Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 10
7. Juni 2001
China-Hamburg jetzt und einst China-Hamburg
jetzt und einst
ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
         
 

Bismarck, Scherenschnitte und Erotik

Der Frühling lädt zu Spaziergängen durch Wälder und Elbauen ein. Das Hamburger Frühlingswetter mahnt mit seinen Unsteten allerdings, dabei auch eine Zufluchtsstätte im Auge zu behalten, falls der nächste Regenschauer loszuprasseln droht.

Was liegt dann näher, als nach Jahren wieder einmal nach Friedrichsruh zu fahren - am Rande des prachtvollen Sachsenwaldes gelegen, wo sich bereits die ersten Buschwindröschen zeigen? Um gastronomische Zufluchtsstätten ist es dort freilich schlecht bestellt. Ein Buden-Café trägt an der Tür das Schild "Geschlossen", und ein Restaurant sieht von ferne so hoffnungslos "dicht" oder leer aus, daß es zum Verzagen ist. In solchen Fällen bietet sich als Ausweg stets eine Institution an, um die mancher sonst gerne einen weiten Bogen schlägt: ein Museum. In Friedrichsruh ist dies das

Bismarck-Museum

zum Gedenken an den Reichskanzler Otto Fürst von Bismarck (1.4.1815 bis 30.7.1898), das vor gut zwei Jahren neu gestaltet wurde. Überraschend ist schon, daß diese Sammlung mit Zeugnissen über einen Politiker, der gerne mit dem Schlagwort von "Blut und Eisen" in Zusammenhang gebracht wird, in einem schlichten, hellen Fachwerkbau untergebracht ist, nicht in einem martialischen Betonklotz. Überrascht hat den Flaneur ferner, daß an diesem Sonntag nachmittag vor allem junge Menschen die Exponate betrachteten, und zwar interessiert. Er hatte eher eine Handvoll vaterländisch bewegter Urrentner erwartet.

10_ch_1Dann aber - wie in beinahe allen Hamburger Museen begegnet er auch hier China! Ein reich geschnitzter Elefantenstoßzahn wurde Bismarck zu seinem 70. Geburtstag von der chinesischen Regentin Tz'u-hsi verehrt. Szenen aus einem idealisierten chinesischen Alltagsleben sind auf ihm wiedergegeben, und der mächtige Sockel aus geschnitztem Ebenholz stellt in farblich und inhaltlich sinnfälligem Kontrast eine ideale chinesische Landschaft dar. Wenige Schritte weiter findet er in einer Virtrine das Gästebuch Bismarcks aufgeschlagen - am 25. Juni 1896, als der große und ebenfalls greise chinesische Staatsmann Li Hung-chang dem Altreichskanzler während einer Europareise seine Aufwartung machte. In englischer und chinesischer Sprache hielt der alte Chinese seine Grußworte an Bismarck fest: in kräftigen, klaren Schriftzügen. Ein Foto zeigt die beiden Alten beim Verlassen von Schloß Friedrichsruh.

Noch einmal fühlt sich der chinabewegte Flaneur in diesen Räumen an China erinnert, doch sonst schaudert ihn vor mancher Monstrosität, die den alten Staatsmann als Geschenk aus deutschen Landen erreichte. Vor solchen Aufwallungen bombastischen Geschmacks erscheint dann die -trotz aller Winkelzüge!- schlichte Geradlinigkeit bismarckscher Staatskunst umso zeitenübergreifender, und der Betrachter ahnt, warum Bismarck manchem der hier zitierten Zeitgenossen als der größte Staatsmann seit Menschengedenken erschien.

