Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 11
17. Juli 2001
China-Hamburg jetzt und einst China-Hamburg
jetzt und einst
ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
         
 

Ein sonderbarer Besuch aus China

In der Woche vor dem 17. Juni 2001 hatten die Protokoll-Prestitigitateure in der Senatskanzlei der Freien und Hansestadt Hamburg wahrscheinlich eine Menge zu tun. Wu Bangguo war angesagt, Stellvertretender Ministerpräsident der VR China, doch offenbar hatte niemand gewußt, daß er kommen werde - mit einem Gefolge von ungefähr fünfzig Mann, einigen Frauen dazu. Da ratterten in den Büros der Hamburger China-Szenen die Faxgeräte: Einladungen für ein Abendessen des Senats zu Ehren des Chinesen im für Ostasiaten stets eindrucksvollen Festsaal des Rathauses waren zu versenden. Wenn sonst bei solchen Gelegenheiten die Einladungen auf feinem Bütten übermittelt wurden, reichte es jetzt bloß zu einem schnöden Fax, und die Antworten wurden gleich für den übernächsten Tag erbeten. Am Sonntag, eben diesem 17. Juni, sollte sich das Festmahl ereignen.

ch11_1

Um 20 Uhr versammelten sich gut 150 Personen an den Achtertischen im Festsaal, die sich um den mehr als doppelt so großen Ehrentisch gruppierten, in respektvollem Abstand. Ein Drittel der Anwesenden waren Delegationsmitglieder, denen allerdings über den Anlaß des Besuches nichts zu entlocken war. Am Ehrentisch nahmen neben dem hohen Gast unter anderem drei Hamburger Bürgermeister Platz, der gegenwärtige und zwei ehemalige.

Bei der Vorspeise ließ sich an den Tischen gut rätseln. Einer, von der Lufthansa-Werft, wußte, daß Vize-Ministerpräsident Wu aus Barcelona angereist und daß ihm unterwegs ein Koffer abhanden gekommen sei. Aufgetragen wurde die berühmt-berüchtigte "Hamburger Vorspeise": Der Spargel kam wohl aus der Dose - verständlich, denn in der gegenwärtigen Spargelsaison war dieses Gemüse gar teuer. Das Krabbenfleisch stammte ebenfalls aus älteren Ratsweinkeller-Beständen, die beiden Wachteleier sahen nach einem japanischen Sonderangebot aus: mit Zwergwachteln als Urhebern. Die angezeigten "Tafelbrötchen" begegneten als Brötchenleinchenlein, wohingegen die poetischen "Butterperlen" zu einem Butterröschen aus der "gut" bürgerlichen Küche mutiert waren.

   ch11_3

Das Hauptgericht versprach eine Steigerung, und die trat ein: Das Filetlein vom Rehbock sah aus wie ein mißratenes Fischstäbchen von Iglo, nur dunkler in der Farbe. Als es, von der Kellnerriege bewundernswert gleichzeitig präsentiert, auf den Tisch geriet, war es freilich erkaltet, doch vorher hatte es in der Pfanne so ausdauernd gebrutzelt, daß die Kiefer kräftig zubeißen mußten. Plötzlich verstummten die lebhaften China-Gespräche an den Tischen, und welcher Koch sonst käme auf die Idee, neben ein paar feine Pfifferlinge einen Haufen ordinärer Brokkoli-Stücke zu legen? Der Brokkoli hielt es an Wohlgeschmack mit dem zähen Rehbock aus, nicht aber das fade "Jus". Die "Schloß-Kartoffeln" endlich sollten besser Nordsee-Kartoffeln heißen, denn die Erdäpfel waren zu Winzig-Plattfischen umgestaltet worden und eigneten sich nach einer Kostprobe allein dafür, an den Tellerrand befördert zu werden.

Traditionsgemäß folgen dem Hauptgericht die Reden. Bürgermeister Runde hatte wieder seinen schlechtesten Redenschreiber bemüht oder seine Rede, wegen der Eile, gar selbst geschrieben. Immerhin entnahm ihm der deutsche Teil der Gäste zwei Hinweise auf den Reiseanlaß des Chinesen: Wenn China fleißig Airbusse aus Hamburger Produktion (nicht aus der in Toulouse!) kaufe, dann könne Hamburg dereinst vielleicht einmal den Transrapid als Lizenzbau aus China zurückerwerben. - Airbus und Transrapid gehörten also zum Besuchsprogramm des Ministerpräsidenten. Das hatten bereits die Vorspeisen-Plaudereien vermutet, und es bestätigte sich, als weitere Einzelheiten über diesen ominösen Besuch aus Peking bekannt wurden. Die Flugzeug-Schau auf dem Flughafen von Le Bourget bei Paris sollte eine weitere Reisestation bilden. - Der Chinese spielte in seiner Erwiderung nicht so drastisch auf das Geschäft an, und er redete auch sonst eleganter. Auch er schien allerdings zu meinen, daß Hamburg direkt an der Nordsee liege: ein häufiges Mißverständnis.

