Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 11
17. Juli 2001
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Notizen von einem
nächtlichen Schreibtisch
Deutsche Chinatexte
 
         
 

Reise in mehrere Vergangenheiten

Im Grunde besteht die Lutherstadt Wittenberg auch heute nur aus einer einzigen Straße, die als eine Art Magistrale das Städtchen durchzieht. Beim Schlendern über sie kommt dem Flaneur unweigerlich die Vorstellung vor Augen, daß sich vor Jahrhunderten auf ihr drei der größten Deutschen täglich begegnet sind.

Lucas Cranach (1472-1553) wirkte seit 1505 in Wittenberg als Hofmaler des Kurfürsten Friedrich der Weise und bald als Großunternehmer in Sachen Kunst, die er auch in den Dienst der protestantischen Reformation stellte. Diese hatte Martin Luther (1483-1546) durch den berühmten, aber wohl unhistorischen Thesenanschlag an der Schloßkirche 1517 eingeläutet. Seit 1512 lehrte er als Professor an der hier 1502 gegründeten Universität, die sich die Kurfürsten von Sachsen in ihrem Residenzstädtchen leisteten. 1518 wurde Philipp Melanchthon (1497-1560) an diese Universität berufen und bald allerorten als Praeceptor Germaniae gerühmt. Auch privat waren diese drei Geistesgrößen miteinander verbunden und hatten beinahe dreißig Jahre lang die Möglichkeit täglicher Begegnungen.

Wittenberg war auch später nicht arm an bedeutenden Gestalten. Heute zeugen -ein Kuriosum des Stadtbildes- an beinahe jedem Haus mehrere hoch oben angebrachte Tafeln davon, wer sich wann in diesem Hause aufgehalten hatte. Zu China war in Wittenberg nur eine kleine Erinnerung zu erblicken: Eines dieser Schilder war dem Porzellan-Nacheiferer Johann Friedrich Böttger gewidmet.

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Das beschauliche Wittenberg bildete nur eine Zwischenstation auf dem Weg in chinoise Vergangenheiten, auf welchem zusätzlich eine Fülle von Erinnerungen an jüngere Zeiten aufkam. - Wenige Kilometer entfernt liegt Wörlitz, das Gartenparadies, das Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau bald nach seinem Regierungsantritt 1758 nach englischen Vorbildern zu schaffen begann - schon damals nicht nur für die eigenen Ergötzungen. Von Anfang an stand diese Gartenlandschaft auch dem gemeinen Volke offen, und noch heute läßt sich dort ein langer Sonntag-Nachmittag behaglich verbringen. Zahlreiche Schönheiten dieser vergangenen Gartenpracht blieben erhalten, darunter die geschwungene Chinesische oder Weiße Brücke, die 1772 nach dem Vorbild in Kew Gardens bei London errichtet wurde.

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Beim Gang durch den Park fühlte sich der Flaneur an das erinnert, was schon um 1800 als "Gartenlust" vielgerühmt war. Sonst aber - einzigartig auf der Welt, wie mancher Prospekt voll von lokalpatriotischem Enthusiasmus rühmt, war diese Anlage keineswegs. Amüsiert erinnert er sich daran, daß auch in der DDR alles "Weltniveau" hatte. Verstärkt wurden solche Reminiszenzen durch den Kaffee, der ihm im Schloßcafé zugemutet wurde: Er bestellte ihn um 11 Uhr, doch aufgebrüht war er schon in aller Frühe, kalt und abgestanden, wie er sich darbot. Und als der Flaneur sich neugierig dem Liegeplatz der "Gondeln" genannten Kähne näherte, um vielleicht für 10 Mark eine Dreiviertelstundenfahrt auf den Parkgewässern zu riskieren, lautete die barsche Auskunft eines "Gondoliere": "Unter acht Personen fahren wir nicht." Zwei solcher Personen standen schon da, aber wann würden die nächsten kommen? Auch so mancher andere Interessent verzichtete angesichts dieser Unwägbarkeit lieber auf das Warten und die Gondelfahrt. Ein kleiner Aushang "Gondelfahrten - Beginn jede volle Stunde" wäre ein erster Schritt, dem Kunden einige Ungelegenheiten zu nehmen, zu Lasten freilich der Gondoliere, die ihren erfreulichen Müßigstand etwas öfter unterbrechen müßten.

