Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 12
9. September 2001
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Notizen von einem
nächtlichen Schreibtisch
Deutsche Chinatexte
 
         
 

Augenblicke in einem vergessenen Land: die Mongolei

Wer im Alten China von den Gebieten sprach, die nördlich des chinesischen Reiches lagen, verwendete oft Ausdrücke wie "Fließender Sand" oder meinte gar, China reiche bis an das Nordmeer. Als Fließender Sand wurde natürlich die Wüste Gobi bezeichnet, und wer diese durchquert, meint immer wieder, er sehe am Horizont eine Meeresküste oder eine vielgestaltige Seenplatte aufscheinen. Eine Fata Morgana gaukelt beständig solche Erquickungen vor, wo sich dann immer wieder doch nur Sand und Steppengras zeigen.

mongolei

Die Mongolei ist beinahe menschenleer. Viermal so groß wie Frankreich ist dieses Land, doch nur 2.5. Millionen Menschen leben dort, davon wenigstens 600.000 allein in der Hauptstadt Ulan Bator, doch 30 Millionen Nutztiere bevölkern diese Weiten: halbwilde Kamelherden, Pferdekoppeln, Schaf- und Ziegenherden, die alle oft mehrere hundert Tiere umfassen, und immer wieder die putzigen Yaks. Oft sind auch in der Nähe dieser Herden keine Menschen zu erblicken, und wenn diese sich einmal zeigen, dann kommen sie meist auf den trippelnden Steppenpferden geritten, nur im Norden auf Motorrädern mit Beifahrerkästen aus altsowjetischen Armeebeständen, und tragen oft noch die traditionellen Trachten.

Ungeheuere Landschaftsbilder vermttelt die Mongolei. Sie reichen von beinahe paradiesisch-friedlich anmutenden Orten in der Hochtaiga des Nordens bis zu schroffen Felsgebirgen, über welchen die Geier kreisen. Manchmal verliert sich nur alle zwanzig Kilometer eine einzelne Jurte oder eine kleine Jurtensiedlung in diesen Weiten.

mongolei

Historische Monumente, auch die wieder entstehenden lamaistisch-buddhistischen Klöster, müssen gezielt über Steppen- und Wüstenpisten angesteuert werden. Das gilt auch für Karakorum, die Hauptstadt des langvergangenen Mongolenreiches. Von dessen Pracht zeugen heute nur noch wenige Steine. Aus den Ruinen entstand im 16. Jahrhundert das Kloster Erdeni-zuu, dessen Umfassungsmauer mit den 108 Stupas ebenfalls wie eine Fata Morgana aus der Steppe aufscheint. - An dieser Stätte rührt sich ein neubelebter nationalistischer Kult um den einstigen Weltenherrscher Tschingis Khan. Deshalb mußte auch Bundespräsident Herzog nach dort, als er 1997 der Mongolei einen Staatsbesuch abstattete. Lange hatte das Präsidialamt eine Landung auf dem dortigen Steppenflugplatz als zu riskant erachtet, doch Herzog überstand auch Karakorum unbeschadet.

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Manchmal unterbrechen kleine Gruppen von "Hirschsteinen", steinzeitliche oder frühbronzezeitliche Kultstätten, die Weite der Steppe. Andernorts finden sich auf den Felsen ebenso frühe Steinzeichnungen oder mongolische Inschriften aus späterer Zeit, auch tibetische, ganz selten chinesische. Solche Monumente trüben jedoch nicht den Eindruck, daß dieses Land beinahe als geschichtslos erscheint - so sehr erinnern heutige Lebensbilder noch an vergangenene Jahrhunderte. Vergorene Stutenmilch, Jogurt aus ebensolcher und Käse aus der Milch von Kamelen sind auf den Märkten und in den Jurten anzutreffen und bilden eine bekömmliche und ungemein nahrhafte Kost. Gemüseanbau scheint sich neuerdings hier und da durchzusetzen.