An einer Stelle erinnerte sich der Flaneur gar an seine Kindheit. Auf einem Bild erkannte er den Bismarck-Diplomaten Joseph Maria von Radowitz, ehedem Botschafter an der Hohen Pforte, wie Istambul/Konstantinopel damals hieß. Dessen Erinnerungen hatten in ihm, in aufwallendem Leseeifer verschlungen, das Interesse für die Geschichtswissenschaft geweckt. Danach hatte er Bismarcks "Gedanken und Erinnerungen" zu lesen versucht, sich dann aber doch lieber dessen Briefen an seine Frau Johanna zugewandt, weil ihm diese alltagsnäher und verständlicher waren. Noch heute erscheint ihm Bismarck als ein großer Prosaist deutscher Sprache, und zu oft wird vergessen, daß ein Ziel seiner Politik eine abgewogene Friedensordnung in Europa war. Sein unrühmlicher Abgang aus der Politik bereitete dann auch die Wege in den Ersten Weltkrieg.

Jeder -auch junge- Besucher in diesen Räumen scheint sich, wie an diesem Sonntag Gesprächsfetzen zu entnehmen war, bei der Betrachtung der Ausstellungsstücke zu erinnern. An mancher Devotionalie schritt der Flaneur schneller vorüber: Privatmuseen haben so ihre Eigenheiten.
Nur wenige Schritte weiter, im ehemaligen Bahnhofsgebäude von Friedrichsruh, residiert die 1997 gegründete bundeseigene "Otto-von-Bismarck-Stiftung". Deren Ausstellung stellt sein Wirken in wissenschaftlicherer Weise dar. China entdeckte der Neugierige hier zwar nicht, wohl aber einen interessanten allgemeinen Einblick in Bismarcks Kolonialpolitik, von der sein letzter Dienstherr, der unglückselige Kaiser Wilhelm II., sich so weit entfernte.

Eine Bosheit -noch weit über den Tod hinausreichend!- mag dann erblicken, wer zwischen den Regenschauern die Bahnlinie überquert und das Bismarck-Mausoleum mit den Sarkophagen des Fürstenpaares und einiger Angehöriger betrachten möchte. Derlei Besichtigungen sind erst recht nicht jedermanns Sache, auch nicht die des Frühlingsflaneurs am Sonntag. Als er jedoch wieder in den Zug einstieg, bedachte er, daß "der Alte" sich diese Ruhestätte zwischen Schloß und Bahnlinie eigens ausgewählt hatte, um "auch nach dem Tode mit dem Leben verbunden zu sein", durch die vorbeibrausenden Züge hieran erinnert. Vergnügter noch gedachte er des "letzten Wortes" des Kanzlers. Der ließ in seinen marmornen Sarkophag "Ein treuer deutscher Diener Kaiser Wilhelms I." meißeln, als habe er nicht auch dessen zwei Nachfolger zu Dienstherren gehabt. Was wird sich Wilhelm II. entrüstet haben, als er bei der Beisetzung am 16. März 1899 diese Inschrift wahrnahm!

Nicht alle China-Interessierten mögen solche dürren historischen Anschaulichkeiten erquicken. Dann empfiehlt sich, vornehmlich bei regnerischem Wetter, zusätzlich ein Besuch im

Museum Rade

unweit der S-Bahnstation Reinbek. Nur gut 200 Meter vom Bahnhof entfernt liegt es, in Richtung auf Schloß Reinbek, an welchem sich bei schönem Wetter leidlich verweilen ließe.

10_ch_2Gegenwärtig, und bis in den Juni hinein, wird dort eine Fülle chinesischer Scherenschnitte ausgestellt: unterschiedlichste Formate, meist die bekannten Glücks- und Alltagsmotive, mit einigen Besonderheiten jedoch. Einige Bauernmalereien und Schattenspielfiguren aus Pergament ergänzen deren Ensemble, das unter dem Titel "Volkskunst aus China" präsentiert wird. Die Exponate stammen aus einer Münchener Privatsammlung und sind größtenteils käuflich zu erwerben. Die Höflichkeit gebietet, über die exorbitanten Preise nicht ein Wörtchen zu verlieren.

