Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 11
17. Juli 2001
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst ChinaS
jetzt und einst
Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
         
 
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Die Freuden der Sinologie II

 

 

Jeder Professor merkt auf, wenn er von den Studenten seines Faches auch außerhalb der Seminarräume Erfreuliches wahrnimmt. Das widerfuhr unlängst dem Berichterstatter beim Ströpen im Internet: Eine Studentin hatte über sein Proseminar geschrieben.
Nicht wenige Jungsinologen streben einen Beruf in den Medien an. Während des Studiums bietet sich ihnen selten die Gelegenheit für Übungen in kreativem Schreiben. Referate, Klausuren und schriftliche Hausarbeiten zu einem Fachthema sind dafür kaum geeignete literarische Formen. Also lautete eine Aufgabe in diesem Proseminar, einen kurzen "freien" Text über China zu schreiben. Eine staunenswerte Vielfalt kam dabei zusammen.

Mancher von den Teilnehmern hatte seine erste Chinareise bereits hinter sich. Einer (M.H.) erinnerte sich an die Beschwerlichkeiten chinesischer Bahnreisen und ihrer Vorgeschichten:
"Da sind zunächst diejenigen, die so weit vorne stehen, daß sie es schaffen, eine Hand bis über den Tresen auszustrecken. Sie winken mit Geldscheinen und schreien in Richtung des Schalterbeamten. Die nach hinten dringenden Satzfetzen klingen nach Ortsnamen: 'Suzhou, Hangzhou, Nanjing.' Die Zuversicht, aus der freudigen Erkenntnis heraus, am richtigen Schalter zu drängeln, schwindet mit dem nächsten Ellenbogen zwischen den Rippen."

Ein nächster (E.S.) war trotz alledem an seinen Sehnsuchtsort, den legendären Westsee in Hangzhou, gelangt und hängt still seinen Gedanken über Menschen nach, die ihm ganz anders erscheinen:
"Dieses Land und seine Menschen sind meines Erachtens sicherlich wert, daß ich mich weiterhin mit ihnen beschäftige. Sie scheinen so verspielt. Ich meine, in ihren Augen einen anderen kindlichen Glanz sehen zu können. Sie lachen viel öfter. Sie freuen sich überschwenglich über kleine Dinge und verstehen es, sich gedankenlos miteinander zu bewegen. Arm in Arm, Hand in Hand, Schulter an Schulter ziehen sie vorbei. Egal ob ein Paar, Freunde, Familie oder Bekannte."

Eine Studentin /M.H.) wird aus solch einer Stille, auch der inneren, aufgeschreckt und findet für sich einen Ausweg aus dem Erschrecken:
"Es war wieder laut. Alle blickten uns an, riefen uns zu. Auf den Straßen wurde gehupt und geklingelt, gefeilscht und gelacht und auch schon einmal gestritten. Die Ruhe, die wir den Tag über genossen hatten, war weg, einfach verschwunden. Ich merkte schon, wie ein Ärger, der nur aus der Enttäuschung über die zerbrochene Stille herrühren konnte, in mir aufstieg, als ich plötzlich verstand: Alles war vergänglich - der Schmerz, die Entspannung, die Musik und die Stille, die Wege, die wir zurücklegten, unser Hunger, unsere Zufriedenheit und Unzufriedenheit, ein Lächeln und Worte."

Mancher ist schon mit genaueren Erwartungen und Plänen nach China gereist, ein Gongfu-Adept (J.M.) erlebte staunend ein uraltes Knobelspiel:
"Eines Abends dann saßen die beiden Chinesen und mein Meister draußen vor der Holzhütte am Tisch und spielten ein komisches Spiel, bei dem sie laut zählten, irgendwann auflachten und einer, der Verlierer, Schnaps trinken mußte. Wie sich bald herausstellte, nannte sich dieses seltsame Spiel Huaquan, Fingerknobeln. (...) Sie waren dabei sehr laut und fingen schon fast an zu schreien, wenn es einmal länger dauerte. Dann plötzlich schlug einer mit der Faust auf den Tisch und lachte entweder ein wenig schadenfroh oder ärgerte sich und stieß vielleicht eine nicht ganz ernst gemeinte Beleidigung -auf Chinesisch- aus und trank den Schnaps. Das war wirklich eine fröhliche Runde."