Das Land ist, in all seiner Weite und Menschenleere oder gerade deswegen, eine einzige Gerüchteküche. Moderne Kommunikationsmittel (auch Handys, obwohl ein Netz aufgebaut wird) sind, außer in der Hauptstadt Ulan Bator bzw. Ulan Bataar, selten anzutreffen. Die Hauptstadt ist eine Gerüchtebörse eigener Art. In einigen großen Biergärten treffen sich allabendlich die wenigen dort lebenden Ausländer, die neuen Reichen und die Schönen und harren bis nach Mitternacht aus. Dort war zu hören, eine deutsche Bundesministerin habe für Anfang August ihren Besuch angekündigt gehabt - um zu shoppen und zu relaxen. Als man ihr zu diesem Zwecke nur einige Wüsten- und Steppentouren anbieten konnte, sagte sie den Besuch flugs ab.

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Zwei konkurrierende Zapf-Biere werden in Ulan Bator angeboten. Sie heißen sinnigerweise "Tschingis-Bräu" und "Khan-Bräu" und wurden beide von deutschen Braumeistern kreiert. Der eine von ihnen, einst als Arbeitsloser aus Sachsen-Anhalt nach dort eingeflogen, war jetzt dabei zu sehen, wie er einigen mongolischen Kellnern beibrachte, mit welchen Feinheiten die Füllung eines Bierhumpens verbunden ist. Er lobte ihre Gelehrigkeit und schimpfte ein wenig auf den Filz der Führungsschichten. Der -bescheidene- Supermarkt in der Nähe eines solchen Szenetreffs bot unter anderem "Spreewaldgurken" und Schokolade der Marke "Alpenmilch" feil, neben Mineralwasser und Cola aus Hongkong und Dosenbier von Holsten. Plötzlich ist in der fernen Mongolei Deutschland ganz nahe.

Abenteuervoll wird eine Reise nach dort noch lange bleiben, denn es fällt schwer, touristische Infrastrukturen zu schaffen. Neben Kupfer, Kaschmirwolle und Tierprodukten, für welche allesamt in den letzten Jahren die Weltmarktpreise abstürzten, und der Hoffnung auf Erdölfunde hat die Mongolei in wirtschaftlicher Hinsicht nichts zu bieten. Jede Reisestrapaze wird jedoch durch immer neue und gewaltige Landschaftsbilder ausgeglichen.

 
 
 

Annäherungen an Konfuzius

 
 

Vorbemerkungen

01 Die Gestalt des K'ung Ch'iu (551-479), im Westen besser als Konfuzius bekannt denn mit dieser lexikalischen Form seines Namens, weckte in den letzten Jahren wieder mehr Aufmerksamkeit als in den Jahrzehnten davor. Diese Aufmerksamkeit wurde Konfuzius sowohl seitens der sinologischen Wissenschaft als auch seitens einer allgemeineren interessierten Öffentlichkeit entgegengebracht, in West wie in Ost.

02 Hierbei wurde immer wieder deutlich, daß die vermittelten Vorstellungen über die Person und die Lehre des Konfuzius nicht auf einer genauen Betrachtung allen dazu verfügbaren Materials -und der dabei unerläßlichen Interpretationen- beruhen, sondern sich in den engen Rahmen überlieferter Klischees der Tradition, der langen chinesischen und der kürzeren sinologischen, bewegen - von sonderlichen "Aneignungen" ganz zu schweigen.

03 Tatsächlich befindet sich die Konfuzius-Forschung erst in den Anfängen. Eine angemessene zusammenfassende Darstellung seines Lebens und Wirkens scheint heute beinahe ausgeschlossen zu sein. Bis eine solche angestrebt werden könnte, müßten viele Textstellen in der altchinesischen Literatur durch Interpreten erst mehrmals hin und her gewendet werden, vor allem aber: sie müßten erst einmal in interpretierender Weise zur Kenntnis genommen worden sein.

04 Zu diesem Zwecke werden diese "Annäherungen an Konfuzius" nach und nach die wichtigsten Materialien zu Konfuzius in der Literatur der Chou- und Han-Zeit in beiläufigen Notizen zusammenstellen. Die Fülle dieser Materialien ist beinahe unübersehbar. - Diese Zusammenstellung wendet sich natürlich weniger an den sinologischen Spezialisten als an Menschen, die allgemein an China und besonders an Konfuzius interessiert sind, und an "Ehemalige" - zur Erinnerung an vergangene Seminarstunden.

