Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 11
17. Juli 2001
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte Deutsche Chinatexte
 
         

Die ultimative Auskunft

Die Wochenzeitung "Die Zeit" hat sich in ihrer Ausgabe vom 28. Juni 2001 wieder einmal um die deutsche Chinaaufklärung verdient gemacht. Unter der Überschrift "Schwielige Buchstaben" beantwortete "Zeit"-Expelte Chlistoph Dlössel die Leseranfrage "Können Chinesen wirklich kein R aussprechen?" wie folgt:

"Sowohl Chinesen als auch Japaner haben Probleme mit unseren Konsonanten L und R - auf unterschiedliche Weise. Im fonetischen Repertoire der Chinesen gibt es unseren Laut L. Außerdem existiert ein weiterer, der in der Umschrift mit R notiert wird, aber eher wie eine Mischung aus dem amerikanischen R und dem G in 'genieren' klingt. Deshalb klingt es oft seltsam, wenn ein im Deutschen ungeübter Chinese Wörter mit R ausspricht."

dct11_1 "Deshalb" und das war's? - Nein, jetzt folgt noch ein Absatz über die Japaner, die gar nichts können: kein L und kein R. Verbunden ist diese Auskunft mit einem diesbezüglichen schmutzigen Witz.

Da lobe ich mir die beiden kellnernden Chinesen Wang und Li, dereinst in der Show von "Dilty Halald". In einem Interview sagte Wang auf die Frage, worüber er lache: "Wenn Ausländer schlecht Chinesisch sprechen." Li wußte wieder Konfuzius zu zitieren: "Mühsam elnählt sich das Eichhölnchen ."

Mühsam tut das auch der "Zeit"-Experte. Vielleicht sollte er gelegentlich einige Stunden Chinesisch-Unterricht nehmen. Auch sonst gilt, wie Konfuzius wußte: "Lernen und sich fortwährend üben - ist das nicht auch eine Freude?"
 
 
 

Kleine Freuden

Manchmal flattern mir kleine Kostbarkeiten auf den Schreibtisch, die auch in der bestbestückten sinologischen Seminarbibliothek nicht zu finden wären. Vor einiger Zeit war das ein kleines Heftchen, ein "Münchener Lesebogen": 16 Seiten im Format 10.5 mal 14.5 Zentimeter. Bei der Titelseite ist augenscheinlich etwas schief gegangen, aber vielleicht auch deshalb ist das Heft eine kleine Köstlichkeit, nicht nur wegen der beigegebenen chinoisen Scherenschnitte. Das Heft ist wohl in den 1920er Jahren erschienen.

Ein Gerhart Haug schreibt einführend über "Das chinesische Gedicht", und das tut er auf ordentliche Weise. Chinesisch konnte er offenbar nicht viel, doch nicht ohne Genuß zitiert er drei damals beliebte Übersetzungen eines der berühmtesten chinesischen Gedichte:
		Vor meinem Bette
		     Ich Mondschein seh',
		Als wär' der Boden 
		     Bedeckt mit Schnee.
		Ich schau zum  Mond auf,
		     Der droben blinkt,
		Der Heimat denkend
		      Das Haupt mir sinkt.
		(A. Forke)
		
		Ich erwache leicht geblendet, ungewohnt
		Eines fremden Lagers. Ist es Reif, der über Nacht den Boden weiß befiel?
		Hebe das Haupt - blick in den strahlenden Mond,
		Neige das Haupt - denk an mein Wanderziel ...
		(Klabund)
		
		In fremdem Lande lag ich. Weißen Glanz
		Malte der Mond vor meine Lagerstätte.
		Ich hob das Haupt - ich meinte erst, es sei
		Der Reif der Frühe, was ich schimmern sah,
		Dann aber fühlte ich: der Mond, der Mond,
		Und neigte das Gesicht zur Erde hin,
		Und meine Heimat winkte mir von fern.
		(H. Bethge)
		
Dann schlußfolgert Haug kühl: "Aus diesen drei Beispielen ist zu ersehen, wie weit sich eine Deutung chinesischer Gedichte treiben läßt, ohne daß man sagen könnte, es sei falsch. Welcher soll man den Vorzug geben?" - Dieses chinesische Gedicht besteht aus vier Versen zu je fünf Wörtern.