In Schloß Oranienbaum nahebei ist noch mehr von den Chinaträumen vergangener Jahrhunderte zu entdecken. Der Ort Oranienbaum entstand 1673 nach der Umgestaltung des Dorfes Nischwitz, welche auf die nach Anhalt-Dessau verheiratete Prinzessin Henriette Catharina von Nassau-Oranien (1637-1708) zurückgeht. Deren neuerbautes Schloß erhielt mehrere "chinesisch" gestaltete Gemächer, und die großartige Orangerie, in der einst mehr als 500 Orangen- und Zitronenbäume gezogen wurden, vermittelt durch die Neubelebung jetzt noch lebhafte Eindrücke über solche Anlagen, die zu allen Fürstensitzen gehörten, heute aber meistens nicht mehr in der alten Weise genutzt werden.

Der "Chinesische Garten" wurde im Jahre 1795 unter englischen Einflüssen gestaltet. Er blieb offenbar vollständig erhalten, ist aber von Grün überwuchert. Seine Grundzüge sind jedoch deutlich erkennbar: künstliche kleine Gewässer mit Inselchen mittendrin, zahlreiche geschwungene Brücklein aus Eisen, ein "Chinesisches Haus" auf einem dieser Inselchen, das nur in Einzelheiten an China erinnert. Bei der ansehnlich restaurierten Pagode auf einem -ebenfalls künstlich angelegten- Hügel erkennt der Kundige auf den ersten Blick, auf welchen Wegen ihr Urbild aus Nanking in die Nähe von Dessau gelangte.

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Der Ort, der wie viele dieser ländlichen Fürstenstädtchen aus dem 17./18. Jahrhundert nach einem deutlich erkennbaren Plan auf das Schloß ausgerichtet war, wiewohl in einer sehr großzügigen Raumplanung, zeigt manche vergnügliche Einzelheit. Beim Schlendern um den geräumigen Markt erfreut zum Beispiel, daß das fürstliche Pastorat neben einer Schnapsbrennerei lag. Auf der Suche nach einem Kaffee ließ sich auch hier DDR-Erinnerungen nachhängen: In einem Restaurant nahe der Orangerie, das durch einen großzügigen Gartenbereich lockte, wurde dem Gast eine Viertelstunde lang nicht der Anblick der "Bewirtungskraft", wie das in jenen Zeiten hieß, gewährt. Auch sonst war in diesem Restaurantgarten kein Mensch zu sehen. Zurück also zum Marktplatz, denn dort hatte das einzige Café des Städtchens für sich geworben: 500 Meter! Menschenleer war auch dieses und dunkel, so dunkel wie der Kaffee, der erste wohlschmeckende auf dieser Reise, freundlich kredenzt von einer jungen Frau, die ehedem sicherlich als Fachkraft einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) mühsamere Tage erlebt hatte. Auch sonst war in Oranienbaum kaum ein Mensch zu erblicken, kein Einheimischer und kein Fremder. Dabei ist dieses Kleinod barocker Bau- und Gartenlust einen Umweg wert.

Die dritte Station auf dieser Expeditiom zu anhaltinischen Chinoiserien war Schloß Mosigkau - schwer zu finden am Rande von Dessau, beinahe nicht ausgeschildert. Der "Alte Dessauer" wilhelminischer Geschichtsbücher, Fürst Leopold von Anhalt-Dessau, hatte das Dorf gleichen Namens 1742 für seine Lieblingstochter Anna Wilhelmine (1715-1780) erworben und ihr später eine großzügige Apanage hinterlassen. 1752/53 begann sie, eine "eiserne Jungfrau", mit Bau und Anlage von Schloß und Garten, die sie ständig erweiterte und vervollkommnete - zum "vollkommensten Bau aus dem Rokokozeitalter in Anhalt". Das kurz nach 1774 entstandene "China-Haus", auch "China-Pavillon" genannt, war die Stätte für die Teestunden der Prinzessin und später der Damen des Stifts für adlige Jungfrauen, die nach ihr das Schloß bezogen.

