger Nachrichten" konnten unter der Überschrift "Zum Empfange des Prinzen Tschun", wie er damals genannt wurde, berichten:

"Gestern Nachmittag ist der 'Sühneprinz' vom Kaiser im Neuen Palais empfangen worden, Die Aeußerlichkeiten dieses Empfanges und die dabei ausgetauschten Reden sind bereits in der gestrigen Abendausgabe der 'Hamb. Nachr.' mitgetheilt worden. Die sehr matte Ansprache des Prinzen Tschun enthält keine einzige Bemerkung, die zu irgendeinem Commentar Veranlassung geben könnte. Daß sein kaiserlicher Bruder den Wirren ferngestanden hat, wissen wir schon lange, denn bekanntlich ist die Kaiserin-Mutter die Hauptschuldige, in deren Händen der arme Bogdochan eine willenlose Puppe war. Umso energischer klang die Antwort unseres Kaisers, der auf diesen Punkt mit erfreulicher Deutlichkeit hinwies, indem er sagte:
'Aus Eurer Kaiserlichen Hoheit Munde habe ich soeben den Ausdruck aufrichtigen tiefen Bedauerns des Kaisers von China über das Vorkommniß vernommen, und ich will gern glauben, daß Eurer Kaiserlichen Hoheit Kaiserlicher Bruder persönlich dem Verbrechen und den weiteren Gewaltthaten gegen unverletzliche Gesandtschaften und friedliche Fremde fern gestanden hat. Umso schwerere Schuld trifft seine Rathgeber und seine Regierung. Diese mögen sich nicht darüber täuschen, daß ihnen Entsühnung und Verzeihung für ihr Verschulden nicht durch eine Sühnegesandtschaft allein ausgewirkt werden kann, sondern nur durch ihr späteres Verhalten gemäß den Vorschriften des Völkerrechts und der Sitte civilisirter Nationen.'
Diesen Worten Kaiser Wilhelms wird man überall mit Genugtuung zustimmen; es wäre nur zu wünschen, daß sie auch in China selbst bekannt würden, was wir allerdings sehr stark bezweifeln müssen. Der Empfang, an dem als Vertreter des Auswärtigen Amts Frh. v. Richthofen beiwohnte, nahm sonst den üblichen Verlauf. Aeußerlich wurde der vollzogene Sühneact dadurch markirt, daß Prinz Tschun nach dem Empfange die vorher fehlende Ehrenescorte erhielt. Damit hat denn auch diese Episode unserer China-Expedition ihr Ende erreicht.
Zum Empfange selbst wird noch weiter berichtet:
Berlin, den 4. September. Als der Prinz kurz vor 12 Uhr vor dem Neuen Palais vorfuhr, erwies die Compagnie keinerlei Honneur, stand vielmehr unter "Rührt Euch", ohne den Prinzen zu beachten, ebensowenig grüßten die Offiziere. Prinz Tschun, dessen besorgte Mienen auffielen, ging raschen Schrittes in das Palais. Nachdem er hier an den martialischen Gestalten der Schloßgardisten vorüber war, blieb sein Gefolge zurück; nur unter Begleitung des chinesischen Botschafters betrat er den Muschelsaal. Hier hatte Kaiser Wilhelm auf dem Thron Platz genommen. Der Monarch war ernst, fast streng; er trug den weißen Koller des Garde du Corps mit den Abzeichen tiefer Trauer, auf dem Haupte den Stahlhelm. Um den Thron waren die befohlenen Herren gruppirt. Als Prinz Tschun den Saal betrat, winkte ihm Kaiser Wilhelm, der sich nicht erhob, kurz mit der Hand. Der Prinz näherte sich nunmehr unter dreimaliger Verbeugung dem Thron und las daraufhin in chinesischer Sprache nicht ohne Anzeichen innerer Erregung den Brief des Kaisers von China vor. Der Kaiser schien in seiner Antwort besonderen Nachdruck auf das Wort c i v i l i s i r t e Völker zu legen. Der Kaiser Wilhelm war während des ganzen Actes sitzen geblieben. Der Prinz verließ rückwärtsschreitend unter drei Verbeugungen den Saal. Von nun an wurde der Prinz, wie schon erwähnt, als solcher behandelt. Im Orangeriegebäude angekommen, kleidete sich Prinz Tschun um, machte eine Spazierfahrt durch den Park von Sanscouci und die Stadt Potsdam. Morgen (Donnerstag) ist der Prinz zur Frühstückstafel geladen und wird vorher der Kaiserin vorgestellt werden."



Die amtlichen Fotos (Abb. nach "Berlin und China", Colloquium Verlag Berlin 1987) geben diese Vergnügungen nicht wieder, sondern nur das festgelegte Zeremoniell. - Viel weniger zufrieden mit dem Ablauf dieser Audienz zeigte sich das "Hamburger Fremdenblatt" vom 6. September 1901, unter der Überschrift "Die Sühne":