Haug wagt sich auch an eigene Übersetzungen, die er dem auf der Titelseite im Kopfstand bezeichneten kleinen "Roman", wohl aus dem 16. Jahrhundert, entnimmt, nach französischen Vorlagen. Acht Gedichte über die Birnenblüte, die in China eine andere Färbung aufwies als die neueren Züchtungen, gehören dazu:
		O Blüten, weiße Schatten  in der hellen Nacht.
		O Mond, du Freund, umglitzerst sie. Die Macht
		Des Frühlings hat die Blüten all,
		Die weiß wie Jade waren, purpurn nun entfacht.
		Nicht Aprikosen- oder Pfirsichblüten sind's -
		Das Blut der Liebe hat sie rot gemacht.
		
Diese Münchener Lesebogen dienten vor vielen Jahrzehnten offensichtlich dem Zweck, einem allgemein interessierten Publikum um wenig Geld erste literarische Bildung zu vermitteln. Der damals interessierte Laie Haug hat das gewiß besser getan als der Zeitungsexperte der Gegenwart.
 
 

Das zweckentfremdete Tofu und andere Nachträge

Auch Bürgermeister Runde hat sich, dem "Zeit"-FINIS (siehe Folge 10) nicht unähnlich, Gedanken über Hunde gemacht. "500 Hunde eingezogen" titelte das "Abendblatt" am 16./17. Juni seine "positive Bilanz". Über die Verwendung dieser Bärbeißer mit den dichtfaserten festen Fleisch schwieg er sich aus. Genaueres wußte Alfons Schweiggert in seinem "Das endgültige Wolpertinger Handbuch". Er zitiert Lao-tse: "Der Wolpertinger ist die Mutter aller zehntausend Dinge."

Im ehemaligen Bahnhof Friedrichsruh zeigt die Bismarck-Stiftung jetzt "unbekannte Schätze" aus dem Nachlaß des Fürsten, der 800 Kartons umfaßt. Auch ein Foto mit dem chinesischen "Vizekönig" Li Hung-chang ist darunter, dessen Besuch bei Bismarck vor 105 Jahren eine für diesen erfreuliche Chinaerfahrung darstellte

Weniger erfreulich war die Chinaerfahrung, die Karl Lagerfeld im Lincoln Center in New York bei einer Preisverleihung zuteil wurde: Tierschützer bewarfen ihn mit Tofu-Kuchen. Der in Hamburg beliebte Modezeichner und -sottiseur überstand die Attacke mit Contenance. Die Dame Jil Sander und Herr Joop, die er öfter hintergründig bedacht hatte, mögen schadenfroh gegrinst haben.

Noch näher rückt China vielleicht demnächst den Anrainern des Spielbudenplatzes. Dort sollen zwei Drachen -"mit Laser in den Köpfen"!- und zwei Brunnen, allesamt gestaltet durch die schon etwas einfallsarme französische Künstlerin Niki de Saint Phalle, aufgestellt werden. Stadtentwicklungssenator Wilfried Maier von den Grünen schätzt die Kosten auf 4.5 Millionen Mark und hofft auf Sponsoren.

Der Spielbudenplatz, dereinst eine Hamburger Institution, war mit den Jahren schmuddelig geworden. Das gilt seit einem Jahr auch für ein Flaggschiff der HH-Kultur, das Schauspielhaus. Die Kritiken waren ungnädig, und das Publikum blieb zu Hause. Jetzt kündigt dieser Dampfer ein mehrwöchiges Gastspiel "Die mystischen Kräfte der Shaolin-Mönche" an. Die abgezoppten Greise aus dieser Truppe sollen das Publikum wieder locken - nach dem Großen Staatszirkus und nachdem in dem "Quidam"-Programm des Cirque du Soleil vier kleine Chinesinnen entzückt hatten. Die Szene-Zeitschrift OXMOX widmete diesem Ereignis bereits die Titelgeschichte der Juli-Ausgabe.

Drei junge, aber unbedarfte Hanseatinnen waren ebenfalls unterwegs: Ihr "Shopover in Shanghai" war der WamS am 24. Juni einen Dreispalter wert. An Quallen haben sie sich delektiert ("sehr lecker und knackig") und etwas Chinesisch gelernt: Oomen Di Nei Shanghai, "Shanghai, wir lieben dich!" Shanghai sei eine Stadt, "wie für Frauen geschaffen", aber die Konfektionsgrößen seien dort zu klein für sie gewesen.

