Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 10
7. Juni 2001
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte Deutsche Chinatexte
 
         

Hundeliebe und Grünkohl

Die Hysteriekürzel BSE und MKS machten auch den deutschen Feulletonisten zu schaffen - und was fiel ihnen ein? China. Nachdem im letzten Sommer ein unschuldiger Film wieder auf das Thema "Chinesen essen Hunde" eingestimmt hatte, wurde mancher Schreiber jetzt gedankenklarer. Der berüchtigte FINIS empfahl in der "ZEIT" vom 8. Februar als Menü:

"Vorneweg Bouillon vom Bullterrier (alternativ: Rottweiler auf Rucola); als Zwischengang Terrier-Tomaten-Terrine; Hauptspeise, sehr hübsch, Dialog von Schäferhund und Staffordshire (Serviervorschlag: an Mastino-Maultaschen. (...) Was in Vietnam oder China ausgewogene Mahlzeit wäre, soll bei uns pfui Teufel sein?"

10_dct_1Ganz allgemein verbreitet ist ein Hundemenü in China freilich nicht, obwohl sich mancher Shanghaier Yuppie angeblich einen Büroköter hätschelt, um beim Heranwachsen seines Festmahls den Vorgeschmack recht wohl genießen zu können. Auch der Flaneur würde viel lieber an der Außenalster spazieren, wenn er dort schon einmal interessiert Ausschau halten könnte. Die 400.000 Dackel, an die FINIS ebenfalls dachte, wären ihm allerdings zu fett. Ihn lüsterte eher nach einem Carpaccio von den Afghanen, welche die Schickeria-Damen dort ausführen.

Furore machten allerdings die Bernhardiner. Nachdem der Chef des Pekinger Restaurants Gourou Wang, "Hundefleisch-König", dessen besondere Eignung für ein ansprechendes Menü hervorgehoben hatte und in der Kohlestadt Datong angesichts der zurückgehenden Kohleproduktion eigens eine "Linxing-Bernhardiner-Zucht" ins Leben gerufen wurde, und weil ein entsprechendes "Forschungsinstitut" in Shenyang schon alljährlich 5000 solcher Edeltiere produziert - da schwoll in der Schweiz ein Entrüstungssturm an: Schändung eines Nationalheiligtums! 11000 -nicht Bernhardiner, sondern Schweizer- unterschrieben eine Petition an den Nationalrat, damit förmlich in Peking diplomatischer Protest erhoben werde.

10_dct_2Ganz unschuldig erklärte ein chinesischer Hundefreund, Brustfleisch vom B. in Austernsauce - in allen Jahreszeiten gäbe das einen idealen Schmaus ab. Diesen Kötern gelinge nämlich das Kunststück, als Fleisch mit Yin-Prägung dem Leib zugleich Wärme, etwa im Winter, hinzuzufügen, aber auch überschüssiges und schädliches "Feuer", zum Beispiel in der Sommerhitze, zu absorbieren. Auf solche Weise wird ein Bernhardiner, allem Unverständnis der Schweizer entgegen, vom geliebten Lebensretter aus Schneeverwehungen, mit dem Rumfäßchen am Hals, zum Bestandteil köstlicher medizinischer Prophylaxe in Pekinger Sommergluten. Haben die Schweizer derlei Wohltätigkeiten nicht bedacht? - Eine Hamburger Jungsinologin (Ch. H., vorsichtigerweise nur abgekürzt zitiert) faßt dergleichen vergnügt in einem kleinen Lästergedicht zusammen:

China, sprach Sina und runzelt die Brauen,
vermurkst man da nicht die Füße der Frauen?
China, sprach Sina und nickt mit dem Kopf,
da trug "Mann" vor hundert Jahren 'nen Zopf.
China, sprach Sina und bläht ihre Backen,
war das nicht das Land, wo sie Hunde zerhacken?
China, seufzt Sina und schüttelt ihr Haar,
ach China, was bist du wunderbar.

Ein anderer Chinaimport war in letzter Zeit eher auf den Wirtschaftsseiten der Blätter anzutreffen. "Dank BSE zum Bestseller" wußte die FAZ vom 10. Februar. Sie meinte den hierzulande als Tofu bekanten Sojabohnenquark, und wenige Tage später empfahl das "Hamburger Abendblatt" am 15. Februar: "Tofu-Gulasch statt Rinderhack". Da denkt der Gourmet doch lieber an Hundebraten, denn solches "Tofu" hat er bereits in zahlreichen Varianten gekostet und verabscheut es aus Erfahrung, während die Vorfreude über die Leckereien, die sich an der Außenalster tummeln ...!

