Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 12
9. September 2001
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte Deutsche Chinatexte
 
         
 

Konfuzius, Chuang-tzu und Kükelhaus

Der berühmte kleine "Musenhof" in Weimar, vor gut 200 Jahren, war keineswegs so betulich, wie gymnasiale Erinnerungen befürchten ließen. Die neun altgriechischen Musen, denen die Notablen dieses Kleinstädtchens damals oft nachsannen, hatten je ihre eigene Spezialisierung - von Erato, die mit der Liebesdichtung befaßt war, bis zu Urania, deren Aufmerksamkeit dem Sternenhimmel galt. In der Mitte von ihnen stand "die Rühmerin" Klio, zuständig für die Geschichtsschreibung. Allen diesen neun Musen eignete das Bestreben, die Einladung in das Gebiet ihrer Neigungen vermittels eines Kusses zu vermitteln. Dieser berühmte "Musenkuß" war in Weimar offenbar noch unbekannt, das monumentale Grimm'sche Wörterbuch verzeichnet ihn überhaupt nicht, wohl aber die "Musenwut" bei dem Weimarer Christoph Martin Wieland (1733-1813), und diese bedeutete nichts anderes, nur noch heftigeres.


Der Umstand, daß neben den altgriechischen auch weimarische Musen durch solche Küsse bestrebt waren, ihren Interessengebieten Aufmerksamkeit zu sichern, mag den sittenstrengen -jedenfalls öffentlich, nicht durchaus in jedem privaten Bereiche- Friedrich Schiller (1759-1805) veranlaßt haben, dem altchinesischen Konfuzius nachzusinnen, über dessen Privatheiten glücklicherweise kaum Informationen vorliegen. Schiller dichtete

Sprüche des Konfuzius

I
Dreifach ist der Schritt der Zeit:
Zögernd kommt die Zukunft hergezogen,
Pfeilschnell ist das Jetzt entflogen,
Ewig still steht die Vergangenheit.

Keine Ungeduld beflügelt
Ihren Schritt, wenn sie verweilt.
Keine Furcht, kein Zweifeln zügelt
Ihren Lauf, wenn sie enteilt.
Keine Reu, kein Zaubersegen
Kann die stehende bewegen.
Möchtest du beglückt und weise
Endigen des Lebens Reise,
Nimm die zögernde zum Rat,
Nicht zum Werkzeug deiner Tat.
Wähle nicht die fliehende zum Freund,
Nicht die bleibende zum Feind.

II
Dreifach ist des Raumes Maß:
Rastlos fort ohn' Unterlaß
Strebt die Länge; fort ins Weite
Endlos gießet sich die Breite;
Grundlos senkt die Tiefe sich.

Dir ein Bild sind sie gegeben:
Rastlos vorwärts mußt du streben,
Nie ermüdet stille stehn,
Willst du die Vollendung sehn;
Mußt ins Breite dich entfalten,
Soll sich dir die Welt gestalten;
In die Tiefe mußt du steigen,
Soll sich dir das Wesen zeigen.

Nur Beharrung führt zum Ziel,
Nur die Fülle führt zur Klarheit,
Und im Abgrund wohnt die Wahrheit.
Mit den Lehren des Konfuzius hat das wenig oder gar nichts zu tun. Indirekt läßt sich erschließen, daß Friedrich Schiller einige "Sprüche" des Konfuzius aus dem Lun-yü, dessen "Gesprächen", gelesen hat. Verwandt im Geiste war er diesem jedenfalls.

Die Sittenstrenge des Konfuzius fand in Weimar sonst kaum Widerhall. Dort widmete man sich lieber den Ergötzungen in den China-Pavillons (Abb. ein Aquarell der Herzogin Anna Amalia mit einem chin. Pavillon im Wittums-Palais). Vielleicht hat man bei solchen Gelegenheiten wie über Schiller auch über Konfuzius gelästert, wenngleich die Zeugnisse dessen spärlich sind, und gelästert hatte man über ihn schon lange vorher - in der altchinesischen Textsammlung Chuang-tzu, die auf den taoistischen Denker Chuang Chou (365-290) zurückgeführt wird. In Weimar, übrigens, wurde dessen Name erstmals in Deutschland bekannt. Im Jahre 1783 veröffentlichte Carl Friedrich Siegmund Freiherr von Seckendorff-Aberdar seinen Bildungsroman "Das Rad des Schiksals oder die Geschichte Tchoan-gsees", nachdem er Teile daraus im "Journal von Tieffurth" vorab veröffentlicht hatte. Schon in diesem Werk, im siebten Kapitel, spielt der berühmte Schmetterlingstraum des Chuang-tzu, eine wichtige Rolle. Seither hat er deutsche Literaten immer wieder zu Entzückungen verführt. - Im Chuang-tzu lautet er, in der Übersetzung von Richard Wilhelm:

"Einst träumte Dschuang Dschou, daß er ein Schmetterling sei, ein flatternder Schmetterling, der sich wohl und glücklich fühlte und nichts wußte von Dschuang Dschou. Plötzlich wachte er auf: da war er wieder wirklich und wahrhaftig Dschuang Dschou. Nun weiß ich nicht, ob Dschuang Dschou geträumt hat, daß er ein Schmetterling sei, oder ob der Schmetterling geträumt hat, daß er Dschuang Dschou sei, obwohl doch zwischen Dschuang Dschou und dem Schmetterling sicher ein Unterschied ist. So ist es mit der Wandlung der Dinge."