Auch sonst lohnt dieses Museum, das in den verwinkelten Räumen einer alten Villa angesiedelt ist, einen Besuch. Es beherbergt die Sammlungen von Rolf Italiander (20.2.1913 bis 3.9.1991). Dieser Schriftsteller und Sammler war eine der schillerndsten Gestalten der Hamburger Kulturszene, ein großer Kommunikator dazu. Auf ausgedehnten Reisen in Asien und Afrika hatte er seine Sammlungen zusammengestöbert, Volkskunst vor allem. Schließlich konnte er sich sogar seinen Lebenstraum verwirklichen - eben das Museum Rade, das bald in dieser Villa in Reinbek seine endgültige Bleibe fand.

In der Menge von Exponaten, die Wände, Treppenhäuser und Vitrinen füllen, lassen sich immer wieder außerordentliche Kunstwerke entdecken. Die China-Stücke darunter erscheinen als weniger spektakulär, ein Blick darauf lohnt sich trotzdem.
 
  Denjenigen, denen auch dieses Museum, verbunden mit einem Frühlingsausflug, noch nicht ausreichend Gelegenheit für Anregungen und Belebungen bietet, sei die Weiterfahrt zum

Erotic Art Museum

empfohlen. Sinnträchtigerweise am Nobistor gelegen, nahe der Reeperbahn, aber in gewisser Distanz zu dieser, zeigt es in vier schönen und lichtdurchfluteten Etagen - o Gott o Gott, was es nicht alles zeigt! Graphiken in allen Techniken, eine Überfülle Fotobilder dazu, einige Skulpturen, Marter- und Luststühle. Berühmte Namen signieren oft die Bilder. Da will der Flaneur sich lieber nicht in Einzelheiten verlieren.

Erwähnenswert findet er eine Bildokumentation über die Geschichte der Reeperbahn, und in dieser las er auch nach, was Altkanzler Schmidt von dieser hält. Leider vermißte er einen Hinweis darauf, daß die Reeperbahn auch ein wichtiger Ort für die Hamburger China-Beziehungen war. Dort wurde in einem -lange vergessenen- "Ballhaus" namens "Lange Mauer" Ende der 1920er Jahre der noch heute bestehende Chinesische Verein gegründet. Vergnügt stimmt die Erinnerung, daß manch eine HH Jungsinologin bei der Betreuung einer China-Delegation diese in das dereinst berühmt-berüchtigte "Salambo" mit seinen lebensnahen Darbietungen führte. Nach ihrem Auftritt wandten sich die Protagonistinnen dann den chinesischen Würdenträgern in der der ersten Tischreihe -sie waren schließlich betagt und kurzsichtig- etwas näher zu. Das überschritt deren Empfinden für das vertraute li, die "Sitte", beträchtlich! Ganz anders empfand offenbar ein weltweit bekannter "Neuest-Konfuzianer". Als er erstmals nach Hamburg kam, erkundigte er sich nach den Begrüßungshöflichkeiten ohne Umschweife nach dem kürzesten Weg zur Reeperbahn. - Damals gab es das Erotic Art Museum noch nicht, das ursprünglich in der Bernhard-Nocht-Straße lag und wohl den Interessen eines Privatmannes zu verdanken ist.

10_ch_3In ihm ist ein ganzer Raum den Ostasiatica gewidmet. Die chinesischen Ausstellungsstücke sind eher unauffällig, nach Zahl und Pracht der Darstellungen - neben den Monstrositäten der Japaner. Auch in dieser Art von Darstellungen zeigen sich kulturelle Unterschiede, die noch gar nicht interpretiert wurden. Chinesische erotische Darstellungen sind verhältnismäßig selten und unbekannt. Das mag daran liegen, daß derlei Bildfreuden in China zwar in der Zeit um 1600 einen Höhepunkt erlebten, aber danach, bis in die Gegenwart, immer wieder Proskriptionen unterworfen waren. Die frühen chinesischen Darstellungen sind deutlich auf eine eher partnerschaftliche, auch Mehr-Personen-Vergnüglichkeit ausgerichtet und dienten offenbar als Wegweiser in die häuslichen Freuden: "Frühlingspalast" hieß der Ort dafür denn auch, und "Frühlingsbilder" wurden die entsprechenden Darstellungen genannt, von denen wenigstens eine dezent einführende hier gezeigt werden soll. In Japan walteten offenbar eher Männer-Phantasien und eine Lust an Extremitäten.