"Mit dem gestrigen Empfange des Prinzen Tschun durch den Kaiser hat die Aufgabe der Sühnemission ihre Erledigung gefunden, und damit ist eine Angelegenheit aus der Welt geschafft, die so über Gebühr Staub aufgewirbelt hat, obleich ihr p r a k t i s c h e s Ergebniß für die Gestaltung der Dinge in China gleich Null ist. Der größte Teil der deutschen Presse verzeichnet die gestrige Begebenheit mit t i e f e r B e f r i e d i g u n g und geberdet sich, als ob die deutsche Politik einen großen Erfolg in der ganzen Angelegenheit errungen hat. Wir vermögen uns dieser allgemeinen Meinung nicht anzuschließen. Daß schließlich die Ceremonie in der von den Chinesen gewünschten Weise stattgefunden hat, daß auf den anfangs von deutscher Seite geforderten Kotau verzichtet werden mußte, wollen wir noch nicht einmal hoch anrechnen. Und gar so demüthig ist die Ceremonie für den Prinzen Tschun auch nicht gewesen. Es wird in den Berichten zwar als etwas Besonderes hervorgehoben, daß die Antwort des Kaisers auf die Rede des Prinzen sitzend erfolgt sei. Aber dieser Formalität einen so großen Werth beizulegen, scheint doch wohl zu weit gehend. Thatsache ist, daß die Chinesen nicht um 'Verzeihung' gebeten haben. Das Wort Verzeihung ist sorgfältig vermieden worden. Es ist in der Rede Tschun's nur von der 'Aufrichtigkeit des Bedauerns' über die Ermordung Ketteler's die Rede. Es wird abzuwarten sein, ob die chinesische Regierung der Aufforderung des deutschen Kaisers nachkommen wird, 'Entsühnung und Verzeihung' zu erlangen durch ihr späteres Verhalten. Bis jetzt hat sie derartige Gesinnungen nicht zur Schau getragen. Wenn der Kaiser von China in seinem Schreiben für die Förderung und Schaffung des Friedens durch die deutschen Truppen dankt, so weiß Jeder und er selbst am besten, wie viel diese Höflichkeitsphrase werth ist zu einer Zeit, wo die Provinz Tschili wieder in hellem Aufruhr steht und neue Christenmorde vorgekommen sind. Immerhin ist die ganze unleidliche Misere wenigstens jetzt beendigt und Das hinterläßt schließlich auch in Dem ein Gefühl der Befriedigung, der für die äußere Inscenesetzung der ganzen Sühnekomödie keinen Sinn hat.
Die gestern unter den Telegrammen nicht mitgeteilte Antwort des Kaisers auf die Ansprache des Prinz Tschunen (sic) lautet: (...)

Daß dem Prinzen beim Verlassen des Palais sofort militärische Ehrenbezeugungen erwiesen wurden, daß er einen Gegenbesuch des Kaisers empfing, daß der Kaiser beabsichtigt, mit dem Prinzen und seinem Gefolge eine Dampferpartie zu machen und daß Prinz Tschun heute bei den Majestäten zum Frühstück eingeladen ist - das ist schließlich derjenige Ausgang der Sühmemission, der am wenigsten Wunder zu nehmen braucht, da er nur allzusehr dem Zuge der Zeit entspricht."

Was das "Fremdenblatt" wohl unter diesem "Zuge der Zeit" verstand? Wie ersichtlich, klangen die Hamburger Stimmen zu China nicht immer freundlich. Dem offiziellen Programm schloß sich dann ein buntes Gemisch aus Besichtigungen und Essen an, so am 09.09.1901 abends ein "Herrendiner" bei Ferdinand von Richthofen, dem Chinakenner. Die Neugier der Berliner machte das Besichtigungsprogramm beinahe zu einem öffentlichen Spektakel.

Nicht alle in Deutschland zeigten sich als solche Haudraufs wie die HH-Journalisten. Anläßlich des "krankheitshalber" erfolgten Aufschubs der Prinzenaufwartung beim Kaiser dichtete Peter Schlemihl in dem Lästerblatt "Simplicissimus":
	                   Alles war schon hergerichtet
	                   und verteilt war jede Rolle.
	                   Jeder wußte schon bei Hofe,
	                   wie er sich benehmen solle.
	                   Und das war durchaus nicht leicht.
	                   Denn zum letzten Male waren
	                   -Glaub' ich- bei dem Großen Kurfürst
	                   Die Gesandten der Tartaren.
	
	                   Niemand lebte, der es wußte,
	                   Wie man damals sich verbeugte,
	                   Und den gelben Schweinepriestern
	                   Seinerseits Respekt bezeugte.   
	                   Sehr verwickelt war der Fall,
	                   Und man mußte viel studieren.
	                   Denn man wollte den Chinesen
	                   Nebenbei auch imponieren.
	
	                   Endlich war man sich im Reinen,
	                   Fix und fertig war die Bühne.
	                   Klingeling! Der Vorhang hebt sich,
	                   Es beginnt das Fest der Sühne!
	                   Autsch! Wir sind gewickelt schief.
	                   Wegen Heiserkeit des Helden
	                   sind wir leider heut' genötigt,
	                   Das Theater abzumelden.
							
Eine umfassende Untersuchung deutscher Verlautbarungen zu dieser "Sühnemission" wäre wünschenswert. - Dieser Prinz Tschun, sonst bekannter unter dem Namen Tsai-feng, war übrigens der Vater des kleinen Knaben P'u-i, der in den letzten drei Jahren des chinesischen Kaiserreiches auf dem Thron saß. Er führte für ihn die Regentschaft.

Am 13. September 1901 unternahm Prinz Tschun auch eine Stippvisite nach Hamburg - und die Hamburger Honoratioren zeigten sich über ihn entzückt, vor allem die Damen. Sie rühmten das bescheidene, elegante und stilsichere Auftreten des Prinzen, hinter welchem sie eine tiefe Bildung vermuteten. - Das aber wäre eine andere Geschichte.

 
 
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