Dieser kleine China-Pavillon befindet sich in einem nicht sehr ansehnlichen Zustand, und das ist nicht die einzige Erinnerung an jüngere Zeiten. Das Schloß mit einigen sehenswerten Räumen darf nur unter Führung besichtigt werden. Wann aber findet eine solche statt? Der Flaneur, der um 14 Uhr 15 dort eintraf, erhielt den Bescheid "Jetzt läuft gerade eine Führung", die sich aber offenbar während dieser in Luft aufgelöst hatte, denn niemand verließ das Schloß. "Und dann hat sich", hieß es weiter, "für drei Uhr eine Gruppe angemeldet, die vielleicht etwas später eintrifft. Also sind Sie bald nach 16 Uhr dran." Andere Interessenten, ungefähr zehn bis zwölf, erhielten die gleiche Auskunft und wandten sich empört zum Gehen.

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"Gute" und bescheidene Worte bewirkten die Erlaubnis, einen Anschluß an die Gruppe von 15 Uhr versuchen zu dürfen: eine mäßig interessierte Reisegesellschaft, die für eine Besichtigung gerade 20 Minuten veranschlagt hatte, auch ohne Interesse für die Chinoiserien. Bei Beginn der Führung erlebte der neugierige Flaneur eine weitere Überraschung: Die sachkundige Führerin und die Verkäuferin im Schloßshop waren ein und dieselbe Person - was bedeutete: entweder Führung oder Shop. Die Führerin beklagte, daß das Schloß zu wenige Besucher zähle!

Restaurierungsbedürftig, wenngleich nicht so stark wie der Chinesische Pavillon, erscheint das ganze Schloß. Einige Vitrinen und sonstige Ausstellungsstücke erinnern an glorreiche Schloßereignisse in DDR-Zeiten, wenn Mitglieder der SED-Bezirksleitung vervorbeischauten oder die LPG ein Fest feierte, doch auch aus den älteren Jahrhunderten blieb viel bewahrt. Vor allem ist das der schöne Galeriesaal mit seiner Gemäldesammlung. Nur wenige dieser dereinst beliebten Galerien, in welchen Gemälde gleich Tapeten die Wände bedeckten, blieben vergleichsweise original erhalten. Im Dunkel eines Chinakabinetts verbargen sich einige kunstvolle Lackmöbel mit schönen Chinoiserien. Abbildungen sind nicht zu erhalten, und Fotografieren ist verboten.

Der Shop bot nach dem Rundgang noch eine Überraschung: In einer Vitrine lagen in einer hübschen Mappe Großpostkarten mit Abbildungen von Fächern aus dem Besitz des Schloßmuseums, mit einem Einführungstext dazu. Sollte der ganze Satz tatsächlich nur eine (!) Mark kosten, wie ein Preisschild andeutete - oder doch jede Karte eine Mark, was angesichts heutiger Preise für Kunstpostkarten ebenfalls noch billig wäre? Tatsächlich, der ganze Satz kostete eine Mark. Im fürstlichen Mosigkau lebt die DDR fort, auch in den Postkartenpreisen. - Auch hier war das -angenehm neugestaltete- Schloßcafè menschenleer, der Kaffe frisch gebrüht und wohl geraten, und die freundliche junge Kellnerin langweilte sich vor sich hin: trostloses Mosigkau, ein Kleinod von vor 250 Jahren!

Würde die museale Schloßverwaltung die Wege dorthin ein wenig ausschildern, würde sie Führungszeiten durch das Schloß öffentlich bekanntmachen, die Aufgabenverteilung zwischen Führung und Shopbetreibung etwas besser organisieren, dann hätte das Café gewiß mehr Besucher, das Schloß zumal, und zufriedene überdies. Ließe sich gar noch die -vielleicht doch kleine- Mühewaltung versuchen, die DDR-Postkartenpreise um ein Geringes anzuheben, würde es bald nicht an den Mitteln fehlen, den heruntergekommenenen Chinesischen Pavillon wieder ansehnlich herzurichten.

Verblüffend bei dieser kleinen Exkursion über Wittenberg hinaus war immer wieder, wie nahe kleinfürstliche Herrlichkeiten aus dem 18. und Arbeiter/Bauernparadies aus dem 20. Jahrhundert beieinander waren.