05 In der nächsten Folge werden weitere Vorbemerkungen die beabsichtigte Vorgehensweise näher erläutern.

 
 
 
kongzi
 

 

1
Zwei doxographische Notizen

In dem philosophischen Text Shih-tzu, "Meister Shih", finden sich folgende Kurzcharakteristiken mehrerer altchinesischer Denker:

  Meister Mo schätzte das Umfassende hoch,
Meister K'ung schätzte den Gemeinsinn hoch,
Meister Huang schätzte das Rechte hoch,
Meister T'ien schätzte die Gleichheit hoch,
Meister Lieh schätzte die Leere hoch,
Meister Liao schätzte das Trennende hoch.
  Shizi

Das ist eine der ältesten Charakterisierungen von K'ung-tzu, "Meister K'ung", eben Konfuzius, und seiner Lehre.

Shih Chiao (390-330), der mutmaßliche Autor des Shih-tzu, zählt zu den interessantesten, gleichwohl unbekanntesten Denkern des Alten China. Ein Grund für die geringe Beachtung seiner Lehren mag darin liegen, daß sein essayistisches Werk nur in -allerdings umfangreichen- Fragmenten überliefert ist.

Die in dem Katalog des Shih-tzu angeführten Denker sind entweder wohlbekannt -wie "Meister Mo", Mo Ti (480-390)- oder beinahe bis ganz unbekannt -wie Liao-tzu, "Meister Liao". In späteren dieser "Annäherungen an Konfuzius" werden sich Ausführungen zu allen finden.

Eine vergleichbare katalogartige Notiz steht im Abschnitt 17.7 des Lü-shih ch'un-ch'iu, "Der Frühling und Herbst des Herrn Lü":

  lüshi chunqiu   Lao Tan schätzte die Weichheit hoch,
Meister K'ung schätzte die Menschlichkeit hoch,
Mo Ti schätzte die Lauterkeit hoch,
Kuan Yin schätzte die Klarheit hoch,
Meister Meister Lieh schätzte die Leere hoch,
Ch'en P'ien schätzte das Gleichmaß hoch,
Herr Yang schätzte das Selbst hoch,
Sun Pin schätzte die Gegebenheiten hoch,
Wang Liao schätzte das Vordere hoch,
Ni Liang schätzte das Hintere hoch.

Mit Lao Tan ist der allbekannte Lao-tzu, "Meister Lao", gemeint. Ansonsten gilt für diese Reihung von Kennzeichnungen das zu der im Shih-tzu oben Gesagte. Auffällt hier die überaus unterschiedliche Benennung der vorgestellten Denker - von dem doppelten "Meister" bei Lieh bis zu der einfachen Nennung von Familien- und Rufnamen wie bei Mo Ti oder gar der nur ungefähren Bezeichnung des "Herrn Yang".

Das Lü-shih ch'un-ch'iu geht auf Lü Pu-wei (+ 235 v. Chr.), den Kanzler des Staates Ch'in, zurück. Oft als Werk von enzyklopädischer Anlage gekennzeichnet, bietet es in seinen -zu drei Teilen zusammengefaßten- 26 Kapiteln mit insgesamt 160 Abschnitten eine anscheinend systematische Darstellung von Konzepten altchinesischen Denkens. Neben vielem anderen Problemen ist bei diesem Werk ungeklärt, was seine Zielsetzung war. Lü Pu-wei soll es mit Hilfe eines großen Stabes von gelehrten Beratern geschaffen haben. Wahrscheinlich wurde es im Jahre 239 v. Chr. abgeschlossen.

Shih-tzu und Lü-shih ch'un-ch'iu stellen diese katalogartigen Kennzeichnungen an den Beginn von Erörterungen über die "Einseitigkeiten" all dieser Denker. Dieser Umstand legt eine Erwägung nahe: Entweder haben die Verfasser beider Werke diese Charakterisierungen selbst vorgenommen. Dann hätten sie sich einer unlauteren Argumentationsweise befleißigt, indem sie die Lehre dieser Denker zunächst -und nicht in jedem Falle angemessen- auf nur einen Begriff brachten, um dann dagegen polemisieren zu können. Oder aber beide Aufzählungen gehen auf eine dritte, ältere Quelle zurück, die sie direkt oder indirekt ausschrieben. Hierfür sprechen auch mehrere Einzelheiten der Formulierungen. Dann wäre die Urform dieses Kataloges wohl auf die Zeit um 350 v. Chr. zu datieren.

