Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 12
9. September 2001
China-Hamburg jetzt und einst China-Hamburg
jetzt und einst
ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
         
 

Klassifikationen und Doppelköpfigkeiten

Der Geschäftsbericht eines Wirtschaftsunternehmens und der Künstlerkatalog einer Galerie gehören ganz unterschiedlichen literarischen Gattungen an. Wenn sie jedoch gleichzeitig auf einem Schreibtisch eintreffen, dann verlocken sie zu Vergleichen.

Das Unternehmen "Germanischer Lloyd" wird gewiß nicht von jedermann mit China und Asien assoziiert. Gegenwärtig zählt es in Hamburg ungefähr 900 Mitarbeiter, weltweit 1.748, davon nicht wenige in der "East Asia Divison", deren Zentrale in Singapur ansässig ist, aber auch in Shanghai ein "Office" mit 71 Mitarbeitern unterhält. Zentrale Tätigkeitsfelder des Unternehmens sind der Schiffbau und die Klassifikation von Schiffen. Hinzu kommen Zukunftstechnologien wie Offshore-Anlagen und überhaupt die Windtechnologie. In allen Bereichen steckt das Unternehmen einen hohen Aufwand in Forschung und Entwicklung, wie der "Tätigkeitsbericht 2000" andeutet, um seine weltweit führenden Positionen behaupten zu können.

Für China schloß der "Germanische Lloyd" unlängst eine Machbarkeitsstudie für ein Schiffshebewerk im Drei-Schluchten-Projekt am Yangtse ab. Nach Fertigstellung dieses Riesenstaudammes soll hierdurch die Schiffahrt auf dem Yangtse gewährleistet und sogar gefördert werden. Der Trog für dieses Hebewerk weist eine Länge von 132 Metern, eine Breite von 18 und eine Wassertiefe von 3.5 Metern auf. Die maximale Hubhöhe erreicht den staunenswerten Wert von 113 Metern, die Schiffe sollen mit einer Geschwindigkeit von 0.2 Metern/Sekunde gehoben werden. - Das ganze Yangtse-Projekt ist gewiß noch heute heftig umstritten, doch wenn befürchtete Katastrophen ausbleiben, dürfte es dereinst zu den Weltwundern zählen - und der "Germanische Lloyd" hätte seinen Teil daran.

Die Galerie Peter Borchardt, Große Elbchausse 68 (im "Stilwerk"), zeigt noch bis zum 15. September Holz- und Papierschnitte von Ren Rong.

Der 1960 in Nanking geborene Ren Rong besuchte daselbst von 1982 bis 1986 die Kunstakademie. Zu seinen ersten Arbeiten gehörten konventionelle Ölbilder. 1986 siedelte er, wie viele Künstler seiner Generation, in den Westen um, er nach Deutschland, wo er bald an den Kunsthochschulen in Münster und Düsseldorf seine Studien fortsetzte. Inzwischen besitzt er auch die deutsche Staatsangehörigkeit. Dutzende von Einzelausstellungen hat er seither bestritten, an noch mehr Gruppenausstellungen war er beteiligt.

Die alte chinesische Technik des Papierschnittes, die Ren Rong bereits als Kind lernte, hat er für seine Kunst in vielfältiger Weise genutzt, aber in vielfach abgewandelter, beinahe archaischer Weise - von ferne vergleichbar den Scherenschnitten von Matisse. Die Betrachter sind von ihnen ebenso fasziniert wie von der eindrucksvollen Persönlichkeit des Künstlers. Hierzu trägt vor allem sein dominierendes Motiv bei - die "Pflanzenmenschen", in welche manche Interpreten alles mögliche hineinmystifizieren. Oft großformatig ausgeführt, erscheinen sie nicht selten als witzig, manchmal auch erotisch. Doppelköpfigkeiten mit Hintersinn stellen sie tatsächlich dar. Ein stattlicher Katalog bildet viele von ihnen ab und gibt einen Überblick über das Schaffen des Künstlers.