Zwei weitgehend unbekannte deutsche Aneignungen dieses Schmetterlingstraumes sollen folgen. Mascha Kaléko (1907-1975), der die deutsche Sprache unter anderem das Wort "Mamagei" verdankt, schrieb das Gedicht

Der Traum des Tschuangtse

Ihm träumte einst, er wär ein Schmetterling,
Der flatternd durch den blauen Äther ging,
Berauscht von Duft und Morgenluft und Sonne.
Das Leben war die reinste Falterwonne!

Es fiel ihm nicht einmal im Traume ein,
Er könnte jemals jemand anders sein.

Als er jedoch in seinem Bett erwachte,
War er durchaus kein Schmetterling und dachte:
Ich wüßte gerne gar zu gern, wie sich das reimt!
- Wie, wenn von dem "Erwachen" ich erwachte?

Dann lächelte er leise vor sich hin:
Wie weiß ich nun, ob ich der Tschuangtse bin
Oder nur "Tschuangtse", den der Falter träumt ...?


Bitte klicken Sie auf dieses Bild, um die Bildfolge anzusehen Hugo Kükelhaus (1900-1984) - die ihm gewidmete homepage kennzeichnet ihn als "Pädagoge, Handwerker, Philosoph, Künstler, Forscher, Schriftsteller", doch vor allem war er wohl ein Sonderling - erdachte sich die Gestalt "Träumling", die er parabelhafte Bildgeschichten erleben ließ. In einer von diesen verwandelt sich Träumling in Chuang Chou und erlebt noch einmal dessen Schmetterlingstraum. - Dem Konfuzius hat Kükelhaus offenbar keinen Gedanken gewidmet.

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westzimmer Das aber tat ein Sonderling ganz anderer Art: Vincenz Hundhausen (1878-1955), der in den 1930er Jahren zu den eigenwilligsten Gestalten in der deutschen Szene in Peking gehörte.
Er lehrte an der Abteilung für deutsche Sprache und Literatur an der Pekinger Universität und betrieb auf seinem legendären Anwesen auf der "Pappelinsel" einen kleinen Verlag. Obwohl er kaum Chinesisch konnte, übersetzte er unter anderem chinesische Schauspiele, darunter das berühmte "Westzimmer", und brachte diese Übersetzungen in schönen Ausgaben heraus. Bemerkenswert ist auch, daß er von Anfang an ein vehementer Gegner der Nazis war - ziemlich selten das in der in der deutschen Szene im China jener Zeit!

Hundhausen, der auch unermüdlich dichtete, gelingt im Gedicht die Versöhnung des Chuang Chou mit Konfuzius.

Dschuang-dse über die Größe des Konfuzius

Dschuang-dse sprach: "Konfuzius zählte sechzig Jahre,
Als er seine Wandlung noch begann;
Was ihm früher als das Rechte galt und Wahre,
Sah er jetzt als Trug und Unrecht an.

Ob auch wir solch späte Wandlung noch erleben?
Wer will's wissen?" - Hui-dse sagte: "Du?
Niemals du! Nicht dein, doch des Konfuzius Streben
Zielte auf des Wissens Mehrung zu."

Und der Meister sprach: "Solch eitlen Strebens Irren
War aus seinem Herzen längst verbannt.
Doch, um nicht der Menschen Herzen zu verwirren,
Hat es seine Rede nicht bekannt.

Was er lehrte, wie: Vom ewigen Himmel haben
unsre Gaben wir, daß eigne Kraft
Aus der reichen Fülle dieser Himmelsgaben
Neugeburt zu höherm Lebens schafft, -

Willst der Menschen Wert und Unwert du erkennen,
stelle vor sie hin Gewinn und Pflicht!
Dann erkennst du, wie sich ihre Wege trennen, . . . .
War sein Ruhm, doch seine Größe nicht.

Seine Größe war, er fand und ging die Brücke,
Die den Glauben aller ihm gewann;
Sich vergessend baute er an ihrem Glücke.
Niemals reiche ich an ihn heran."
Wer weiß, vielleicht hätte der historische Chuang Chou, über dessen Leben beinahe nichts bekannt ist, den "Meister" tatsächlich respektiert - jenseits der subtilen oder auch derberen Lästereien, die er zu verantworten hat. - Hundhausen hatte sich zu diesem Gedicht offenbar durch einen Passus in Kapitel 27 der Schriftensammlung Chuang-tzu anregen lassen. "Taoistisch" erscheint Hundhausen in vielen Eigenheiten seiner Lebensführung, doch dieses Gedicht zeigt ihn als nachempfindenden Verehrer des Konfuzius. Eben das könnte ein Hintergrund seiner Nazi-Gegnerschaft gewesen sein.

 
 
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