In Wittenberg kaum ein Auto, in Oranienbaum kaum ein Mensch. Nach Wörlitz werden die Besucher in Tagesausflugsbussen gekarrt, doch in Oranienbaum fühlt man sich still wohl. Kinder tollen im Chinesischen Garten und lästern die Fremden an, weil sie selten einen solchen zu sehen bekommen. Weitere Kleinode, von denen hier nichts verraten werden soll, liegen in der Nähe. - Sollte die HSG nicht einmal einen Wochenendausflug nach dort organisieren?
 
 
 

Ab in die Semesterferien

In Hamburg brütet der Hochsommer, jetzt Anfang Juli. Die Bäume prangen in vollem Grün, die Vögel singen, und die jungen Frauen tragen ihre gepiercten Bäuchlein, die durchaus nicht immer waschbretthaft anmuten, spazieren. Das Semester neigt sich dem Ende zu, und für den Berichterstatter läßt das nächste Semester lange auf sich warten, denn ihm wurde ein Forschungsfreisemester gewährt.

Wer wohl dieses dumme Wort von den Waschbrettbäuchen aufgebracht hat?! Jedenfalls war er ahnungslos. Gemeint werden, wenn der Berichterstatter derlei noch richtig versteht, die ganz glatten mittleren Leibeszonen junger und überdies schmalhüftiger Damen. Ein Waschbrett hingegen -er erinnert sich noch zu gut an die dörflichen Waschküchen seiner Kindheit- mußte über eine stattliche Breite verfügen, denn auch die leinene Bettwäsche war auf ihm zu schrubben. Damit diese überhaupt in angemessener Weise behandelt werden konnte, bestand der "Leib" eines Waschbretts, neben einem hölzernen Rahmen, aus einem gewellten Blech, dessen Wellen in regelmäßigen Abständen aufeinander folgten. Über die Wellenkämme war dann das Bettzeug, beispielsweise, langsam zu ziehen und kräftig mit einer Borstenbürste zu bearbeiten. Eine schreckliche Prozedur an einem schrecklichen Instrument! Am Ende waren die Hände der Hausfrauen geschwollen oder bis auf das Blut aufgerieben. - Waschbrettbäuche?

desk11_6 Auch mit den Piercungen an diesen Bäuchlein, die sich augenscheinlich häufig am Nabelrand befinden, ist das so eine Sache. Nach sachverständiger Auskunft richten vor allem erfahrene Mütter, solche mit zwei, drei Kindern, ihren Blick auf diese Leibesregion: Mit welchem Geschick wurde der Nabel abgebunden? Die Qualität dieses Handgriffs, die erst zu einem vollendet gestalteten Nabel führt, bedeutet solchen "Fachfrauen" durchaus viel - und solche Piercungen locken den Blick auf eine der heikelsten Problemzonen der jungen Frauen, jedenfalls für Kennerinnenblicke. Auf solche Art klaffen die Modeerscheinungen des Live Style und die Alltagsbetrachtungen oft auseinander.

Weder dem einen noch dem anderen kann natürlich ein sinologisches Forschungssemester gelten. - Drei Stapel von Papieren liegen jetzt auf dem nächtlichen Schreibtisch. Sie werden immer wieder hin und her bewegt: einmal der eine links, dann der nächste, wieder der dritte und umgekehrt und durcheinander. Ein kleines Buch soll in dieser Zeit entstehen, vielleicht 200 Seiten stark, aber die Entscheidung fällt schwer, aus welchem Stapel von alten Papieren es erwachsen soll. Demnächst muß die Entscheidung fallen.

Danach wird der nächtliche Schreibtisch erst einmal verwaisen: ab in die Ferne! Nicht ganz ohne Beklommenheit denkt der Berichterstatter allerdings an diese. Die Speisen dort sind, dem Vernehmen nach, schlicht und karg. Ein Hamburger Rathaus-Festmahl mag da als gute Einstimmung erscheinen, und von dort kam auch noch nie ein Staatsbesucher nach hier. Auf dem nächtlichen Schreibtisch werden demnächst ein paar Fotos von dort liegen.