An dieser Stelle sollen zunächst nur die beiden Aussagen über Konfuzius interessieren: Jen, "Menschlichkeit", wie das Lü-shih ch'un-ch'iu hervorhebt, ist tatsächlich einer der wichtigsten Begriffe in dessen Lehre. Die Charakterisierung durch kung, "Gemeinsinn", im Shih-tzu hingegen mag einem allgemeinen Impetus in den Lehren des Konfuzius genügen, als Begriff wird dieses kung in den Überlieferungen zu ihm jedoch sonst nicht sonderlich bedeutend.

Die Wahrnehmungen des Konfuzius und seiner Lehre waren wohl schon in frühen Zeiten sehr unterschiedlich. Möglicherweise sind solche unterschiedlichen Charakterisierungen für die Entwicklung des Konfuzius-Bildes bedeutungsvoll. Dann wäre aufschlußreich, daß Shih Chiao eben mehr als hundert Jahre vor Lü Pu-wei lebte.

2 
Eine frühe Wahrnehmung von Konfuzius-"Schulen"

  han feizi   Die Textsammlung Han Fei-tzu, "Meister Han Fei", enthält als Kapitel 50 einen kurzen Essay, der unter dem Titel Hsien-hsüeh, "Strahlende Gelehrsamkeit", darüber lästert, daß sich nach dem Tode des Konfuzius und des Mo Di beider Lehrtraditionen in acht beziehungsweise drei Richtungen aufspalteten, deren jede Ausschließlichkeit für die Echtheit oder Wahrhaftigkeit (chen) ihrer Überlieferungen über den jeweiligen "Meister" beansprucht habe. Die Aufzählung der "konfuzianischen" Nachfolger in Han Fei-tzu 50 lautet in drei geläufigen Übersetzungen:

"Nach dem Tode des Kongzi entstanden die Gelehrtenschulen des Zizhang und des Zisi sowie der Familien Yan, Meng, Qidiao, Zhongliang, Sun und Yuezheng."
(W. Mögling)

"Since the death of Confucius, the Tzu-chang School, the Tzu-ssu School, the Yen Family School, the Meng Family School, the Ch'i-tiao Family School, the Chung-liang Family School, the Sun Family School, and the Yüeh-cheng Family School have appeared."
(B. Watson)

"Since the death of Confucius, there have appeared the School of Tzu-chang, the School of Tzu-ssu, the School of the Yen Clan, the School of the Meng Clan, the School of the Ch'i-tiao Clan, the School of the Chung Liang Clan, the School of the Sun Clan, and the School of the Yo-cheng Clan."
(W.-K. Liao)

So eindeutig wie diese Übersetzungen -in all ihren Eigenheiten und ohne jede Anmerkung- nahelegen, läßt sich dieser Passus nicht verstehen:

- Das Wort ju, das als "Gelehrtenschule" oder als "Schule" übersetzt wurde, bezeichnet sonst Personen oder eine Personengruppe. Seine Etymologie ist unsicher, gemeinhin wird es als "Gelehrter" verstanden, auch als "Konfuzianer" in engerem Sinne. Als "Schule", in welchem Sinne auch, läßt es sich nicht ohne weiteres interpretieren.

- Die Aufzählung der acht ju-"Schulen" ist in sich unausgewogen, denn die beiden ersten Namen sind als die "Mannesnamen" (tzu) von zwei herausragenden Konfuzius- Schülern bekannt, während die nachfolgenden sechs Bezeichungen die Familiennamen von ebensolchen oder von späteren Nachfolgern in der Lehrtradition des Konfuzius sind, ohne daß deren Identifizierung auf den ersten Blick als sicher erschiene.

- Das Wort shih, das von den Übersetzern als "Familie" verstanden wurde, kann sich auch auf Einzelpersonen beziehen und wäre dann mit "Herr/Frau" zu übersetzen. Dann legten sich andere Übersetzungen nahe: "Seit/nach dem Tode des Meisters K'ung gab/gibt es Gelehrte wie Tzu-chang (...) und Gelehrte wie den Herrn/die Herren/die aus der Familie Yüeh-cheng." - Von "entstand" und appeared" ist ohnehin nicht die Rede.