Auch zu kulturvergleichenden Alltagseindrücken bietet eine Chinareise vielfach Anlaß, so bei B.D.:
"Zum Beispiel wußte ich nicht, daß es als ungehörig gilt, bei Tisch zu niesen, oder daß man den anderen auffordern sollte, sich Zeit zu lassen, wenn man vor diesem sein Essen beendet hat. Diese Situation läßt sich natürlich auch umkehren, denn Chinesen, die nach Europa reisen, stehen vor demselben Problem. So hörte ich vor kurzem die Geschichte eines chinesischen Austauschschülers, der mit den deutschen Höflichkeitsformen noch nicht vertraut war und sich -abgeleitet von der in China gebräuchlichen Anrede lao ye-ye- mit der Bezeichnung "Opa" an einen älteren Herrn wandte, um den Weg zu erfragen. Die hierauf folgende wütende Reaktion war ihm natürlich ganz unverständlich, denn schließlich wollte er nur höflich sein."

Einen nicht geringen Teil der Sinologiestudenten machen mittlerweile die in Deutschland aufgewachsenen Abiturienten chinesischer Herkunft aus. Deren Erfahrungen sind manchmal so unerfreulich wie stereotyp, auch bei M.Y.:
"... dann fragten alle, ob ich denn schon mal Hund gegessen habe und ob es stimme, daß man dort den Mädchen noch immer die Füße binde. 'Davon habe ich ja noch nie gehört', habe ich dann meistens, wirklich ehrlich, meinen Klassenkameraden geantwortet. Manchmal fingen sie dann an, statt einem R ein L zu sprechen: 'Walum bist du nach Deutschland gekommen?' Ja, das war natürlich echt lustig, oder sie sangen "Dlei Chinesen mit dem Kontlabaß'. Am Anfang war ich wirklich verärgert darüber. Außerdem habe ich meiner Mutter verboten, mit mir Chinesisch zu sprechen, wenn wir zum Beispiel im Bus saßen. Ich wollte genau so sein wie die anderen."

Manche, die noch nicht nach China reisten, träumen sich hier nach dort und kleiden den Traum, wie C.H., passenderweise in Gedichtform:
"Irgendwo dort, wo sich die Sonne über den Horizont schiebt,
wo der Ostwind geboren wird und über die Bergwipfel des Himalaya in die Ebene pfeift,
irgendwo dort, wo der Kaiser jahrtausendwährenden Schlaf zwischen tönernen Armeen schläft,
wurden einst jene Drachen geboren,
die mich bis heute in ihrem Zauber gefangen halten."

Eine nächste, K.J., versetzt sich auf ähnliche Weise gar in einen kleinen Buben, von dem sich erst allmählich herausstellt, daß es sich um einen heranwachsenden chinesischen Kaiser in der Verbotenen Stadt handelt:
"Vor dem großen roten Tor steht ein kleiner Junge. Es ist früh am Morgen, deshalb konnte das Kind auch unbemerkt bis zum Tor gelangen, aber das Tor ist verschlossen, und für den kleinen Jungen wird es auch heute nicht wieder geöffnet. Es zieht ihn auf die andere Seite des Tores. Sein Haus kennt der Junge. Die vielen Menschen, die sich angeblich nur um sein Wohlergehen sorgen, und die vielen großen Plätze sieht er jeden Tag. Hinter dem Jungen befindet sich ein solcher großer, menschenleerer Platz. Ein schmaler Bach mit fünf reich verzierten Brücken haucht ihm ein wenig Leben und Harmonie ein. Er möchte aber die Stadt sehen - die Hauptstadt."