Auch sonst treibt die Sommerhitze Flachsinn hervor. Ein Eis mag ein wenig Kühlung verschaffen und die drei Hanseatinnen darüber hinwegtrösten, daß "an der frittierten Seeschlange nicht so viel dran war", diese eher wie ein "trockenes Hühnchen" mundete. Auch zum Speiseeis weiß die WamS bisher Unbekanntes beizutragen, am 13. Mai: "Die Chinesen waren die ersten Eishersteller. 3000 vor Christus wurde bereits Schnee mit Milch und Früchten als Dessert gemischt und in 'Eisdielen' verkauft." - Zu gerne wäre der Berichterstatter in einem früheren Leben einmal durch solche steinzeitlichen Eisdielen geschlendert.

Andere China-Freuden empfindet US-Präsident Bush: Das Hainan-Flugzeug kehrte in die USA zurück. Als es auf Hainan notlanden mußte, hatte der Präsident nur eine Sorge - das Wohlbefinden seiner Hochluft-Spione. "Warum haben sie keine Bibeln?" rief er aus. "Können wir ihnen Bibeln besorgen?" Jetzt haben ihm die Chinesen eine Zwei-Millionen-Rechnung über die Bewirtungskosten für die Besatzungsmitglieder und über das Zerlegen des Flugzeugs zugestellt. Ob auch sie an die Bibeln gedacht haben?

Zum Schluß eine weitere Erfreulichkeit: Am 4. Juli 2001 wurde Dr. Oskar Weggel, Pensionär des Instituts für Asienkunde, an welchem er von 1968, seit den Zeiten der chinesischen "Kulturrevolution", bis 2000 gewirkt hatte, durch die Verleihung des Titels "Profeesor" geehrt.
Diesen Titel tragen nach den Bestimmungen Hamburger Gesetzlichkeiten die professoral Lehrenden an der Hamburger Universität und an den Hochschulen und Fachhochschulen der Hansestadt. Ehrenprofessuren können hinzukommen - für verdiente Wissenschaftler, auf Vorschlag der Universität oder der Hochschulen. Komplizierte und monatewährende Verfahren gehen solchen Ernennungen voraus. - Daneben gibt es die sogenannte "Senatsprofessur", durch welche herausragende Persönlichkeiten geehrt werden, nach einem nicht genau bekannten Verfahren. Ida Ehre, der Schauspielerin und Theaterprinzipalin, oder der botanikverliebten Exbundeskanzler-Gattin Loki Schmidt wurde diese Senatsprofessur zuerkannt, die höchstrangigste aller HH-Professuren, auch schon einmal einem Sponsor oder einem Sänger.
Dr. Weggel gebührt diese Ehrung fraglos: 900 Veröffentlichungen, die einen Eintrag in das Guinness-Buch rechtfertigen sollten, darunter das "grundlegende", wie bei dieser Gelegenheit hervorgehoben wurde, Werk "Die Asiaten". Für einen Wissenschaftler gehört ferner zu den Erfolgserlebnissen der besonderen Art, wenn ihm gelingt, eine Hypothese zu entwickeln oder einen Begriff zu finden, auf welche die Fachkollegen nie gekommen wären. Auch das ist Professor Weggel gelungen: "Metakonfuzianismus" - als Erklärungschiffre für beinahe alles in China.

Ach ja, und dann war da noch der Kuß vor dem Bezirksamt Eimsbüttel, Hallerstraße 1 (siehe noch einmal Folge 10)! - Dort war eine solche Plastik von Frank Radmacher nicht zu entdecken, das Bezirksamt ist inzwischen umgezogen, und bei dem Künstler meldet sich nur der Anrufbeantworter. Eine andere Plastik prangt jedoch vor dem Haus Hallerstraße 1, unübersehbar. Leider ist sie nicht näher bezeichnet, doch sie erinnerte den nachzahnärztlichen Flaneur an Hamburgs Stadtgöttin Hammonia, welche dereinst Heinrich Heine lebhaft besang:

dct11_3
      Ihr Antlitz war rund und kerngesund,
      Die Augen wie blaue Turkoase,
      Die Wangen wie Rosen, wir Kirschen der Mund,
      Auch etwas rötlich die Nase.

      (...)

      Die weltlichste Natürlichkeit
      Konnt man in den Zügen lesen,
      Doch das übermächtige Hinterteil
      Verriet ein höheres Wesen.
	
Solche Darstellungen begegnen nicht eben selten im Hamburger Stadtbild. Wahrscheinlich leisteten sie vor Jahrzehnten einen erheblichen Beitrag zur Aufklärung der heranwachsenden männlichen Jugend und förderten die Ausbildung männlicher Schönheitsideale.
 
 
[China - Hamburg]   [ChinaS]   [Schreibtisch-Notizen]   [Chinatexte]
Seitenanfang Hauptseite Suche & Archiv Impressum