In Ellerbek nahebei boomt trotzdem ein Tofu-Großhandel und verheißt "Tofu-Wiener" und "Tofu-Aufschnitt" in seinem Angebot. Seit den BSE-Nachrichten aus dem letzten Herbst schnellte der Umsatz um 60 Prozent empor. Sogar in die neuen Bundesländer, immerhin schon bis nach Schwerin, drang die Kunde von diesem Wunder-Lebensmittel: 63 Millionen verbaut eine flotte Unternehmerin aus Hamburg dort in drei Tofu-Fabriken. Aus ihnen soll sogar Tofu-Joghurt kommen. So bewahrheitet sich ein chinesisches Volksliedverschen: "Mit der kleinen Bohne läßt sich gutes Geld verdienen." Und für die Werbung böte sich dieses Sprichwort an: "Iß lieber Tofu als Fleisch, denn es ist gesünder und billiger." Eben etwas für arme Leute, nichts für einen Shanghaier Yuppie, denn heute, hob das HA ebenfalls im Februar hervor, schätze man in China nach den Darbereien der Kulturrevolution wieder die "Heilküche" mit ihrem "Gleichgewicht von Yin und Yang", also vielleicht eben doch "Karbonade vom Bernhardiner an Tofu-Stippe": garantiert ausgewogen!

10_dct_3oEin echter Hamburger schätzt chinesische Küche allerdings auch in dieser Anverwandlung nicht das ganze Jahr über. Deshalb trafen sich auch in diesem März im "Grand Stanfort Inter Continental" in Hongkong 68 Hamburger und andere Norddeutsche zu dem alljährlichen Grünkohlessen, mit Schmalzkanapees vorweg. Jeder Teilnehmer trug dazu ein blauweißes Hemd "Finkenwerder Art", ein rotes Halstuch dazu, und ein Komiker mit dem Künstlernamen "Bauer Piepenbrink" gehörte auch noch dazu. 10_dct_3uGrünkohlpinkel, Schmalzstullen und "Veermaster"-Gesänge zwischendurch, überdies in Hongkong ... das ist das wahre Gleichgewicht von Yin und Yang!

Übertroffen wird das nur noch von einer Kunstausstellung, die demnächst im Shanghaier Art Museum eröffnet wird. Knapp zwanzig Professoren der Kunsthochschule am Lerchenfeld in Hamburg stellen dort ihre Werke aus. Anfang April wurde auch schon der Titel dafür gefunden: "Birnen, Bohnen und Speck", eine weitere Hamburger Leibspeise. Die chinesische Übersetzung hierfür bereitete Kopfzerbrechen.
 
 
 

Die Groteske der Diktaturen

Der 4. April 2001 war der zehnte Todestag des Schriftstellers Max Frisch (*15. Mai 1911). Ein Fernsehsender widmete seinem Werk den ganzen Monat, und deswegen dachten auch die Zeitungen wieder an ihn. Von seinen China-Werken, allen voran "Die chinesische Mauer", uraufgeführt 1946, war dabei nicht die Rede. Ein Plädoyer gegen jede Diktatur ist dieses im Untertitel "eine Farce" genannte Stück. Eine "überdrehte Parodie" wurde es genannt, doch die Doppelbödigkeit seiner Sprache erfreut noch heute. "Die chinesische Mauer" hebt an mit einem Vorspiel, in welchem "DER HEUTIGE" sagt:

Meine Damen und Herren. Sie sehen die chinesische Mauer, das größte Bauwerk der Menschheit. Es mißt (laut Konversationslexikon) über zehntausend Li, das entspricht der Strecke Berlin-New York, zum Beispiel. Laut Zeitungsberichten soll sich das Bauwerk in argem Zustand befinden, neuerdings sogar von Staats wegen abgetragen werden, da es dort, wo es steht, ohnehin keinen Zweck mehr hat. Die Chinesische Mauer (oder wie die Chinesen sagen: Die Große Mauer), gedacht als Schutzwall gegen die barbarischen Völker der Steppe, ist einer der immerwiederholten Versuche, die Zeit aufzuhalten, und hat sich, wie wir heute wissen, nicht bewährt. Die Zeit läßt sich nicht aufhalten. Vollendet wurde dieses Werk unter dem glorreichen Kaiser TSIN SCHE HWANG TI, der heute abend persönlich auf unserer Bühne erscheinen wird.