Einer wieder nächsten, L.W., gelingt gar, im Gedichttraum Hamburg und Shanghai unmittelbar zu verbinden:

"Heute morgen bin ich wieder früh aufgewacht
Nach einer Nacht ohne Träume
Durchkreischt vom Lärm der Sägen und Bohrer
Dem Wachsen der Häuser.
(...)
Heute morgen bin ich wieder früh aufgewacht - und war in Shanghai."

Viel genauer als jede Seminararbeit vermitteln solche Ein-Seiten-Texte etwas Unwägbares. Neben diesen kleinen literarischen oder erzählenden Versuchen gab es auch Arbeiten, die große Themen in einem Mini-Essay reflektierten: das Imperium Sinicum, ein chinesisches Gemälde, China als Weltmacht, anderes mehr. Vielleicht ergibt sich ja eine Gelegenheit, auch diese einmal anzuführen.
 
 
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Neue Bücher aus der ChinA

Nach längerer Vorbereitungszeit begann die Hamburger Sinologische Gesellschaft (HSG) im März dieses Jahres mit der Publikation einer neuen Schriftenreihe: "Hamburger Sinologische Schriften". Diese soll die Ergebnisse sinologischer Forschungen zu möglichst günstigen Preisen einem weiteren Publikum verfügbar machen. Der Druck der ansprechend gestalteten Bände, die sogar eine Titelgraphik aufweisen, erfolgt nach dem kostengünstigen Konzept des "printing on demand".

Die 350seitige Schrift "Die Entwicklung des höfischen Theaters in China zwischen dem 7. und 10. Jahrhundert" von Dorothee Schaab-Hanke eröffnete diese Schriftenreihe. Dieser Dissertation gelang der Nachweis, daß die Ursprünge des chinesischen Theaters einige Jahrhunderte länger zurückliegen als bisher gemeinhin bekannt. Sie zeigt ferner Möglichkeiten auf, deren Anfänge noch weiter zurückzuverfolgen.

Anfang Mai lag dann ein weiterer Titel vor: "Feng Kuei-fen und sein Chiao-Pin lu k'ang-i", von Kai Vogelsang, mit 250 Seiten. Das war ebenfalls eine Hamburger Dissertation, eine preisgekrönte. Nach umfangreichen Archivstudien in China und Europa schuf der Autor mit dieser Arbeit die Grundlagen dafür, daß die komplizierte literarische Hinterlassenschaft dieses bekannten Reformdenkers im 19. Jahrhundert auf eine solide textliche Grundlage gestellt werden kann. Zugleich deutet Vogelsang wesentliche Elemente für eine Neuinterpretation dieses Denkers an.

Noch in diesem Jahr werden weitere interessante Texte in den "Hamburger Sinologischen Schriften" erscheinen.
 
 

Chinesisches in Klein Flottbek

Der Botanische Garten der Universität Hamburg in Klein Flottbek ist zu allen Jahreszeiten einen Besuch wert. An diesem Hochsommertag war seine Blütenpracht unbeschreiblich. Eine leichte Brise, die von der nahen Elbe aufstieg, linderte die lastende Hitze, und ein seitens der Gartenverwaltung vorbereiteter Tee im China-Pavillon erquickte zusätzlich.

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Für den 6. Juli 2001 hatte die Hamburger Sinologische Gesellschaft (HSG) zu einem "China-Spaziergang durch den Botanischen Garten" eingeladen. Fünfzehn Personen waren dieser Einladung gefolgt: nicht viel, doch immerhin, und alle Lebensaltersstufen waren vertreten - von zwei Jahren bis zu ungefähr siebzig, was einen Durchschnitt ergibt, der dem Alter dieses Gartens wohl angemessen war. Er war an diesem Ort, nach seinem Vorläufer in Planten und Bloomen, erst 1979 eröffnet worden, und den, der bereits diese Anfänge erlebt und das Gedeihen des Gartens über die Jahre hinweg verfolgt hat, konnte sein Anblick an diesem Sommertag nur entzücken.

