Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 10
7. Juni 2001
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Notizen von einem
nächtlichen Schreibtisch
Deutsche Chinatexte
 
         

Über deutsche China-Karikaturen

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Der Flugzeug-Zwischenfall über Hainan Anfang April 2001 bot den deutschen Karikaturisten endlich wieder Gelegenheit, sich China zuzuwenden. Diesmal sahen ihre Beißbildchen jedoch ganz anders aus als früher. Nicht, daß China und seine Politiker sonderlich freundlich dargestellt worden wären! Immerhin erscheinen sie, im Vergleich mit früher, schon beinahe als zivilisiert, im Rahmen des Karikaturistischen wenigstens.

10_desk_1uChina begegnet selten in den Karikaturen deutscher Zeitungen. Aus den letzten zehn Jahren liegen dem Berichterstatter, der allerdings nicht systematisch gesammelt hat, nur fünfzig solcher Lästerbilder aus überregionalen Zeitungen vor. Die Anlässe dafür waren natürlich stets aktuelle: chinesische Staatsbesucher in Bonn, deutsche in Peking, auch entsprechende chinesisch-amerikanische Begegnungen. Andere aktuelle Anlässe boten die Taiwan-Problematik, Chinas Haltung zu den Atomverträgen, Behinderungen der Weltfrauenkonferenz von 1996, die Übernahme von Hongkong. Staatsbesuche waren die weitaus häufigsten Karikaturen-Anlässe.

Schmal ist auch das thematische Spektrum der Karikaturen. Weil Staatsbesuche den häufigsten Anlaß abgeben, spielen genau die Hälfte der fünfzig Karikaturen mit den beiden Begriffen "Wirtschaft" und "Menschenrechte", die auch sonst hierzulande die öffentliche China-Diskussion weitgehend beherrschen. Unübersehbar ist, daß das Massaker vom 4. Juni 1989 dabei immer wieder einzelne Motive abgibt. Bei der 12. Wiederkehr des Datums des Massakers, im Juni 2001, spielte dieses in der hiesigen Öffentlichkeit beinahe keine Rolle mehr. Dieser Umstand erklärt wohl auch, daß in den April-Karikaturen nicht mehr darauf angespielt wurde.

Die Kernaussage der Karikaturen ist stets sarkastisch chinaunfreundlich, genauer: zumindest unfreundlich gegenüber den vorantwortlichen chinesischen Politikern. Nur eine einzige Karikatur, die anläßlich der Übernahme von Hongkong erschien, könnte als chinafreundlich eingeschätzt werden.

 
10_desk_2li Schmaler noch als das Themenspektrum ist dasjenige der Motive bei diesen politischen Zeichnungen. Dem Genre entsprechend, operieren die Karikaturisten -von den Politikergestalten abgesehen- mit wenigen vertrauten Klischees, die jeder mit China verbindet. Wenn nicht sicher ist, daß ein solches Klischee auch dem Dümmsten zugänglich ist, nutzen die Zeichner die Möglichkeiten der Beischriften.

Als solche zeichnerischen Klischees kommen häufiger vor die Pekingente, Mao Tse-tung als Gespenst, die Eßstäbchen oder die Große Mauer. Gattungsgemäß werden solche Motive allerdings oft radikal umgedeutet. So wird die Große Mauer schon mal zur Rasierklinge, oder ein chinesischer Politiker hantiert beim Staatsbankett mit Eßstäbchen, die als Bajonett oder als Waffe anderer Art ausgebildet sind. In einem Drittel aller Darstellungen erscheint China als Drache, das vertraute nationale Symboltier. Hierbei unterliegen die Karikaturisten allerdings einem Mißverständnis. Sie stellen meistens den furchteinflößenden Schreckensdrachen der europäischen Tradition dar. Der Drachen der chinesischen Tradition ist jedoch ein ganz gegensätzliches, nämlich überwiegend segen- und fruchtbarkeitsstiftendes Symboltier, allerdings keineswegs ein Schoßhündchen. Aus schierer Unkenntnis verwandeln die Karikaturisten ein positives nationales Symbol in ein Ungeheuer und vertiefen dadurch eine ohnehin vorhandene Chinaskepsis, wenn nicht gar -angst und -abscheu. Die wilhelminische "Gelbe Gefahr" erweist sich auf diese Weise nach hundert Jahren noch als überaus gegenwärtig. Kein gutes Zeichen!
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Die systematische Untersuchung deutscher China-Karikaturen könnte wohl ein aufschlußreiches Thema für eine Magister- oder Doktorarbeit bilden. Bereits entdeckt als Thema solcher Arbeiten wurden die deutschen -und europäischen- China-Bilder aus dem 17./18. Jahrhundert. Die Ikonographie solcher China-Bilder aus späteren Zeiten, bis in die Gegenwart, dürfte ein noch spannenderes Forschungsgebiet bilden.  
 
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Ein Traumgedicht

Im Traume sprach ich oft von Träumen.
Wer weiß, was ich nach dem Erwachen gedacht?
Ich weiß nicht, ob ich heute noch träume,
und freue mich wieder der Zeit im Traum.

 
Vier Verse zu je fünf Schriftzeichen/Wörtern, von Shao Yung (1011 bis 1077) geschrieben. Gerühmt wird Shao Yung weniger als Dichter denn als Denker. Auch dieses Traumgedicht zeigt ihn als genau kalkulierenden Denker. Es gewinnt seinen -unauflösbaren!- Zauber aus der dreifachen Wiederholung des Wortes meng, "Traum, träumen", und der zweifachen des chih, "wissen, erkennen", ebenso aus der Ungewißheit, welches meng als Singular und welches als Plural gelesen werden sollte, welches einen gewesenenen Traum und welches ein abstraktes "der Traum/die Träume" meint.

Ganz andere Übersetzungen lassen sich bedenken. Allein schon die Umstellung der beiden Übersetzungswörter "heute auch" im dritten Vers, die zu rechtfertigen wäre, veränderte die Interpretationsmöglichkeiten beträchtlich. - Anlaß für frühlingshaftes Nachdenken am nächtlichen Schreibtisch und für die Niederschrift von mehreren zehn Übersetzungsvarianten: ein heiteres Spiel! Dem Zauber chinesischer Gedichte läßt sich nur schwer beikommen.
 
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