"Ab im Urlaub!" rief ein alter Freund, Dr. Klaus Gruna, dereinst wohlgemut, Veronika Feldbusch antizipierend, als er sich im vornehmsten Hutgeschäft von Münster einen Tropenhelm zugelegt hatte. Einen solchen benötigt der Berichterstatter nicht, doch einen Schlapphut hat er bereits erworben. Ein Foto mit dem wird jedoch nicht auf dem nächtlichen Schreibtisch liegen - lacht er und freut sich auf die nächsten acht Monate, voller Allotria und Schreibereien und Wissenschaft.

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In einem der alten Papierstapel fand er zufällig noch einen kleinen Text, den offenbar ein altchinesischer Gourmet verfaßt hatte. Schnell schreibt er noch eine -etwas flüchtige- Übersetzung hin.Vielleicht erfreut der Text auch sonst jemanden.

Über die Kuchen
von
Wu Chün (469-520)

Herr Sung kam nach Ch'ang-an, wo er Ch'eng Chi traf, den ehemaligen Vizedirektor der Hofküche unter Yao Hung. Da dieser ein verständiger und gewitzter Mann war, fragte er ihn: "Was ist heutzutage die beste Speise?"
Chi sagte:
	                 "Wenn der Mittherbst das Licht fernhält,
	                 die scheidenden Zikaden in die Stille trachten,
	                 die Morgenbrise in die raschelnden Blätter fährt
	                 und die Nachfröste immer kälter werden,
	                 kann ich mich, all diesem ausgesetzt,
	                 allein noch an den Pasteten erfreuen."
							
"Wie vortrefflich!" sagte jener.
Darauf sagte Chi, diese preisend:
	                   "Der die Tauben abschreckende Weizen aus An-ting,
	                   in den besten  Mühlen von Lo-yang gemahlen,
	                   dazu die stets gleichen Zwiebeln  aus Ho-tung,
	                   Fleisch von den Kälbern aus Lung-hsi, denen der Rücken geschleckt wurde,
	                   und den Zicklein aus Pao-han, denen mit dem roten Mark,
	                   auch die gesalzenen Bohnen vom Nordtor in Chang-i,
	
	                   erhitzt über Silberbruch
	                   und geröstet in goldenen Pfannen,
	                   mit frosttrotzenden Orangen vom Tung-t'ing-See
	                   und Pfeffer aus Ch'ou-ch'ih, dessen Blüten an den Stengeln sprossen,
	
	                   abgeschmeckt mit Salz aus Chi-pei,
	                   ein Hähnchen aus Hsin-feng dazugeschnitten,
	                   so fein  wie Jadebruch vom Berge Hua
	                   und weiß gleich der Silberbronze vom Liang-fu -
	                   sobald ich ihren Duft spüre, sehnt sich mein Gaumen,
	                   und mein Herz schmilzt dahin, sobald ich sie erblicke."
							
"Wie herrlich!" rief jener aus.

Wu Chün ist vor allem als Geschichtsschreiber bekannt. Von seinen Werken blieben allerdings nur Fragmente erhalten, zahlreiche jedoch von seinen Gedichten. Den Orangen widmete er eine "Poetische Beschreibung", in welcher er diese als "Frucht im goldenen Kleide" rühmt.
Diese enthuasiatistische Lobpreisung der Pasteten besteht im Grunde aus nur einem einzigen Sartz, über drei Strophen verteilt. Die Ingredienzien lassen sich nicht ohne weiteres lexikalisch bestimmen. Sie stammen jedenfalls aus allen Teilen des Alten Chinas, das zur Lebenszeit des Wu Chün in mehrere Teilherrschaften zerfallen war.
Der Umstand, daß der erwähnte Yao Hung (+ 417), als Kaiser der Späteren Ch'in zwei Jahre lang über ein solches Teilreich herrschend, lange vor Wu Chün lebte, legt die Vermutung nahe, daß diese kulinarische Lobrede noch einen anderen Hintergrund hatte. Vielleicht war sie eine politisch-historische Satire. Desungeachtet zeigt der Text, wie hochentwickelt die Gaumenfreuden dieser frühen Zeit waren.
 
 
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