Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 10
7. Juni 2001
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst ChinaS
jetzt und einst
Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
         

Die Freuden der Sinologie

Mancher Student mag das gar nicht bemerkt haben, doch schon bald nach Beginn dieses Sommersemesters brach für die ChinA eine Zeit größter Arbeitsbelastung an, die neben dem alltäglichen Unterricht und den damit verbundenen Obliegenheiten zu bewältigen war. Drei größere Veranstaltungen, von je eigenem Zuschnitt, waren zu organisieren.

Dieses kleine Veranstaltungsmarathon begann, verhältnismäßig unaufwendig noch, mit der Jahresversammlung der Hamburger Sinologischen Gesellschaft am 27. April, die auch in diesem Jahr wieder lebhaften Zuspruch fand.

Dem schloß sich am 2. Mai eine öffentlichkeitsorientierte Symposium-Veranstaltung zum Thema "Taiwan im Jahre 2001. Entwicklungen und Perspektiven" an. Diese folgte eher einem aktuellen Anlaß, nämlich der erzwungenen Notlandung eines amerikanischen Aufklärungsflugzeugs auf der volksrepublikanischen Insel Hainan im Südchinesischen Meer. Dieser Vorgang und die nachfolgenden virtuellen Hahnenkämpfe zwischen der amerikanischen und der chinesischen Politik riefen wieder einmal in Erinnerung, daß das Südchinesische Meer ein potentielles Spannungsgebiet ersten Ranges ist. Taiwan ist bei solchen Vorgängen, selbst wenn es nicht direkt davon betroffen ist, stets "mittendrin". - In zwei Themenblöcken, Politik und Wirtschaft gewidmet, wurden bei diesem Symposium durch deutsche und chinesische Wissenschaftler die Möglichkeiten Taiwans in der internationalen Welt beleuchtet. Nicht alles, was bei dieser Gelegenheit vorgetragen wurde, mag in den Ohren der Taiwan-Freunde angenehm geklungen haben. - Ungefähr 140, 150 Interessenten, meist jüngere Menschen, bildeten das Publikum.

10_chinas_1Die nächste Großveranstaltung, die den Titel "Die Freuden der Sinologie" trug, fand dann am darauffolgenden Wochenende statt, am 4./5. Mai. Sie war als Ehrung für Professor Dr. Ulrich Unger gedacht, der am 10. Dezember 2000 seinen 70. Geburtstag gefeiert hatte. Nicht in der Winterzeit sollte jedoch seine Ehrung stattfinden, sondern im belebenden Frühling, und tatsächlich - das Wetter war frühlingshaft schön und milde. Vielen Hamburger Sinologen, Studierenden wie Wissenschaftlern, war der Name Ulrich Ungers ein Begriff, doch die wenigsten dürften ihn davor persönlich erlebt haben - anders als der Berichterstatter, der sein akademischer Schüler war.

Ulrich Unger hatte an der Karl-Marx-Universität Leipzig Sinologie studiert und war dort mit einer Studie zu einem Detailproblem der Grammatik des Vorklassischen Chinesisch zum Dr. phil. promoviert worden. Seine Studien- und sonstigen Interessen gingen jedoch weit über die Sinologie hinaus. 1958 verließ er die DDR und erhielt die Möglichkeit, als Wissenschaftlicher Assistent zunächst am Sprachwissenschaftlichen, dann am Orientalischen Seminar der Albert-Ludwigs-Universität zu Freiburg im Breisgau das Fach Sinologie zu begründen. Damals begann gerade der Ausbau dieses Faches, das bis dahin nur an den Zentren in Leipzig, München, Berlin und Hamburg vertreten war. In Freiburg habilitierte sich Unger, wohl 1964, mit einer Studie zur Paläographie der Inschriften aus der West-Chou-Zeit.