Für das eine oder andere junge Pärchen ist der Botanische Garten offenbar eine Stätte liebevollen Verweilens, auch manche Spaziergängerin oder mancher Spaziergänger sucht ihn gerne auf und findet dann genug Gelegenheit, sich des Hamburger Dichters Barthold Hinrich Brockes (1680-1747) zu erinnern, der in seinem Hauptwerk "Irdisches Vergnügen in Gott" jedes Insektlein an jedem Zweiglein zu preisen wußte. Nicht nur Poet war dieser Naturhymniker, sondern auch hanseatischer Diplomat, und seines fernen Hamburger Nachfahren Peter Rühmkorf (* 1929) erster Gedichtband, 1959 unter dem Titel "Irdisches Vergnügen in g" erschienen, weist einen ganz anderen Ton auf. Zum hanseatischen Diplomaten eignete sich Rühmkorf nie. Auch über eine China-Reise, in seinen Tunichtgut-Jahren, hat er geschrieben, und später wurde seine Eheliebste Eva Frauengleichstellungssenatorin des HH Senats, immerhin - Brockes gewiß auch das zum Graus.

Allein oder zu zweit läßt sich im Botanischen Garten herrlich verweilen. Sachkundige Führung vermittelt dem Besucher allerdings weitergehende Aufschlüsse und Einblicke. Alleine hätte ein müßiger Flaneur nicht die aus China stammenden Riesen-Lilien entdeckt, die kluger gärtnerischer Bedacht in einen schattigen Winkel gepflanzt hatte. Knapp drei Meter über dem Boden prangte die Fülle ihrer Blüten. Wer außer der Fachfrau Sabine Rusch, welche die HSG-Neugierigen am 6. Juli führte, hätte auch gewußt, daß eine englische Redensart besagt: "Die Riesenlilien gedeihen nur, wenn ein König darunter liegt." Vielleicht sind sie in Klein Flottbek noch nicht zu voller Höhe erwachsen, weil HH ein Defizit an Königen aufweist.

Diese englische Redensart deutet an, daß viele China-Gewächse auf dem Umweg über die englischen Gärten des 18. Jahrhunderts nach Europa gelangten - und kaum jemand in der Gruppe der China-Spaziergänger an diesem Nachmittag dürfte geahnt haben, wieviele der hierzulande beliebten Gartengewächse ihren Ursprung in China haben. Das gilt sogar für solche, deren botanische Namen auf Japan verweisen. Sie waren zwar in Japan von den frühen westlichen Reisenden entdeckt und entsprechend benannt worden, doch zuvor hatten japanische Mönche oder Handelsreisende sie aus China geholt und in Japan angesiedelt.

Besonderes Augenmerk richtet der Botanische Garten auf seine Sammlung von Bambussen, das Spezialgebiet der kenntnisreichen Sabine Rusch. Der Chinaenthusiast kennt natürlich den Bambus in Natur, Bildern und Texten, doch nach den Ausführungen bei diesem Rundgang wird er ihn mit anderen Augen betrachten - und die Vielgestalt der Varietäten zu beachten lernen. Da ist, zum Beispiel, diese eine Art, deren Rohr in Bodennähe stets einen starken Knick aufweist; Unterarten zeigen dann höher am Stamm entweder einen gelben oder grünen "Strich". Da wird demnächst ein weiterer Besuch notwendig sein, um die Namen zu notieren und weitere bis dahin unbemerkte Einzelheiten bei den Bambussen genauer anzusehen.

Auch in anderer Hinsicht lohnt sich, das Augenmerk auf den Botanischen Garten zu richten. Er bietet ein überaus interessantes Programm von Veranstaltungen an, deren Erträge der weiteren Vervollkommnung des Gartens dienen sollen. Und Sabine Rusch wird im März 2002 eine durch das Reisebüro Wunderlich organisierte Gartenreise durch China führen.

Überdies plant der Botanische Garten, um den schon vorhandenen China-Pavillon herum einen Chinesischen Garten im Stil der alten Literatengärten anzulegen. Die Planungen sind bereits weit gediehen, die Kosten werden auf vier Millionen veranschlagt - und demnächst werden diese "Notizen" wohl Einzelheiten zu diesem Projekt berichten.
 
 
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