Manches ist solchen Texten wie Tätigkeitsberichten eines Unternehmens und dem Künstlerkatalog einer Galerie tatsächlich gemeinsam. Beide sind auf gutem und teuerem Papier gedruckt und durch zahlreiche Abbildungen aufwendig und anschaulich gestaltet. Die Sprache der Texte unterscheidet sich jedoch: nüchterne Prosa hier, schwülstige Interpretenlyrik in Prosa dort. Informationsreich, hier und da, sind wieder beide Textsorten, und in dieser Hinsicht weisen sie eine weitere Gemeinsamkeit auf: Die wirklich interessanten Fakten und Zahlen fehlen. Über die Unternehmensgewinne oder -verluste in den einzelnen Sparten, auch über sonstige Kosten und Erträge verliert der "Tätigkeitsbericht" kein Wort, und der Katalog sagt nichts darüber, was die Werke des Künstlers kosten und wieviele er davon so im Jahr verkauft und an wen. - Das bloß beispielsweise.

Beide, der "Lloyd" und Ren Rong, Unternehmen wie Künstler, können sich jedoch sehen lassen. Das gilt nicht für jedes andere HH-Unternehmen mit Chinaverbindungen, auch nicht für jeden ostasiatischen Künstler, der in diesem Sommer in Hamburg ausgestellt wurde. Über manches soll man lieber schweigen.

Nicht ganz verschwiegen sei allerdings ein für den müßigen Flaneur überaus ärgerlicher Besuch. Das Kunsthaus, Klosterwall 15, bot in in diesem Sommer eine durch die Kulturbehörde veranstaltete Ausstellung dar: "Polypolis - Kunst aus Megastädten Asiens". Diese war so gedanken- und konzeptlos zusammengestoppelt und auf die unangenehmste Weise billig und unbedacht präsentiert, daß die 6 Mark Eintritt besser für eine Schachtel Zigaretten aufgewendet worden wären. Da haben sich die zahlreichen Honorarempfänger offenbar einen "guten Lenz" gemacht gehabt. Der ambitionierte 110-Seiten-Katalog (25 Mark) wimmelt von aufgeblasenen Formulierungen wie der nachfolgenden: "Für das chinesische Volk als Ganzes, das aus einer zusammenhängenden und integrierten kulturellen Vergangenheit in die moderne Zeit gestoßen wurde, gestaltet seine historische Obsession einer vereinheitlichten kulturellen Identität weiterhin zeitgenössische Politik." - O Gott, o Gott und Kulturbehörde!

 
 
 

Taipei-Woche im Oktober

Für Anfang Oktober lädt der Taipei-Freundeskreis "Bambusrunde" zu einer "Taipei-Woche" ein. Anlaß ist das 30jährige Bestehen der "Bambusrunde", die von Unternehmern und Kaufleuten, Journalisten und Wissenschaftlern gegründet wurde, als die Republik China auf Taiwan auf der internationalen Bühne der VR China Platz machen mußte. Zugleich feiert in diesem Oktober die Republik China ihr 90jähriges Bestehen. Ein Festakt, gesellschaftliche Begegnungen und Wirtschaftssymposien, auch kulturelle Veranstaltungen stehen im Mittelpunkt dieser Woche. Ein Veranstaltungsprogramm ist über Telefon 040/44 77 88 und Fax 040/44 71 87 abrufbar.

Das Wirtschaftsmagazin "China Contact" wies in seinem August-Heft bereits ausfürlich auf diese "Taipei-Woche" hin. Das ganze Heft -mit mehr als 40 Seiten- ist übrigens Taiwan gewidmet. Es steht unter dem Motto "Auf der Suche. Taiwan braucht neue Wirtschaftsstrategien". Wie immer enthält das Heft zahlreiche lesenswerte Beiträge.

Nur nebenbei bemerkt: Die Gourmet-Restaurants von Mc Donald's bereiten gerade "Asia Woken" vor - mit Shanghai Chicken, Frühlingsröllchen und Kanton Pute und unschlagbaren Preisen von 4 Mark 99 für kräftige Portionen. Das "Woken" für "Wochen" soll feinsinnig an den Wok erinnern, der sich auch hierzulande immer größerer Beliebtheit erfreut. Ob auch die Meisterköche von Mac ihn dann schwingen werden?

 
 
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