1966 erhielt Unger einen Ruf auf den Lehrstuhl für Sinologie an der Wilhelms-Universität im westfälischen Münster, den zuvor Tilemann Grimm innegehabt hatte. Hier pflegte er die Sinologie konsequent in dem Sinne, wie er sie für sich verstand - nämlich als Klassische Altertumskunde, auf China bezogen. Schon während seines Studiums hatte er erkannt, daß hierfür unerläßlich sei, grundlegende Kenntnisse grammatischer, lexikalischer und sachlicher Art zu erschließen und zu vermitteln. Diesem Ziel widmete er drei große Projekte, die nach und nach in umfangreichen Einzelveröffentlichungen ihrem Abschluß entgegenstrebten: ein Wörterbuch des Klassischen Chinesisch, dessen Vorabpublikation, das "Glossar", vielen Studierenden ein unentbehrliches Hilfsmittel geworden ist; eine "Grammatik des Klassischen Chinesisch", von der bisher neun Teile erschienen, sowie ein "Sachwörterbuch zum chinesischen Altertum", von dem schon einmal sein "Wörterbuch zur altchinesischen Philosophie" zeugt. Hinzukamen zahlreiche Detailstudien in Aufsatzform zu damit verbundenen oder daraus erwachsenden Problemen. Besonders aufschlußreich ist die Folge von Studien, der er den Titel Hao-ku, "Liebe zum Altertum", gab. Inzwischen ist deren Reihe beinahe bis zur Nummer 70 gelangt, er übermittelt sie jedoch nur Freunden und Kollegen, die seinem Arbeitsgebiet in der Wissenschaft nahestehen. Das zeigt, daß der besessene Forscher zugleich auch ein bescheidener Mensch ist, der nicht jeden wissenschaftlichen "Fund" sogleich auch großartig heraustrompeten möchte. Weniger bekannt ist, daß Unger sich seit seinen sinologischen Anfängen auch stets für die chinesische Dichtkunst späterer Zeiten begeisterte und daß er in seinen Anfängen sogar Mao Tse-tung, aber auch Lu Hsün übersetzte.

Bei den ihm gewidmeten "Freuden der Sinologie" ließ er sich nicht nehmen, einen eigenen Beitrag beizusteuern: "Fortschritt aus der Sicht der Alten". Er hielt diesen Vortrag in dem schönen Bibliotheksraum des Warburg-Hauses, und obwohl manche seiner Worte einen eher kulturpessimistischen Nebenton aufwiesen, dankte ihm das zahlreiche Publikum mit großem Beifall.

10_chinas_3Zu der wissenschaftlichen Tagung am nächsten Tag waren dann nicht wenige ältere und jüngere deutsche Sinologen nach Hamburg geeilt. Die Bereitwilligkeit, mit der sie dieser Bitte folgten, verrät etwas von der Wertschätzung, die Unger entgegengebracht wird. So bunt, wie dieses Sinologenvölkchen ist, so vielgemischt waren auch die Themen ihrer Vorträge. Manches Thema stand den Arbeiten Ungers nahe, andere waren eher witzig angelegt, wieder andere erschlossen neue Forschungsgebiete oder spürten Grundsatzproblemen der Forschung nach, und dann fehlten auch nicht die allgemeineren, über die Sinologie hinausweisenden Nachdenklichkeiten.

» Programm


Erstaunlicherweise nahmen an diesem Wochenende durchschnittlich sechzig Interessierte die Möglichkeit wahr, diese Vorträge, die im Arbeitsbereich Koreanistik gehalten wurden, anzuhören. Auch dieses Interesse zählt zu den "Freuden der Sinologie", jenseits dieser Veranstaltung. Allem Vernehmen nach waren Mitwirkende und Zuhörer mit deren Ablauf zufrieden. Immer wieder wurde hervorgehoben, sie habe zugleich entspannt und entspannend gewirkt, neben aller Belehrung und sonstigen Eindrücken. Schöneres läßt sich angesichts von soviel komprimierter Wissenschaft wohl nicht sagen.

Übrigens, die Forschung und die tägliche Arbeit dafür lassen Ulrich Unger auch jetzt wenig Gelegenheit für Mußestunden. Ihm wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft ein Projekt finanziert, durch welches sein "Wörterbuch des Klassischen Chinesisch" zu einem Abschluß gebracht werden soll. Zwar werden diese Arbeiten wie bisher in Münster vorgenommen, doch in seiner vorsichtigen Bedenklichkeit hat er dieses Projekt unlängst an die ChinA der Universität Hamburg übertragen. - Mögen ihm noch viele Jahre in der Sinologie bleiben, jedoch verstärkt auch für die sonstigen zahlreichen Interessen und Neigungen!

Alle drei Veranstaltungen, in je ihrer Andersartigkeit, haben der ChinA und der Hamburger Sinologischen Gesellschaft ein gerüttelt Maß an organisatorischen Arbeiten abverlangt. Diese sind für die Teilnehmer an solch einem Ereignis nicht unbedingt leicht erkennbar, denn wer ahnt schon, was dabei alles "hinter den Kulissen" vor sich gehen kann. Ohne den selbstlosen mitwirkenden Einsatz von manchen hätte sich das nicht bewältigen lassen, und die Eingeweihten wissen, wer die Hauptlast dabei zu tragen hatte. Auch dergleichen zählt zu den "Freuden der Sinologie".
 
 
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