Dann aber folgte der Nachtisch! Die "Ananas-Schiffchen" sahen aus wie eine Segeljolle nach einem Nordsee-Sturm. Der "tropische Fruchtsalat" erinnerte lebhaft an die entsprechenden Mischungen aus den 1970er Jahren, die deutsche Sonntagsmähler beschlossen. Damals stammten diese Leckereien meistens aus Taiwan-Dosen, woran einer der Mitspeisenden indezent erinnerte. Die Speisekarte versagte sich verschämt die Warnung, daß darüber jetzt im Rathaus auch noch eine warme Schokoladensauce geschüttet wurde.

Die Vertreter aus Hamburgs Politik und Wirtschaft, die sich solchen Essen regelmäßig aussetzen müssen, Bürgermeister Runde vorneweg, sind nicht zu beneiden. Manchmal bedeutet der Beruf eben Pflichterfüllung - und sei das bei einem festlichen Senatsmahl. Was sich aber wohl dieses Drittel der chinesischen "Dinierenden" gedacht hat? Für die war das Essen gewiß nicht im Hamburger Sinne verkaufsfördernd, denn es war erbärmlich anzusehen, wie sie auf ihren Tellern herumstocherten. Immerhin, der Rahmen des Festsaales mag sie darüäber hinweggetröstet haben, daß sie zu Hause andere Bankette gewöhnt sind.

Wenn es denn wieder einmal Brokkoli sein muß - wie wäre es mit einer Austernsauce dazu, die einen klaren Bezug zu Hamburg vermittelte. Das gälte auch für den nächsten Gang, das "betrunkene Hähnchen", für dessen Würze sich Korn oder Kümmel anböten. Zum Abschluß dann rötliches (!) Marzipan auf grünem Rhabarber, schön gestaltet, aber hier der Dezenz halber nicht farbig wiedergegeben. Das Marzipan in dieser Gestaltung erinnerte feinsinnig zugleich an die sonstigen Hamburger Freudenorte, aber auch daran, wie wichtig das schleswig-holsteinische Umland für Hamburg sei, wohingegen Rhabarber, ein altes Importgut aus China, die Bedeutung des Ostasiengeschäfts für Hamburg symbolisierte. - Eine solche Speisenfolge, die sich noch um einige ansprechende Gänge bereichern ließe, hätte Sinn und Verstand und Wohlgeschmack dazu.

ch11_4

Die Verstörung im Rathaus über diesen plötzlichen China-Besuch ließ sich noch am nächsten Tag in der Presse verfolgen, denn die Pressestelle hatte offenbar nicht funktioniert. Nur kleine Notizen erschienen, ganz anders als bei früheren Besuchen dieser Art. Der chinesische Besucher erschien in ihnen als Wu Bangkou, nicht als Wu Bangguo, und man hatte ihn auch flugs zum Vize-Präsidenten befördert. Erst am nächsten Tag geriet die Berichterstattung ausführlicher, blieb aber beiläufig.

Der Lufthansa-Spötter hatte angemerkt, wahrscheinlich habe Wu bloß einmal mit dem Transrapid fahren wollen und zu diesem Zweck einen Betriebsausflug unternommen. Weil er zwischen dem Emsland und Berlin keinen Ort auf der Landkarte entdeckte, dessen Namen er kannte, sei er eben in Hamburg eingeschwebt, denn HH habe er noch aus seiner Shanghaier Zeit gekannt. Das mag so sein. Der sinologische Spötter merkt zusätzlich an, daß mancher staatliche Besuch aus China neuerdings schon an die Visiten kaiserlicher Zensoren in den Provinzen des Alten China erinnert: unangemeldet und zum Zwecke der Wohlverhaltensinspektion.

In solcher Hinsicht hat HH sich an diesem Sonntag bewährt: Das Rathaus als Rahmen war großartig, die örtlichen Würdenträger waren beflissen herbeigeeilt, und die Speisenfolge zeugte von gebührender Zurückhaltung bei der Ausgabe öffentlicher Mittel.
 
 

Katrin Husemann gestaltet an der FH eine Ecke von Peking

Eine Fahrt vom Campus der Uni HH zur S-Bahnstation Rübenkamp, am Rande der City Nord gelegen - wer unternimmt die schon! Dabei liegt dort, ganz in der Nähe der Station, ein weiterer Hochschul-Campus: derjenige der Fachhochschule, von angenehmem Frühsommergrün umgeben und durchzogen, daß er beinahe beschaulich anmutet. Auf den ersten Blick erwartet niemand, daß dort kühne Zukunftsprojekte konzipiert werden.

Am 13. Juni stellte dort, im FB Architektur, Katrin Husemann ein solches Projekt vor: ihre Examensarbeit. Beim Schlendern durch Peking war ihr der Xiannongtan, "Tempel/Altar der Früheren Landmänner", aufgefallen. Er war weitgehend in Vergessenheit geraten, der Moloch Peking droht seine Strenge und seine Beschaulichkeiten zu zerstören. Das Archiktekturmuseum der Hauptstadt, das gar noch zu einem "Architektur-Zentrum" umgestaltet werden soll, hatte sich bereits in diesem Bereich angesiedelt.

ch11_5

Da fühlte sich die Jungarchitektin aufgerufen, für diesen kleinen Stadtbezirk ein städtebauliches Konzept zu entwickeln, das den Tempel aus dem vergangenen China und die Raum- und Bauplanung des gegenwärtigen in ein sinnvolles und geistreiches Wechselspiel zwingt - durch großräumige Lösungen, zum Beispiel die Öffnung von Blickschneisen, aber auch durch subtile Gestaltungen der Außen- und Innenwände neuer Bauten.