10_ch_4Die chinesische erotische Kunst, auch die entsprechende Literatur, läßt sich bis ins Altertum zurückverfolgen. Schon in der berühmten Grabbibliothek von Ma-wang-tui, die bald nach 170 v.Chr. zusammengestellt und vor 30 Jahren geöffnet wurde, fand sich ein Text, der beachtenswerte Hinweise für das Liebesspiel gibt:
"Vor der Vereinigung von Yin und Yang verfahre folgendermaßen: Nimm zuerst die Hände der Frau, liebkose die Handrücken und gehe von dort aus weiter zu den Unterarmen. Dann bewege dich langsam aufwärts." In dem chinesischen Liebesklassiker Su-nü ching, "Leidfaden für ein reines Mädchen", der wenige Jahrhunderte später entstand, wirken solche Einsichten fort, für alle Teile des wechselseitigen Spiels. Beide Werke werden dann noch genauer, von späteren ganz zu schweigen. Davon weiß das Erotic Art Museum natürlich nichts. So erweist sich immer wieder als vorteilhaft, neben den frühlingshaften Freuden in Natur und Kunst auch diejenigen der Sinologie aufspüren zu können - in den verschwiegensten Randgebieten des Faches.

Der "Kampf der Systeme": frühlingshaft

Von allen nur erdenklichen China-Veranstaltungen in Hamburg fielen jüngst vor allem zwei auf - weil sie nicht unterschiedlicher hätten sein können:

Mit Förderung des Generalkonsulats der VR China wurde für den 3. April ins CCH eingeladen. Folklore war angesagt, aus der südchinesischen Provoinz Yünnan mit ihren zahlreichen Minderheitenvölkern, den sogenannten "nationalen Minderheiten". Diesen Ausdruck vermied Generalkonsul Chen Jianfu jedoch wohlweislich, als er sagte: "Das große Können bei Gesang und Tanz ist eine der Besonderheiten der Menschen in dieser Provinz, die sich aus 26 verschiedenen ethnischen Minderheiten zusammensetzt." 500 Hamburger ließen sich, nach Presseberichten, dieses "Können" nicht entgehen, nach dem der Artisten vom Großen Staatszirkus. Diese Art Kultur, in all ihren Verlogenheiten, exportiert die VR gerne, neben den Panda-Niedlichkeiten. Dafür ist sie freilich nicht zu tadeln, denn Hamburg schickte andersherum auch seine "Schüddelbüxen" aus Finkenwerder bereits mit staatlicher Förderung nach Shanghai.

10_ch_5Mit Förderung des Hamburg-Büros der Taipeh-Vertretung in der Bundesrepublik Deutschland, das -inoffiziell- ebenfalls den Rang eines Generalkonsulats hat, wurde für den 19. April zu einer Veranstaltung ganz anderer Art eingeladen, in den großen Saal der Musikhalle: "Frühlingskonzert. Nun eilt herbei, Witz, heitre Laune". - Das "Taiwan Jugend Orchester" spielte Stücke aus Opern und Operetten westlicher Komponisten, unter einem deutschen Dirigenten und mit -in der Einladung ungenannten- "internationalen Solisten". Gar zu gerne wären dabei ausschließlich taiwanesische Solisten erwünscht gewesen, nicht nur Orchestermusiker, denn allmählich erobern sich ostasiatische Sänger auch den internationalen Sängermarkt, seit die bisher berühmten Ausbildungsstätten in den osteuropäischen Ländern im letzten Jahrzehnt an Bedeutung verloren haben. Auch "heitre Laune" auf Chinesisch fand angesichts von Hamburger Musical- und Operettenseligkeit ein zahlreiches Publikum.

Interessant ist für den Beobachter vor allem, welch unterschiedliche kulturelle Strategien die "beiden" China bei der Verfolgung ihrer politischen Ziele einsetzen. "Sympathie-Werbung" ist schließlich der Hintergrund beider Veranstaltungen.
 
 
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