In einer Szene mit einem solchen Auftritt des Kaisers heißt dann:

HWANG TI: Meine Getreuen! Seit ich auf dem Throne bin, Ihr wißt es, habe ich für eine einzige Sache gekämpft: für den Frieden, aber nicht für den barbarischen Frieden, sondern für den wahren Frieden, für den endgültigen Frieden, das aber heißt: für die Große Ordnung, die wir nennen die Wahre Ordnung und die Glückliche Ordnung und die Endgültige Ordnung.
DIE EUNUCHEN: Heil! Heil! Heil!
HWANG TI: Meine Getreuen! Es ist erreicht: Die Welt ist frei. Das ist alles, was ich euch sagen kann in dieser Stunde: Die Welt ist frei. Ergriffenen Herzens stehe ich vor euch. Verstummt sind die hündischen Barbaren der Steppe, die sich dem großen Frieden widersetzten (was sie wollten, Ihr wißt es, waren Friedensverträge auf zwanzig Jahre!), und die Welt ist unser, das aber heißt: es gibt auf dieser Welt nur noch eine einzige Ordnung, unsere Ordnung, die wir nennen die Große Ordnung und die Wahre Ordnung und die Endgültige Ordnung.
DIE EUNUCHEN: Heil! Heil! Heil!
HWANG TI: Hier ist mein Plan - (Er nimmt eine Rolle hervor) Fürchtet euch nicht vor der Zukunft, meine Getreuen. Denn so, wie es ist, wird es bleiben. Wir werden jede Zukunft verhindern. (Er gibt die Rolle an DA HING YEN) Lies vor!"
DA HING YEN (macht Kotau, dann liest er): Die Chinesische Mauer oder die Große Mauer. Chinesisch: wan-li-tschang-tscheng, wörtlich: die Mauer von zehntausend Li. Größtes Bauwerk der Welt. Bis sechzehn Meter hoch und oben (Wehrgang) fünf Meter breit. Beginnt westlich Sutschou, endet am Golf von Liautung. Als Schutzwall gegen die Stämme des Nordwestens erbaut unter TSIN SCHE HWANG TI (221-210 v. Chr.).

Da hat der Kaiser also schon aufsetzen lassen, was 2000 Jahre später ein deutsches Konversationslexikon über ihn schreiben wird. - Neben ihm treten unter anderem auch Brutus, Cleopatra, Napoleon, Pontius Pilatus auf, auch Hitlers wird gedacht, und Shakespeares Julia kommt frühlingshaft zu Wort:

Sie ist nicht hold, die Welt, sie soll nicht sein!
Ein Vogelsang, ein lispelnd Blatt am Baum
Schon macht mich froh. Sieh, wie der Mond verblaßt!
Der Sterne weißes Licht erblindet auch,
Vom blauen Osten überstrahlt. Schon blinkt
Ein Fluß, der Dämm'rung zager Spiegelglanz,
Und Vögel, frierend im Gezweig der Nacht,
Begrüßen laut des Morgens ersten Schein.

Auch bei Frisch ist ein chinesisches Bankett angesagt. Der Zeremonienmeister verkündet die Speisenfolge:

DA HING Yen: Erster Gang: Suppe mit jungen Bambussprossen, Meerrettich, angemacht mit Morgenrosentau, gemästete Entenleber in Reiswein, Fasan nach Pekinger Art, Granatäpfelchen in siamesischem Essig. Schwalbennester gedämpft -
DON JUAN: Gedämpft?
DA HING YEN: Gedämpft ... Zweiter Gang: Tibetanisches Huhn, gefüllt mit jungem Affenhirn, Schmetterlingssalat mit indischen Kirschen, Taubeneier geröstet -
INCONNUE: Geröstet?
DA HING YEN: Geröstet.
INCONNUE: Weiter!
DA HING YEN: Dritter Gang: Allerlei Fisch, in der Morgenfrühe von den kaiserlichen Kormoranen gefangen, von der kaiserlichen Stafette nach Nanking gebracht, dazu gezuckerte Lotoskerne, Pomeranzen gepfeffert, Muscheln mit sauren Ameiseneiern -

"Die chinesische Mauer" von Max Frisch läßt sich auch mehr als fünfzig Jahre nach der Uraufführung mit Genuß lesen. Auf der Bühne wäre sie noch viel eindrucksvoller zu erleben. Ansonsten, Max Frisch hat noch weitere Chinatexte geschrieben!
 
 

Ein China-Kuß vor dem Bezirksamt?

Ganz ohne Erinnerung an das Walten des Frühlings soll auch dieser Teil von Folge 10 der "Notizen" nicht enden.

Bild entferntIm Jahre 1998 schon war das: Da wollte der Hamburger Künstler Frank Radmacher vor dem Bezirksamt Eimsbüttel, Hallerstraße 1, eine Kußskulptur aufrichten - zur Anregung auch für die Brautpaare während ihres Ganges zu dem dort befindlichen Standesamt. Als eine Art Brunnen sollte diese Skulptur ebenfalls dienen.

Für den Künstler verbirgt sich im Kuß das Geheimnis des "eins und eins ist eins", weshalb seine Darstellung desselben ihm auch als Entsprechung des Yin/Yang-Symbols gilt. Nun denn! - Seit einiger Zeit liegt dieses Bezirksamt auf dem Weg des Flaneurs, wenn er vom Zahnarzt kommt. Also hofft er, diesen Kuß demnächst in seiner Vollendung im Foto wiedergeben zu können.
 
 
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