Auch sonst gibt dieser Passus Rätsel auf. Manche der angeführten Namen sind aus den Konfuzius-Überlieferungen wohlvertraut, andere hingegen beinahe unbekannt. In dieser Hinsicht ähnelt diese Aufzählung im Han Fei-tzu den beiden Katalogen, die "Annäherungen 1" anführte. Wieder andere Namen von Konfuzius-Schülern oder -Nachfolgern ließen sich in dieser Aufzählung in Han Fei-tzu 50 vermissen.

Neben allem anderen bedarf auch die Eingangswendung "Seit/nach dem Tode ..." einer Überlegung. Ist die Zeit unmittelbar nach dem Tod des Konfuzius gemeint, oder reicht diese Zeitangabe über Jahrhunderte hinweg? - Zwischen dem Tod des Konfuzius und dem des Han Fei (233 v. Chr.) liegen schließlich beinahe 250 Jahre. - Die aus dem Alten China überlieferten Schriften lassen sich nur nach genaueren sprachlichen und sachlichen Überlegungen erschließen. Auf den ersten Blick und ohne weiteres werden sie gemeinhin mißverstanden.

Han Fei (280-233) -der Prinz Fei des Königshauses von Han, einem der bedeutenderen Königsstaaten im 4./3. Jahrhundert v. Chr. auf dem Boden des heutigen China- gilt als der große Vollender einer "legistischen" Lehrtradition. Diese stand in entschiedenem Gegensatz zu den Lehren des Konfuzius und den meisten von dessen Anhängern. Das Textkonvolut Han Fei-tzu, "Meister Han Fei", enthält in 55 Kapiteln Schriften unterschiedlichster Art - von Traktaten bis zu Anekdotensammlungen. Die durch den Titel der Sammlung nahegelegte Autorschaft beziehungsweise Kompilatorentätigkeit des Han Fei bei diesen Schriften wurde nur für das eine oder andere Kapitel ernsthaft in Zweifel gezogen.

3
Eine naheliegende Erfahrung

Han Fei-tzu 50 erwähnt unter acht Nachfolgerichtungen in der Lehre des Konfuzius - oder wie immer - eine Tradition des Namens Chung-liang: "Herr Chung-liang/Frau Chung-liang/Familie Chung-liang." Offenbar handelt es sich hierbei um einem Familiennamen, der sich aus dem Mannesnamen eines Vorfahren gebildet hatte: Die Namengebung, auch die Familiennamenbildung, im Alten China gibt noch manches Rätsel auf!

Jedenfalls läßt sich in den aus der Chou- und Han-Zeit überlieferten Schriften sonst keine Person des Familiennamens Chung-liang, auch in anderen Formen der Schreibung, finden - außer eben in Han Fei-tzu 50.

Han Fei erachtete offenbar irgendwelche Träger des Namens Chung-liang als wichtig oder aufschlußreich für die seinerzeitige "konfuzianische" Überlieferung - ungefähr also im Jahre 250 v. Chr., wenn nicht ein Späterer diesen Essay verfaßt hat. Desungeachtet zeigt sich bei dem dereinst doch offenbar bedeutenden Konfuzius-Nachfolger Chung-liang wieder einmal, wie gründlich die chinesische Überlieferung manche Person oder manchen Vorgang aus der weiteren Tradierung ausschied. Über diese "Schule" Chung-liang läßt sich also vorerst gar nichts sagen.

4
Lackschnitzer als Konfuzius-Schüler?

Der Abschnitt 5.6 des Lun-yü, der sogenannten "Gespräche" des Konfuzius, überliefert eine einigermaßen rätselhafte Begebenheit:

"Als der Meister den Ch'i-tiao K'ai veranlaßte, in Dienst zu treten, antwortete dieser: 'Dem kann ich noch nicht vertrauen.' Der Meister war erfreut."