Am 13. Juni lauschten ihrer Examenspräsentation ungefähr 50 Interessierte, darunter die bestallten Prüfer. Alle Anwesenden waren davon beeindruckt, mit welchem Feinsinn diese junge Architektin vergangenes und gegenwärtiges China in einen Einklang zu bringen wußte, allen neueren Pekinger Bausünden entgegen. - Leider ist solch eine Examenspräsentation immer nur ein virtuelles Spiel, das von Pekinger Realitäten weit entfernt ist. Vielleicht aber versichert sich ja das eine oder andere renommierte Hamburger Architektenbüro, das sich in China engagiert, dieser Begabung.

Leider auch war die mit dieser Präsentation verbundene Ausstellung in der Halle des Kollegiengebäudes A der Fachhochschule nur wenige Tage zu sehen. An sie schloß eine nächste Ausstellung an: "Klosterarchitektur in Tibet". Offenbar sollte der Chinainteressierte öfter einmal mit der S-Bahn nach Rübenkamp fahren.
   
 
 

Unter zwei Himmeln

Wer in den vielgestaltigen Hamburger China-Szenen kennt nicht Professor Dr. Yü-chien Kuan? Wer auch in der chinesischen Öffentlichkeit, sofern sie an Deutschland oder Europa interessiert ist, kennt ihn nicht ebenfalls? Durch zahlreiche Bücher und Zeitungsartikel hat er in beiden Richtungen als Mittler zwischen den Kulturen gewirkt, ebenso als Lektor für Chinesisch am Seminar für Sprache und Kultur Chinas der Universität Hamburg zahlreichen Studentinnen und Studenten seine Muttersprache beigebracht.

Wer allerdings meint, ihn zu kennen, könnte sich demnächst leicht getäuscht sehen. Am 17. September 2001 erscheint nämlich Kuans neues Buch: "Mein Leben unter zwei Himmeln", seine Lebensgeschichte, im Scherz-Verlag - und das war wahrlich ein abenteuerliches Leben. Aus seinen Wahrnehmungen der chinesischen Wirren in den von ihm unmittelbar erlebten Jahren in China berichtet Kuan, aber auch von seinem dramatischen Weg aus der VR China in die Ferne, der ihn schließlich nach Hamburg führte. Viel Zeitgeschichte ist in diese "Lebensgeschichte" eingeflossen, doch da Kuan sie in romanhafter Form erzählt, gibt sie zugleich eine spannende Lektüre ab. - Einigen Bekannten und Freunden gab er das Manuskript zur Vorab-Lektüre, und diese zeigten sich sämtlich begeistert - wegen der Erzählfrische seiner Darstellungen und vieler Alltagseinblicke.

Gegenwärtig, Mitte Juni, liegt eine Vorpublikation auf dem Schreibtisch des Berichterstatters, und Kuan Yü-chien reist gerade durch China - auf einer Signiertour für die chinesische Version dieses stattlichen Bandes. Veröffentlichungen in weiteren Sprachen werden vorbereitet.
ch11_6
 
ch11_7

Alster-, Peking- und andere Spatzen

Am Mittwoch, 18. Juli, 18 Uhr in der Musikhalle sowie am Donnerstag, 19. Juli, ebenfalls 18 Uhr, aber in der Hauptkirche St. Michael finden zwei Konzerte der besonderen Art statt: Der Kinder- und Jugendchor des Nationalen Symphonieorchesters Peking, mit ungefähr 40 Mitgliedern, singt.

Den Rahmen dieses Konzerts bietet das Internationale Kinderchor-Festival 2001, an welchem neben den Hamburger Alsterspatzen und dem Pekinger Chor noch Kinderchöre aus Thailand, Ungarn, Mexiko und den USA teilnehmen. Dieses Kinderchor-Festival steht unter dem Motto "Children of the World in Harmony". Solche Harmonie, welche der Gesang der Kinder und jede Musikübung ausstrahlt, soll auch für die Zukunft dieser Kinder und ihrer Zuhörer/Gäste die "Vision einer Harmonie zwischen Menschen verschiedener Herkunft" beleben - so die Vorstellung der Veranstalter.

Im Jahre 1999 hatten vergleichbare Veranstaltungen in Hongkong, Tianjin und Peking stattgefunden. Dort waren auch taiwanesische Chorgruppen aufgetreten, die Alsterspatzen allerdings nicht.
 
[China - Hamburg]   [ChinaS]   [Schreibtisch-Notizen]   [Chinatexte]
Seitenanfang Hauptseite Suche & Archiv Impressum