Mit dem Familiennamen Ch'i-tiao bezeichnete Han Fei-tzu 50 eine weitere "Schule" in der Nachfolge des Konfuzius - Der Name gehört zu den seltenen zweisilbigen Familiennamen des Alten China, er bedeutet "Lack schnitzen", und so ist anzunehmen, daß hier eine Berufsbezeichnung zum Familiennamen wurde: ebenfalls selten.

Was konnte Konfuzius, den "Meister", berechtigen, Ch'i-tiao K'ai "zu veranlassen"? Das so übersetzte Wort, shih, hat in der Sprache jener Zeit ein großes Bedeutungsspektrum, das von "Auftrag geben" bis "schicken" reicht. Irgendeine Form von autoritativer Handlung ist damit jedenfalls verbunden. Und was bedeutetet das "dem" in der Antwort? Möglicherweise -und so verstehen die meisten Übersetzer- meint Ch'i-tiao K'ai, daß er -freudig erregt über den Vertrauensbeweis des Konfuzius- dem noch nicht glauben könne. Andererseits könnte auch sein, daß dieses "in Dienst treten" einen ganz bestimmten Dienst bei einer ganz bestimmten Person meinte - und eben dieser mochte Ch'i-tiao K'ai noch nicht vertrauen. Auch hierfür ließen sich Argumente anführen.

Shih-chi, "Historische Aufzeichnungen", 67 und Chia-yü, "Schulgespräche", 38 überliefern Listen von Schülern des Konfuzius In beiden erscheint Ch'i-tiao K'ai. Diejenige im Shih-chi weiß über ihn nur noch, daß sein Mannesname Tzu-k'ai gewesen sei, und wiederholt sodann Lun-yü 5.5. Die im Chia-yü ist ausführlicher: er stamme aus Ts'ai, sein Mannesname sei Tzu-jo, er sei 11 Jahre jünger als Konfuzius und im Shang-shu, "Buch der Schriften", geübt gewesen. Auch Chia-yü wiederholt die im Lun-yü wiedergegebene Begebenheit, allerdings in einer anekdotisch ausformulierten Weise, und diese scheint anzudeuten, daß Chia-yü das "dem" noch einmal anders versteht: Er könne einer bestimmten Schrift noch nicht "vertrauen", meint der Schüler, d.h. beherrsche sie nicht. - Löblich für einen Schüler. Das Chia-yü sagt ferner ausdrücklich, Ch'i-tiao K'ai habe keine Freude am Amtsdienst gehabt.

Der als Herkunftsort des Ch'i-tiao K'ai angegebene Ort Ts'ai war ein damals unbedeutender Kleinstaat. Nach anderer Überlieferung, nämlich in den Fragmenten einer weiteren Schülerliste (von Cheng Hsüan, 127-200), wird als Herkunftsort Lu angegeben, der Heimatstaat des Konfuzius Hierin muß nicht ein Widerspruch liegen, denn Vater oder Großvater Ch'i-tiao mag aus Ts'ai nach Lu umgezogen sein. - Die Schülerlisten in Chia-yü und Shih-chi nennen noch zwei oder drei (die Namensformen sind nicht ganz eindeutig) weitere Ch'i-tiao als Schüler des Konfuzius, ohne allerdings sonst etwas über sie sagen zu können.

Ein älterer Namensträger ist tatsächlich in Lu belegt. Chia-yü 10.8 und Shuo-yüan 13.38 überliefern in weitgehend gleichem Wortlaut eine Anekdote, Konfuzius habe einen Mann namens Ch'i-tiao P'ing bzw. Ch'i-tiao Ma-jen über dessen drei aufeinanderfolgende Dienstherren in der Würdenträgerfamilie Tsang-sun in Lu befragt. Wegen dessen so diskreter wie deutlicher Antwort rühmt Konfuzius ihn anschließend einen "Edlen".

Das Interesse des Konfuzius an dieser Würdenträgerfamilie Tsang-sun, die vielleicht die viertwichtigste in Lu zu jener Zeit war, läßt sich nachvollziehen. Sein eigener Vater hatte offenbar in den Diensten dieser Familie gestanden. Manches an dieser Anekdote ist jedoch suspekt: Der erste dieser angeblichen Dienstherren des Ch'i-tiao P'ing/Ma-jen, mit Namen Tsang Wen-chung, war nämlich bereits im Jahre 617 gestorben. Selbst wenn Konfuzius als 20jähriger, also im Jahre 530, diesen Ch'i-tiao befragt hätte und der ein hochbetagter Mann gewesen sein sollte - er müßte dann wohl wenigstens hundert Jahre alt gewesen sein.
Interessant ist immerhin, daß die Überlieferung den Konfuzius neben seinen Schülern aus der Familie Ch'i-tiao auch mit einem älteren Namensträger zusammenbringt.

Über Ch'i-tiao K'ai (auch Ch'i-tiao Ch'i geschrieben, vgl. dazu Ch'ien-fu lun 35) ist sonst wenig bekant. Eine mohistische Polemik in K'ung ts'ung-tzu, "Sämtliche Meister aus der Familie K'ung", 6.1 legt nahe, daß er (wegen einer Revolte?) einer Körperstrafe unterworfen wurde; die Replik darauf sagt, das sei nicht aus eigener Schuld geschehen. Han Fei-tzu 55 meint über einen Ch'i-tiao nach dem unter "Annäherungen 2" zitierten Passus (Übersetzung W. Mögling):

"Nach Ansicht des Ch'i-tiao soll man sich nicht vor dem Zorn eines anderen beugen, noch soll man sich scheuen, jemandem in die Augen zu sehen. Wer unrecht handelt, sollte selbst die Sklaven meiden. Wer recht tut, könne es sogar mit dem Fürsten aufnehmen. Die Herrscher von heute betrachten dies als Gewissenhaftigkeit und verehren ihn."

Diese Notiz mag auf die Lehre oder das Handeln von Ch'i-tiao K'ai zurückzuführen sein. Manche Interpreten meinen allerdings, hiermit sei ein anderer Ch'i-tiao gemeint. - Warum?
Auf einen weiteren Gegenstand in der Lehre des Ch'i-tiao K'ai verweist das Lun-heng, "Erörterungen und Abwägungen", des Wang Ch'ung (27-100). Dort heißt es (13/36/8), in der nicht von Konfuzius, aber von seinen Nachfolgern vieldiskutierten Frage, ob das Wesen der menschlichen Natur im Grunde gut oder schlecht sei, habe Ch'i-tiao K'ai eine mittlere Position eingenommen: sie habe sowohl Gutes als auch Schlechtes in sich.

Mehr ist über Ch'i-tiao K'ai und seine Familie aus den Schriften der Chou- und Han-Zeit nicht in Erfahrung zu bringen. Der Bücherkatalog im Han-shu, "Buch der Han", des Pan Ku (32-92) führt unter den konfuzianischen Schriften ein Werk Ch'i-tiao tzu, "Meister Ch'i-tiao", in 13 Kapiteln auf, das von einem "Nachfolger" (hou) zusammengestellt worden sei; ein fragmentarisch erhaltener älterer Bücherkatalog des Liu Hsin ( um -53 bis um 23) spricht von 12 Kapiteln. Erhalten ist hiervon offenbar nicht ein einziges Fragment. - Der Kuriosität halber sei noch ergänzt, das in dem berühmt-berüchtigten "konfuzianischen Weltgericht", im Kapitel 20 des Han-shu, Ch'i-tiao K'ai immerhin in die dritthöchste Kategorie eingeordnet wird: klug. Dieses Kapitel ordnet in Tabellenform mehr als 2000 Personen der Vergangenheit aufgrund moralischer Erwägungen in neun Kategorien ein - von "weise", wie Konfuzius, über "menschlich" und "klug" bis zu "dumm", wobei diese unterste Kategorie vor allem Könige und Fürsten umfaßt.

Aus diesem Material läßt sich nicht erkennen, daß es in der Nachfolge des Konfuzius jemals eine "Schule" Ch'i-tiao gegeben habe. Immerhin ist jedoch deutlich geworden, daß mehrere Konfuzius-Schüler zu dieser Familie gehörten und daß diese in der sozialen Hierarchie nicht sonderlich hoch stand, obwohl sie wahrscheinlich/möglicherweise den familiennamenstiftenden Handwerkerstand bereits hinter sich gelassen hatte. - Wie ersichtlich, das ist nicht ganz leicht zu ermitteln, was Han Fei-tzu 55 tatsächlich gemeint hat.

(wird fortgesetzt)

» Teil 2, HCN 13

 
 
 

Kürzeste Gedichte

Der trockene Konfuzius hat lange genug den nächtlichen Schreibtisch beansprucht. Da wird hin und wieder ein Ausflug in die chinesische Dichtkunst notwendig. Zwar werden auch dem "Meister" einige Gedichte zugeschrieben, doch wohl ohne guten Grund. Möglicherweise hat er tatsächlich gedichtet, aber das dürften dann eher moralisierende Lehrgedichte gewesen sein.

Immer wieder ist zu lesen, das japanische Haiku mit seinen auf drei Verse verteilten 17 Silben sei die kürzeste Gedichtform der Welt. Das ist mitnichten so, denn im Alten China wurden Gedichtformen gepflegt, die noch kürzer waren. Selbst unter Sinologen sind diese jedoch weitgehend unbekannt. - Zu diesen Kurzformen zählt beispielsweise eine Folge von 25 Gedichten, wohl aus dem 5. Jahrhundert, die den Titel "Von den Hängen des Berges Hua" trägt. Eines dieser Gedichte lautet:

Der Efeu auf der Kiefer!
Ich wünschte, Sie glichen der treibenden Wolke,
die ich von Zeit zu Zeit vorüberziehen sehe.
Dreizehn Silben/Worte sind das, auf drei Verse verteilt: 3/5/5. Der erste und der dritte Vers reimen. Am Anfang steht ein Bild aus der Natur. Der immergrüne Efeu erinnert eine Frau an die Beständigkeit von dessen Bindung an die Kiefer - ganz anders als der ferne Liebste, der nicht einmal den unbeständigen Wolken gleicht.

Nachts denke ich seiner.
Der Wind bläst, der Fenstervorhang bewegt sich
und sagt, daß meine Freude komme.
Lieder aus dem Volke sind das, und "meine Freude" heißt in solchen Texten immer wieder der Liebste. Nur selten wird dessen allerdings in erwartungs- und hoffnungsfroher Weise gedacht.

Um den Ursprung dieser 25 Gedichte "Von den Hängen des Berges Hua" rankt sich eine kleine rührselige Geschichte: Ein junger Bursche war am Berge Hua beim Anblick eines jungen Mädchens in hoffnungsloser Liebe entbrannt und entleibt sich. Sterbend bittet er seine Mutter, den Sarg an diesem Berg vorbeizufahren. Am Tor zur Behausung des Mädchens angelangt, verweigern die Zugochsen den Dienst und bleiben beharrlich stehen. Das Mädchen, das über den Vorgang unterrichtet wird, bittet um eienen Augenblick Geduld. Es badet und schminkt sich, und mit einem Lied auf den Lippen ("Sie sind meinetwegen gestorben./ Für wen soll ich einsam leben?") tritt es wieder vor das Tor. Auf geheimnisvolle Weise öffnet sich der Sarg, und das Mädchen steigt zu dem toten Verehrer.

Von solcher Dramatik haben sich diese 25 Gedichte zwar weit entfernt. Ihr beherrschendes Thema bleibt jedoch die ungestillte Liebessehnsucht:

Lang kräht der Hahn.
Wer weiß, daß ich an dich denke?
Einsam weine ich in die Leere.
Einige hundert Texte aus den Volkstraditionen dieser frühen Zeit sind überliefert. Viele von ihnen besingen die Freuden der Liebe, mehr aber noch das Liebesweh. Ihre Sprache ist einfach - und oft verblüffend direkt. Es hat den Anschein, als hätten sich die Morallehren des Konfuzius damals noch nicht recht durchgesetzt - jedenfalls nicht in Chinas Süden, woher die meisten dieser Lieder stammen, und bei den einfachen Leuten. Welchen Platz im Leben diese Lieder einnahmen, läßt sich nur ahnen. Vielleicht ist jedoch ganz sinnträchtig, daß Liebesgedichte dermaßen kurz sind.

Auch andere Gedichte als diese über den Berg Hua bedienen sich dieser Vers- und Strophenform. Und noch weitere Kurzformen lassen sich in der frühen chinesischen Dichtung aufzeigen.

 
 
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